Aus der Vergangenheit. Von
Johannes Müller.
2. Epiſode aus einem Fürſtenleben.
Durchläuft man das große Buch der Weltgeſchichte im Ueberblicke, bemerkt ein neuerer Geſchichtſchreiber, ſo möchten ſich wenige Zeiten finden, in welchen die Fürſten mit regerem Ernſte und feurigerem Eifer das geiſtige Heil und die ganze innere Gedanken- und Gemüthswelt ihrer Völker in beſtimmten Richtungen zu leiten und zu fördern und in der allgemeinen Aufgeregtheit der Geiſter, die keinen unberührt und ohne Theilnahme ließ, dieſe Richtungen des geiſtigen Lebens in ihrem Fortſchwunge zu beſtimmten Zielen feſtzuhalten bemüht geweſen wären, als dies im Verlaufe des ſech⸗ zehnten Jahrhunderts in unſerm deutſchen Vaterlande geſchah.— Gewiß, dies ganze Zeitalter trägt das tiefſte Gepräge ernſten Ringens, und die neuere Zeit in ihren Hauptrichtungen iſt eine Frucht deſſelben, ſomit der thatſäch⸗ liche Beweis von der Energie, mit der die neuen Bahnen eröffnet, einge⸗ ſchlagen und fortgeführt wurden. Auf der andern Seite erwachten aber in Folge der allgewaltigen Regung aller Leidenſchaften auch die unlautern Triebe, die als Schattenſeiten neben der Lichtſeite eines löblichen Strebens einer ganzen Zeit gemeiniglich um ſo greller hervortreten. Die Leidenſchaf⸗ ten entfalteten ſich duſterer, die egoiſtiſchen Zielpunkte verdrängten die allge⸗ meinnützigen, und im Kämpfen darum ging ein großer Theil des angeſtrebten Beſſern zu Grunde. Für ein ſolches Chaos, wo der ſittliche Schwerpunkt hin⸗ und herſchwankte, ſeinen Einfluß auf die gährenden Zuſtände verlor, war der dreißigjährige Krieg ein beklagenswerther, aber entſprechender Ausgang.


