480 Gent. Von Friedrich Lampert.
öffnen die Thuͤr und bleiben überraſcht, wie an die Stelle gebannt, ſtehen. Eine Verſammlung der ſeltenſten Art füllt die Kirche. Dieſe ſelbſt liegt in tiefem Halbdunkel; nur vom Altar her werfen ein paar Kerzen ein ſchwaches Licht auf die dunkeln Geſtalten. 600 Frauen knieen im Schiff und Chor, in langen ſchwarzen Gewändern, während vom Kopf ein ſchleierähnliches wejßes Leintuch auf den Körper niederwallt. Einige tragen eine etwas an⸗ dere Kletdung, das ſind die Novizen; wieder Andere haben einen Kranz um das Haupt, die haben erſt kürzlich den Schleier genommen. Schweigend knieen die Beterinnen, tief den Blick zu Boden geſenkt; man meint faſt in eine Geiſterkirche zu ſehen. Da ſchweigt die Orgel, und nun beginnt ein ſo wunderbarer, wehmüthig ergreifender Geſang dieſer hunderte von Frauen⸗ ſtimmen, daß man ſich geſtehen muß, auch ſo etwas noch nicht gehört zu haben, wie man Aehnliches noch nicht geſehen hat. Es iſt nichts kunſtvolles in dem Liede, es ſind nicht lauter ſchöne Stimmen, aber ſie üben eine un⸗ widerſtehliche Gewalt.
Es wird dunkel; nur die weißen Schleier helfen noch etwas Helle machen. Da ertönt das Pax vobiscum, und nun geht ein lautes Rauſchen durch die Kirche. Die Beterinnen erheben ſich, ſchlagen in raſcher Gewandt⸗ heit den Schleier zuſammen, legen ihn ſich wie ein viereckiges Stuͤck Tuch auf den Kopf und verlaſſen langſam, wie in geordnetem Zuge das Gottes⸗ haus. Die dunklen Geſtalten ſchweben an uns vorüber, unſer Grüßen mit leichtem Neigen des Hauptes erwidernd, und verſchwinden dann in ihren Häuschen. Draußen iſt's indeſſen ganz Nacht geworden. Der Mond ſteht voll über der Kirche, und auf dem Beguinenhofe liegt ein tiefer ſtiller Friede.
Auch in der Stadt iſt's ſtill; das Mondlicht liegt auf den breiten Straßen und Märkten, und der Belfried ſteht als ein rechter Wächter da, der es noch nicht aufgegeben hat, ſein Gent zu beſchützen, wie er es vordem
gethan.


