Jahrgang 
2 (1858)
Einzelbild herunterladen

die Hülfsmittel der Briefe und Aufzeich⸗ nungen, die dem Fremden, wie das in Deutſchland üblich iſt, leichter zugänglich gemacht wurden als dem Einheimiſchen. Es ſind die ernſten und liebevollen Stu dien, die der Verfaſſer, unbeirrt von Leidenſchaft und Parteiſtellung, machte; iſt vor allen Dingen der klare, feſte Blick, der ſcharfe, hie und da anſchei⸗ nend ein wenig nüchterne Verſtand, der die Sachen nimmt, wie ſie ſind und vorliegen, der den Mann auffaßt, wie er iſt, der an ſeinen Werken nicht herumträumt, aus ihnen keine Schön heiten herausklügelt, die nicht d darin ſind, und die Vorwürfe von dem Mann und ſeinen Werken abwehrt, mit denen nur Verblendung und es iſt traurig genug zu ſagen religiöſe und politiſche Leiden⸗ ſchaften ſie überhäuft haben. Lewes gibt uns mit einem Wort den Göthe und ſeine Werke wie ſie ſind, während die bisherigen Biographen und Erklärer mehr oder weniger nur das gaben, was ſie ſehn wollten oder zu ſehn wünſchten. Ein Beiſpiel finden wir in der meiſter lichen Weiſe, wie der Engländer die Dichtungen, zumal den Fauſt, auffaßt und entwickelt. Er tritt entſchieden jener man möchte ſagen: unbegreiflichen Erklärungsweiſe entgegen, die in jedem Verſe, in jedem Abſatz einen gar beſon dern, myſteriöſen, extra erhabenen Sinn wittert und ihn auch richtig herausſchält; die im kleinſten Liede nicht den einfachen Herzens⸗ und Gefühlsausdruck ſieht, ſon dern bei jedem Wort noch von einer verſteckten Abſicht, von einer tiefſinnigen Ueberlegung des Dichters träumt. Das iſt der bare Unſinn, und wer jemals ein wahres d dichteriſches Schaffen an ſich ſelbſt oder an andern zu beobachten verſtand, muß es wiſſen, daß der ächte

XI

und rechte Dichter nicht arbeitet, nicht klügelt, ſondern es aus ſich heraus fließen läßt, wie es Herz und Geiſt gibt. Damit hat er in den meiſten Fällen auch die richtige Form; den paſſenden, un umſtößlich feſtſtehenden Ausdruck, damit gibt er das, was man in dem Stück zu ſuchen hat, ſei es ſein Gemüth und Ge fühl, ſei es ſeine Anſchauung und Auf faſſung. Wehe demjenigen, der in ſeine Dichtungen noch einen verſteckten Sinn bineinlegen will, den die Leſer heraus finden ſollen. Der mag ein gar beſon derer Schriftſteller werden, aber ein D der wird er nie, und am wenigſten ein ſolcher, wie Göthe es iſt in ſeinen beſten und erhabenſten Werken, in den Liedern, dem erſten Theile des Fauſt, Hermann und Dorothea, Werther und den frühern Büchern des Wilhelm Mei ſter. Nehmt den Göthe, wie er iſt; ihr braucht zu ſeinem Geiſte nichts hinzu zuthun nehmen könnt ihr ihm nichts; ſo wie er iſt, haben wir ihn, ſo wollen wir ihn, und ſo ſteht er feſt im Herzen und in der Liebe ſeiner Nation.

Wir gehn auf das Buch nicht weiter ein, da der Raum doch nicht geſtattet, uns hier ſo damit zu beſchäftigen, wie wir es müßten und möchten. Wir wol len nur das noch ſagen, daß der Menſch, der Dichter und der Gelehrte hier eine Würdigung erfahren, wie wir ſie ſo klar, ſo verſtändig und ſo liebevoll noch nirgends gefunden. Man ſieht das Bild, das man von dem großen Mei ſter in ſich getragen, immer deutlicher immer lebensvoller heranwachſen, man ſieht ihn in ſeiner Größe und in ſei ner Schwäche denn Göthe war ein Menſch, und der Biograph iſt zu ge recht, um die menſchliche und dichteriſche

Schwäche des Meiſters zu verbergen