Das Fräulein von Roc-estroit. Von
Claire von Glümer.
Im Schloßgarten von Roc⸗estroit war bal champetre; aber es waren nicht mehr die Abkömmlinge des uralten bretagniſchen Grafengeſchlechts, die ſich hier mit ebenbürtigen Gäſten, den Ancenis, Vitrés, Penthievres, des Daſeins freuten,— es waren Franzoſen oder doch franzöſirte Bretagner, und zwar größtentheils aus dem Bürgerſtande, Beamte, Kaufleute, Guts⸗ beſitzer aus der Umgegend.
Die Mode, die ſeit einiger Zeit das Seebad begünſtigt, hatte ſie mit Weib und Kind auf ein paar Sommerwochen an die Bucht von Roc⸗estroit geführt. Das Stammſchloß der einſt ſo gefürchteten Grafen war nur noch ein Logirhaus, das manches zu wünſchen übrig ließ, und die Uebecreſte der alten Pracht mußten, ſo gut es ging, zu der Bequemlichkeit und Unter⸗ haltung eines jeden dienen, der ſo und ſo viel Francs dafür ausgeben mag.
Dem Balle zu Ehren war die große Halle als Büffet eingerichtet; die verroſteten Waffentrophäen an den Wänden waren von Laubgewinden und dreifarbigen Fahnen halb verſteckt, und improviſirte, mit Teppichen belegte Treppen verwandelten die drei großen Fenſter, die nach dem Garten hinaus⸗ gehen, in eben ſo viele Flügelthüren. Auf der niedrigen Mauer zwiſchen dem Blumenparterre und dem ſogenannten Park— einem Gemiſch altfran⸗ zöſiſcher und engliſcher Gartenkunſt— ſtanden einige Windlichter, Papier⸗ laternen hingen zwiſchen den Bäumen und Gebüſchen, die den großen Raſenplatz im Halbkreis umgeben. Rings umher ſtanden Bänke für die Badegäſte, während ſich das beſcheidenere Publikum in grober Wolle und Holzſchuhen im Hintergrunde zuſammendrängte. Das ausgetrocknete Baſſin des Springbrunnens mit ſeinen zerbröckelnden Sandſtein⸗Delphinen war
Hausblätter. 1858. II. Bd. 1


