Jahrgang 
4 (1857)
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476 Skizzen aus Chili.

wände prüfend. Daß ihnen auf dieſe Weiſe unſere Spur unmöglich ent⸗ gehen konnte, war uns in unſerem Verſteck nur zu klar. War der Boden der Schlucht auch ziemlich hart, ſo war doch die Stelle, wo wir angehalten hatten, für das geübte Auge eines chileniſchen Häſchers kaum zu verkennen, und auch ein wenig Erfahrener würde unſere Fährte auf den beiden Ab⸗ hängen der Schlucht kaum verfehlt haben, da ſie auf dem abſchüſſigen Boden nur zu deutlich bezeichnet war. Angekommen an der Stelle, wo wir abgeſtiegen waren, machten auch unſere Feinde ſogleich Halt und ſchienen ſich einen Augenblick zu berathen, dann warfen ſie ſich von den Pferden und begannen ſogleich die Verfolgung, indem je fünf von ihnen anfingen, raſch auf jeder Seite des Thales den von uns hinterlaſſenen Spuren nach⸗ zuklettern. Zwei blieben bei den zurückgelaſſenen Pferden zurück und ein Dritter hatte ohne Zweifel die unſrigen bereits an den Ausgang der Schlucht gebracht und beobachtete gleichzeitig die Abhänge des Gebirges gegen die Ebene zu.

Während die fünf Schufte ziemlich eine Reihe einhaltend, in gegen⸗ ſeitiger Entfernung von etwa 15 bis 20 Schritten ſich uns immer mehr

näherten, warf ich einen Blick auf die uns entgegengeſetzte Thalwand, um

nach unſeren Fluchtgenoſſen zu ſehen, welche wir, zu ſehr mit uns ſelbſt beſchäftigt, bisher außer Acht gelaſſen hatten. Aber es war nichts von ihnen zu bemerken, und da die von ihnen gewählte Seite faſt gänzlich den Charakter der unſrigen trug, ſo ſtand zu vermuthen, daß ſie gleich uns ſich in einen Hinterhalt gelegt hatten und auf ähnliche Weiſe ihr Glück ver⸗ folgen wollten.

So ganz ungleich ſtand die Partie in der That nicht. Unſere Feinde hatten kurze, gezogene Karabiner, mit welchen ſie, wie uns bekannt war, zwar gut umzugehen wußten, ihre Piſtolen aber, welche ſte im Gürtel führten, waren auf die Entfernung, in welcher wir den Kampf aufzuneh⸗ men geſonnen waren, faſt nutzlos. Wir hingegen hatten franzöſiſche Dop⸗ pelgewehre und waren ſämmtlich keine ungeübten Schützen. Es kam alſo auf Beſonnenheit und Glück an. Leider aber war uns das letztere nicht günſtig.

Ich hatte meinem Gefährten, welcher links von mir hinter dem Felſen kauerte, zugeflüſtert, die zwei auf ſeiner Seite befindlichen Männer auf ſich zu nehmen, d. h. wenn ſie etwa auf fünfzig Schritte heran gekom⸗ men wären, einen nach dem andern niederzuſchießen; ich wollte ein gleiches mit den beiden andern thun. Wir hofften, daß der noch übrige fünfte entweder