462 Schleswig⸗Holſtein'ſche Bauern.
nirgends etwas der Art. Es liegt im Volke ſelbſt ein feiner und anſtän⸗ diger Sinn. Wenn der Däne Tolderlund, der als D. H. die Angler im Feuilletoniſtenſtile verarbeitet und dabei eine Menge kraſſer Lügen verbreitet hat, dies nicht Wort haben will, ſo kommt darauf nichts an. Die kriechende Freundlichkeit des Kopenhageners liegt einmal ſo wenig im deutſchen Blute als ſeine geckenhafte Eitelkeit. Ueberdies aber hätte der Herr Doktor bei einigem Nachdenken wohl begreifen lernen können, daß es nicht der„bauern⸗ hafte Mangel an Höflichkeit,“ ſondern der Abſcheu vor dem ſich hier breit⸗ machenden Dänenthum war, der ihm eine ſaure Miene wies. Endlich dürfte der Verfaſſer von„Ein Sommer in Schleswig,“ der ſich ſo allwiſſend ge⸗ berdet, als ob er den Leuten allenthalben in Kiſten und Kaſten hätte ſehen dürfen, bei denen, die im Bauernſtande Angelns die gute Geſellſchaft aus⸗ machen, ſchwerlich Zutritt gefunden haben und ſomit gezwungen geweſen ſein, ſeine Beobachtungen auf die wenigen Däniſchgeſinnten zu beſchränken. Einen Beſuch aus Süden heißt man immer willkommen. Beſuche aus Norden ſteht man, wenn es irgend thunlich iſt, mit dem Rücken an. Hinc illae lacrymae!
Von den Reicheren wird im Stillen viel Gutes gethan, und wem es ohne Schuld übel geht, dem wird gewiß geholfen. Die äußere Ehrerbietung gegen die Obrigkeit und die Geiſtlichkeit wurde früher nie, in den letzten Jahren nur in ſoweit außer Augen geſetzt, als man ſich vor Strafe ſicher wußte. Sonſt gilt jeder weltliche oder geiſtliche Beamte, was er werth iſt. An den früheren hing man mit Liebe. Angeln war das Land Goſen der Prediger. Als ſie abgeſetzt wurden, weil ſie treu am Rechte des Landes hielten, gaben ihnen ganze Gemeinden meilenweit das Geleit und ſendeten ihnen Ehrengeſchenke in die Fremde nach. Die jetzigen— ſagte man mir an mehr als einer Stelle— würden, wenn ein Umſchwung der Dinge ge⸗ ſchähe,„ſehr ſchnell ſein müſſen, wenn ſie vermeiden wollten, daß ihnen die Erhöhung Hamans zu theil würde.“ Auch an der Schule hing der Angler meiſt ſehr, jetzt iſt ſte ihm durch den däniſchen Unterricht noch mehr als die Predigt verleidet, bei der vor zehn Jahren nur die fehlten, welche das Haus zu bewachen hatten, während ſich jetzt mehr als fünfzigmal in drei Jahren der Fall ereignet hat, daß der Paſtor mit dem Küſter unverrichteter Sache nach Hauſe gehen mußte, weil ſich außer ihnen nicht eine einziger erwachſe⸗ ner Zuhörer zum Gottesdienſte eingefunden hatte.
Das geſammte Volk Schleswig⸗Holſteins iſt vorwiegend ernſter, wenig geſprächiger Natur. Bei dem Angler ſcheint dieſer Ernſt beſonders hervor⸗


