Jahrgang 
3 (1855)
Einzelbild herunterladen

Der Rebenbuhler im Traum.

Eine Cheſtandsgeſchichte von

Louiſe von Gall.

Louiſe von Gall, die Gattin Levin Schückings, ward im März dieſes Jahrs den Ihren und der Litteratur durch den Tod entriſſen. Sie ſtarb in der vollen Blüthe des Lebens, in der reichen Entfaltung ihres Talents. Ihre Geſchichten, ihre Romane und Bühnenſtücke zeugen alle von der hohen Begabung, von der lichtvollen Klarheit und heitern Anmuth, mit der ſie das Leben aufzufaſſen, zu durchdringen, wiederzugeben wußte. Die nachſtehende Geſchichte ward kurz vor ihrem Tode für uns vollendet. Wir gedachten ſie unſern Leſern mit voller Freude bieten zu duͤrfen, als das Produkt einer Lebenden und Strebenden. Und nun können wir ſie nur mit Wehmuth bringen, als Reliquie der Geſchiedenen.

Von allen Schulen iſt die, welche man dieSchule des Lebens zu nennen pflegt, ohne Widerſpruch die härteſte; drum gibt es viele, viele, die nur gebrochenen Herzens und Muthes aus ihr hervorgehen. Ich weiß nicht, ob es Auserwählte gibt, die niemals dieſe Schule kennen lernen; jedenfalls gibt es aber ſolche, die bis zu einem gewiſſen Zeitpunkt ganz von ihr ver⸗ ſchont bleiben, beſonders Mädchen, die, gehütet von mütterlicher Liebe und Sorge, nur das erfahren, was dem glücklichen Inhalt ihrer Jugendgedanken keine ernſte Färbung beizumiſchen vermag.

Leonore Neumann gehörte zu dieſen Glücklichen, Illuſionsberechtigten. Daß ſie das einzige Kind einer Wittwe war, deren Lebenshorizont von trü⸗ ben Erfahrungen frühe ſchon verdunkelt worden, hatte eben dazu beigetra⸗ gen, den ihrigen wolkenlos zu erhalten.Alles, was ich an Glück entbehrt habe, ſoll meinem Kinde zu theil werden, ſagte die Wittwe oft zu den wenigen Freunden, deren Umgang ſie noch genoß.

Frau von Neumann gehörte zu den Frauen, die man ſehr lange und

Hausblätter. Jahrg. 1855. III. Bd. 6