Der ſchwarze Annibale.
hatten und ganz arm waren, wie ſeine eigenen Kinder, deren er drei hatte, zwei Söhne und eine Tochter, beide mit uns ſo ziemlich in gleichem Alter, nur die Tochter war noch ganz klein und mochte ungefähr halb ſo alt ſein als ich, da ich in das Haus aufgenommen wurde. Obſchon nun der Oheim allen ſeinen Kindern ein guter und zärtlicher Vater war, ſo konnte ich doch bald ſehen, daß er ſeinen Aelteſten, den Annibale, vor allen am meiſten liebte. Der Annibale war aber auch ein Junge darnach, ganz des Vaters Ebenbild und ihm wie aus den Augen geſchnitten, daß es, je größer er wurde, ein Erſtaunen war für alle Menſchen. Als er wenig mehr als ſechs⸗ zehn Jahre zählte, war der Jüngling faſt ſo hoch wie ſein Vater und der kräftigſte und ſchönſte Burſche, der jemals ein Ruder geführt und eine Ta⸗ rantella geſprungen hatte in der ganzen Provinz. Aber dabei war er un⸗ gebändigt wild wie ein Teufel und jachzornig und auflodernd über das Geringſte, wie ein Pulverfaß; und in ſolchen Augenblicken konnte ihn kein anderer Menſch bändigen als der Vater, der, wie ältere Leute ſagten, in ſeiner Jugend gerade ebenſo geweſen war und dem Burſchen deßhalb auch vieles nachſah, ja ſogar ſeine geheime Freude an vielen ſeiner tollen Streiche hatte. Das war aber gerade das Unglück. Denn weil der Anni⸗ bale das wußte, ſo trotzte er darauf, und gab keinem Menſchen gute Worte, und wurde überhaupt ſehr ſtolz und hochmüthig. Die Kirche hatte auch keine Macht über ihn, denn der Vater liebte die Pfaffen nicht, wenn er ſie auch, der Mutter wegen, im Hauſe dulden mußte, die dafür den Vätern Franziskanern nur um ſo reichere Gaben heimlich ſpendete, je ſeltener Don Gaetano, ihr Mann, ſelber zu Beichte, Meſſe und Predigt ging. Und wie der Vater ſo ſein Aelteſter. Der zweite Bruder dagegen, Rafaello geheißen, war ein rechtes Pfaffenkind; denn er war ſchwächlich von Körper und über⸗ haupt in allem ſeinem älteren Bruder durchaus unähnlich, und die Mutter hatte nur den einen Gedanken, der ſie Tag und Nacht beſchäftigte, daß der Rafaello geiſtlich werden müſſe, um für die Sünden des Vaters und des Bruders zu beten, für deren Seelenheil ſich die arme Frau eigentlich jede Stunde ihres Lebens abſorgte und abängſtigte. Dagegen war die Schweſter der beiden Brüder, die kleine Angela, das jüngſte und letzte Kind der Familie, eine wunderſchöne Kreatur, geſund und kräftig und lieb⸗ lich anzuſehen wie eine Heilige, dabei klug und anſtellig wie Carmela, ähre ältere Spielgenoſſin, mit der ſie von früh an ein Herz und eine Seele war. Auch ich vertrug mich ganz gut mit allen, am beſten jedoch mit dem


