Jahrgang 
2 (1855)
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Maͤdchenbriefe.

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Geburtstag angefangen, obgleich ich mit meinen eigenen Sachen nicht halb fertig bin.

So oft ich mich in ein ordentliches Geſpräch mit ihm einlaſſen will, ſchreckt mich eine Plumpheit zurück, und er hat nicht einmal ſtudirt und ſpricht nicht Franzöſiſch, das einfachſte Erforderniß höherer Bildung.

Ich brachte neulich dasWort der Frau von Heiden aus meiner kleinen Bibliothek zum Vorleſen, Tobias las es wirklich nicht übel vor, und es fand mehr Beifall als ich geglaubt hätte, obgleich der Onkel ein paar⸗ mal dabei einſchlief, und nachher verſicherte, er wiſſe nichts mehr davon, als daß von einem gewaltthätigen Weibsbild die Rede ſei.

Frau Irmengard iſt auch nicht mein Ideal einer Frau, ſagte ich. Wollen Sie uns vielleicht Ihr Ideal ſchildern, Fanny? fragte Tobias. Ich höre lieber vorher das Ihrige, entgegnete ich, denn in der That, ich fand es nicht leicht und nicht nöthig, das ganze Bild ſüßer, hingebender WeWiblichkeit, vereint mit dem höchſten Geiſtesadel, ſo wie es mir vor der Seele ſchwebt, vor dieſen profanen Augen zu entfalten.

Mein Ideal? ſagte er,das iſt nicht weit zu ſuchen, es iſt meine Großmutter. Tante war ſchon wieder draußen, ich weiß nicht, was ſie immer zu thun hat.

Natürlich, ſagte ich etwas gereizt und unartig, wie ich nachher einſah,iſt Ihnen die häuslichſte Frau auch die beſte; je mehr eine waſcht und näht, kocht, pflanzt und ſpinnt, deſto vortrefflicher

Nicht weil die Großmutter kocht und ſpinnt, waſcht und näht und noch viel mehr thut, was Sie, Bäschen, nicht einmal wiſſen, fiel er, auch in verſtärktem Tone ein,ſondern weil ſte alles thut, was ſie kann, um Andere glücklich zu machen, weil ſie mit ſtillem Sinn vor Gottes Augen ihre Pflicht thut, und uͤber der Erde den Himmel nicht vergißt. Und wenn ich Ihnen in Kürze ſagen ſoll, welche ich für die beſte Frau halte, ſo ſage ich, es iſt, die ſich am meiſten ſelbſt vergißt, die am treueſten iſt über das ihr Anvertraute, ſei es nun wenig oder viel.

Ich weiß gar nicht, wie der ſtille Tobias zu ſo einer Rede und ich zu ſo heftiger Aufregung kam, faſt weinend ſagte ich:und weibliche Bildung, Talente, Kenntniſſe, verwerfen Sie natürlich, ſelbſt wenn ſie um eines Be⸗ rufes willen ausgebildet werden? eine ſo entſetzliche Ungerechtigkeit bringt mich immer beinahe außer mir.

Keineswegs, antwortete er wieder ganz ruhig,ſie gefallen mir