Mädchenbriefe.
das da zwar nicht ſpann, aber nähte;— ich war ſo überraſcht, daß ich, als ſie aufblickte und die Augen mit der Brille zu mir wandte, mit einem Schrei davonſprang, die Treppen hinunter und bis in die Küche zur Tante, die mich ganz verwundert anblickte.
„Tante, was habe ich für ein ſeltſames, altes Weiblein entdeckt!“ „Wo denn, du albernes Kind?“„Oben, ganz oben in einem verborgenen Dachſtübchen, da ſitzt ſie bei einer Lampe und näht.“„O du einfältiges Dinglein,“ lachte die Tante,„das iſt ja das Annamreile, unſere alte Nä⸗ herin.“„Aber warum habe ich nie von ihr gehört, Tante?“„Ja, was hätteſt du denn von ihr hören ſollen?“„Und warum ſtitzt ſte ſo hoch oben und ſo allein, und kommt nie herunter?“„Sie bleibt am liebſten in dem Dachſtübchen, weil ſte da ſchon gewohnt hat, als ſie meine Schwiegermutter in Dienſte nahm, und ſie kommt nicht herunter, weil ſie nicht mehr gut Treppen ſteigen kann, morgen kannſt du ihr neue Flickwäſche hinaufbringen und ſehen, daß ſie keine Fee und kein Erdfräulein iſt.“
Ich wurde noch viel ausgelacht mit meiner merkwürdigen Entdeckung;
aam andern Morgen kam ich bei Tageslicht hinauf und habe mir alles be⸗
ſehen. Annamreile iſt kein Weiblein, ſondern eine alte Jungfer, wohl achtzig Jahre alt oder mehr, mit der Brille aber, die glaub' ich auf ihrer Naſe angewachſen iſt, kann ſie noch das Feinſte nähen bei Tag und Nacht, ich wollte ſie malen, wie ſie Abends den Faden am Licht abbrennt, eh ſie einfädelt. Sie ſitzt unverrückt vom Morgen bis in die ſpäte Nacht auf einem alten, runden Tabouret mit drei gedrehten Füßen und einem ver⸗
ſchoſſenen blauen Ueberzug; vor ihr ein Nähkiſſen mit zahlreichen Steck⸗
nadeln beſteckt, die ſie aus zerbrochenen Nadeln mit Siegellack verfertigt, zu ihren Füßen eine alte graue Katze, zu ihrer linken Seite ein Korb mit dem ſchadhaften Weißzeug, zur rechten einer, in den das ausgebeſſerte kommt, ſo ſitzt ſie Tag für Tag in ihrer Dachkammer, am Fenſter, vor dem ein Rosmarin⸗ und ein Nelkenſtock ſteht. Das Eſſen wird ihr hinaufge⸗ bracht, und wenn ſie bei dieſer Gelegenheit nicht ein wenig plaudert, ſo hört und ſpricht ſie oft tagelang kein Wort. Tante beſucht ſie bisweilen Abends und ſteht ſehr vertraut mit ihr.
Mir kam die Entdeckung ganz erwünſcht. Mein Morgenkleid hatte im Garten einen Riß bekommen und mein Hauskleid einen großen Brandfleck in der Küche, ausbeſſern war nie meine Liebhaberei. Strümpfe ſtopfen, das


