Jahrgang 
2 (1855)
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4 Mädchenbriefe.

Wie's Vöglein ſingt in Lüften, Ausſtrömt die Blum' in Düften Wohl all ihr Herzeleid.

Ja, das hat ſich wunderbar gefügt.

Die Mutter und ich wußten kaum, daß Vater einen alten Onkel, Gutsbeſitzer weiß nicht wo, hat, mit dem er ſeit langen Jahren nicht mehr zuſammen kam. Er hat, glaub' ich, Vaters Heirath nicht gern geſehen. Nun, der Onkel kam, ich glaube ſeit Olims Zeiten zum erſtenmal wieder in Geſchäften hieher, und wollte bei der Gelegenheit doch nach der Wittwe und den Kindern ſeines Neffen ſehen.

Er iſt ein recht guter Mann, der Onkel, etwas eigen, etwas, ich möchte nicht gern ſagen roh, aber wie man eben auf dem Lande wird, und ziemlich materiell. Er wußte der Mutter ſeine Liebe und ſeinen guten Willen nicht beſſer zu zeigen, als daß er ihr Viktualien aller Art heimlich in die Küche ſtellte, bald eine Weinflaſche, bald Würſte, einmal zog er ſogar einen Haſen aus ſeiner eigenen Taſche. Nun, der Wille war gewiß gut, und er hat mich überglücklich gemacht durch ſeine Einladung auf längere Zeit zu ihm auf ſein Landhaus zu kommen.Das ſchmächtige Töchterlein geben Sie mir mit, Frau Nichte, die ſoll ſich bei uns rothe Backen holen, wird ihr auch nicht ſchaden, wenn ſie einmal ſieht, wo das Brod wächst und daß man die Milch nicht aus dem Brunnen ſchöpft, wie in der Stadt.

Das war ein Himmelswink für die gute Mutter, die ſich ſchon lang mit Plänen abgequält, wie ſie einen Landaufenthalt für mich möglich machen ſolle, und für mich! ich hätte laut jubeln können.

Süße, heilige Natur, Laß mich gehn auf deiner Spur.

Der Onkel reiste gleich ab, morgen werde ich nachfolgen, nachdem endlich, nach unendlichen Mühen, meine Ausſtattung für den einfachen Landaufenthalt beſorgt iſt.

Die gute Mutter! ſie hat ihren Hochzeitſchmuck aufgeopfert, um alles recht herzuſtellen, ſie hatte ihn mir zum Brautſchmuck aufheben wollen, mir zum Brautſchmuck! arme Mutter! ſie weiß nicht, daß ihr Kind dieſe Träume längſt begraben hat und getroſt einer einſamen Zukunft ent⸗ gegen geht, die es ſich ſchmücken will mit allen Blüthen der Freundſchaft und der Dichtung.

Bereits iſt alles fertig und gepackt. In zwei Koffern, drei Schachteln