Die hellen Fenſter. Eine alte Geſchichte
von
Edmund Hokfer.
Ein wundervoller Herbſttag, wie ihn nur nördliche Breiten ſo friſch und elaſtiſch, ſo duftig und doch auch wieder ſo ganz goldig rein zu bieten vermögen, neigte ſich ſeinem Ende zu und mein Boot lief luſtig vor dem halben Winde durch die Wellen hin; welche ſich von dem Unwetter des vorigen Abends noch nicht gänzlich niedergegeben hatten und uns hin und wider mit einer tüchtigen Sprühe überſchütteten. Da wir allmählig um die weit vorſpringende, dicht mit Wald bedeckte Landzunge wendeten, war es beinahe, als ob ein Vorhang ganz leiſe weggehe und vor unſeren Augen eine wunderbar ſchöne Decoration enthülle. Doch die Scene hier vor uns war halb großartiger, halb lieblicher, als es jemals auf dem vollendetſten Gemälde mit menſchlichen Kunſtmitteln wieder gegeben werden kann, in einer ſolchen Pracht, in einem ſo allmächtigen Glanz, in einem ſo göttlich reinen, ſüßen und tiefen Frieden ruhte Himmel, Land und Meer. Wie wir aus dem klaren Schatten jenſeits in dieſe Fluth von Duft und Licht hineintraten, war es ſo ſchön, daß ich nach einem Ausruf der Ueberraſchung und des Entzückens ſtumm und unwillkürlich die Hände in einander preßte und mich ſo weit wie möglich über die Spitze des Fahrzeugs hinaus legte, um durch nichts in der Rundſchau gehemmt zu werden und keinen Punkt und keinen Moment des Bildes zu verlieren. Es war ſo ſchön, daß ſelbſt mein alter Bootsmann einen Augenblick vergeſſen konnte, wie er die Fock⸗ ſchoote noch loſe in der Rechten hielt. Er ſtand ſo überraſcht und über⸗ nommen, wie man dort zu Lande ſagt, neben ſeinem Ruder, daß er nach einem tiefen Athemzuge die Arme feſt über die breite Bruſt zuſammen⸗ ſchlug und gleichfalls ſchweigend hinausſah. Das Flatter n des umſchlagen⸗
Hausblüätter. Jahrg. 1855. I. Bd. 2


