Jahrgang 
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ſo friſch und verlockend, daß ihre Begleiter in ihren fröh⸗ lichen Klang mit einſtimmten. Das junge Mädchen war von einer wunderbaren Schönheit, mit einem ſo eigen⸗ thümlichen Gemiſch von Kindlichkeit und feſtem Wollen, von Nachdenken und Heiterkeit, wie das wohl eigentlich nur auf der Grenzlinie zwiſchen Kind und Jungfrau zu finden iſt. Und die Grenze der Kindheit mochte das ſchöne

Mädchen wohl noch nicht lange überſchritten haben, wenn⸗

gleich ſie die üppigen und vollendeten Formen der Jung⸗ frau beſaß. Seidenweiches Haar, deſſen Schwärze einen faſt bläulichen Schimmer hatte, legte ſich in reichen, ſchweren Flechten um den ſchön geformten Kopf, und unter der weißen Stirn ſtrahlte ein Paar ſchwarzer Augen mit ſolcher Freudigkeit, mit ſo gläubigem Vertrauen in die lachende Welt hinaus, daß man verſucht wurde zu glauben, es könnten nimmer Thränen darin glänzen. Aber um den rothen Mund, da lag ein Zug wie Trotz oder Eigen⸗ ſinn, und die ſchönen Lippen konnten, das ſah man ihnen an, trotz des Lächelns auch im übermuthe aufgeworfen werden und konnten ebenſo tief verwunden, wie ſie durch Freundlichkeit entzückten. Der neben ihr ſitzende Herr, Graf Schlettendorf, war ihr Vater, ein wohl conſerbirter Funfziger, in deſſen freundlichem, ehrlichen Geſicht eine Herzensgüte ſich ausſprach, die nicht beinträchtigt wurde bon einem gewiſſen Stolz und Selbſtbertrauen, das ſich in ſeinem ganzen Weſen kund gab. Er war nicht blind gegen die Vorzüge einer hohen Geburt und weil er ſie zu ſchätzen wußte, bergab er ihnen auch nichts. Aber er war weit entfernt, nur das Angenehme ſeiner Stellung

hinzunehmen, ohne der Verpflichtungen eingedenk zu ſein,

die ſie ihm auferlegte. Er führte einen alten, berühmten

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