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Da ſchrie der Paſtor:„Nimm die Peitſche, Martin, wofür haſt du ſie? Biſt ein weichmüthiger Schlingel, haſt mir die Pferde ſchon ganz verwöhnt. Ich ärgerte mich längſt, daß ſie nur noch kriechen wie die Schnecken. Hau auf und mach' Furcht dahinter, das wird helfen.“
Martin brummte für ſich, doch ſchwieg er; denn er war eine devote Natur. Er gehorchte, bis die Schecke draußen im Graben lag und nicht eher wieder den Platz verließ, als bis ſie der Scharfrichter holte.
Der jungen Frau des Paſtors, der inzwiſchen geheirathet, brachte die Magd immer weniger Milch, die Kühe vermolken ihr Fleiſch, und als ſie wie Gerippe im Stalle ſtanden, wurde des Ertrags immer weniger und weniger. Bald fehlte die Butter auf dem Tiſch. Es hieß, die Kühe ſtänden trocken, bis ſie wie⸗ der kalbten. Bald fiel eine und andere wurden krank; der Hirte wurde geholt; er ſchmunzelte, beſah das Weiße im Auge und ſagte: die Kühe haben den Schwind, wir müſſen Sympathie machen. Sie wurde gemacht und das Vieh crepirte.
Indeſſen ſah es draußen auf dem Acker noch viel wunder⸗ licher aus. Der Paſtor fand das Düngerfahren immer ſchon be⸗ ſchwerlich und koſtſpielig.„Wozu das Vieh tagelang quälen?“ ſagte er, und wenn Martin klagte, daß er keinen Miſt hätte, freute ſich der Paſtor, daß die Arbeit wegfiel, die er im Aufladen und Breiten hätte bezahlen müſſen.
Die Beſtellung des Ackers war ſo viel leichter, und wozu war denn das Land da, als daß er Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer tragen ſollte? Klee bauen? Futter bauen? Dafür kann ja auch Getreide wachſen, das man verkaufen kann“, rechnete er.
So fuhr er faſt zwei Jährchen fort, als ſich an allen Ecken der Mangel einſtellte; die Pfarre war levig, Martin ſagte, die Mäuſe ziehen ſchon aus, weil's ihnen nicht mehr geheuer vor⸗ kommt. Braune Schmielen wuchſen auf dem Acker ſtatt des Ge⸗ treides, und wenn der ſchwere Zehntbeutel der Bauern, die dieſe Abgabe an jedem Martinstage in Geld abtragen mußten, und die Stol⸗ und Leichengebühren nicht geweſen, ſo hätte der Paſtor mit dem Stocke von der Pfarre laufen oder darauf verhungern müſſyn.
Dabei hörte er weder auf die Vorſtellungen ſeiner jungen Frau, die zwar ebenfalls eine Städterin, dennoch aus natür⸗ lichem Begriffsvermögen bald einige Einſicht in die Verhältniſſe bekam, noch auf die reſervirten Bedenken Martin's. Ja, er wurde bald eiferſüchtig und geberdete ſich wild, wenn er ſeine Ehehälfte wiederholt mit dem verſtändigen Knecht hinter ſeinem Rücken ſchwatzen fand. Er ſchob die Schuld ſeines offenbaren Misgeſchics auf den kaltflüſſigen, ſchlechten Acker, das naſſe Jahr und allerlei Anderes, beklagte ſich bei ſeinen nachbarlichen Amtsbrüdern, die ihm in allen Stücken Recht gaben, weil ſie meinten, er werde bald die fette Pfründe verlaſſen, mit der jeder Nachbar gern getauſcht hätte. Er bat auch wirklich beim Con⸗ ſiſtorium um Verſetzung, indem er ſich bitter dahin ausließ, die Stelle ſei mit ſechszehnhundert Thalern veranſchlagt uud bringe ihm kaum dreihundert ein. Die Behörde aber war glücklicherweiſe noch ſo gnädig, ihm eine ſcharfe Rüge zukommen zu laſſen, ſtatt ihn zu verſetzen.
Während des ganzen Vorgangs ſchüttelten ſeine Bauern nur mit dem Kopf über des Paſtors Wirthſchaft, wo ſie unter ſich zuſammen kommend, meinten:„Er muß doch grauſam viel Schulden haben, alle Tage wird's ſchlechter, ſie freſſen ihn noch lebendig auf.“
Sie ſchloſſen alſo aus ſeiner Sucht, um jeden Preis baar Geld aus der Wirthſchaft zu nehmen. Natürlich war dies ein heikliger Punkt; dieſe Wahrheit ſagten ſie ihrem Paſtor nicht ins wenn er ſich darüber auch mit ihnen in ein Geſpräch einließ.
So kam eines Tages Martin in ſeinem Sonntagskleid auf
des Pfarrers Zimmer; blaß und traurig begann er:„Herr Pa⸗ ſtor, Sie wiſſen, die Magd will fort, der Enke iſt fort, ich allein bin am längſten geblieben, weil ich von Jugend an auf dem Pfarrhof gedient hab und weil mir die gute Frau Paſtorin Leid thut, die nicht vafür kann. Aber nun geht's nicht mehr, Ihre Schulden werden und werden nicht alle. Weiß Gott, wo Sie die alle herhaben. Man macht wol einmal ein paar hundert Thaler
aus der Wirthſchaft, wenn's gerade ſein muß, aber immerzu es Alles verkaufen, das hält kein Edelhof nicht aus.“
„Was faſelſt du, Martin? Ich, Schulden?“ fuhr der Pa⸗ ſtor auf.„Ich habe keine Schulden!“
„Sie ha'n keine Schulden?“ rief Martin und ſtierte den Paſtor wie ein Ungeheuer an.„Und Sie ha'n zwei verhun⸗
gerte Pferde und anderthalb Kuh im Stall? Keinen Tropfen Binſen auf den Wieſen und Schmielen auf
Milch im Haus? dem Acker?“
Da kam ſeine junge Frau herein.„Nun ſiehſt du, Mann, wohin deine Sparſamkeit führt; eben läuft mir die Magd weg, der Martin will auch fort, ſie werfen mir vor, daß ſie Hunger und Noth leiden müßten. Und ich kann doch nicht anders, ich habe ſchon bei unſerm Nachbar Michiell an dreißig Thaler Butter⸗ ſchulden gemacht.“
„Dann muß ich nachlaſſen“, erwiderte erſchrocken der Mann, „ich habe bis jetzt erſt tauſend Thaler erſpart—“
„Ach du mein Himmel!“ platzte Martin heraus,„tauſend Thaler erſpart und wol an dreitauſend eingebüßt!— Die Wirth⸗ ſchaft iſt ganz und gar ledig, wir dreſchen dies Jahr das Brot nicht; die Mäuſe reißen ſchon aus, weil ſie nicht verhungern wollen, und ich kann auch nicht mehr bleiben, Herr Paſtor!“
„Martin, das geht nicht!“ begütigte der Pfarrer,„es wird wieder beſſer werden; wer kann für das naſſe Jahr und die Schmielen! Ich kann nicht dafür; ich bin ſtets ſehr ökonomiſch geweſen, hab' keinen Pfennig unnütz ausgegeben—“
„Ja wol ökonomiſch, Mann!“ fiel die Frau ein.„Unſer Nachbar Michiell ſagte erſt geſtern:(wer ſein Vieh hungern läßt, verhungert am Ende ſelber!— ich ſage dir, wenn die Magd und der Martin gehen, was ſoll ich anfangen? Dann gehe ich auch!“.
„Frau, was ſprichſt du? Du kannſt doch nicht gehen? Das wäre ein artig Beiſpiel für meine Beichtkinder“
„Ich gehe!“ ſagte Martin trocken.
„Ich gehe auch!“ erklärte die Frau und trat mit dem Fuß auf.
„Nein, ihr bleibt!“ rief der Paſtor wüthend.„Und nun laßt mich in Frieden, morgen iſt Sonntag, ich muß ſtudiren und — und— ich will von der ganzen Geſchichte nichts mehr wiſſen!“
„Ich wollte wol bleiben“, ſagte der getreue Knecht nach⸗ denklich,„aber Herr Paſtor—“ und er kraute ſich in den grauen Haaren,„das letzte Wort müßte auch eine feſte Brücke ſein—“
„Welches Wort?“
„Studiren, wie der ſelige Herr Paſtor, und ſich um nichts draußen mehr kümmern, mich und die Frau Paſtorin allein wirthſchaften laſſen—“
Der Pfarrer ſah Beide von oben bis unten an. Das kam ihm bald wie ein abgekartetes Spiel vor; eiferſüchtig konnte er doch unmöglich werden, denn ſeine junge Frau liebte ihn und Martin war ein alter häßlicher Greis. Aber glücklicherweiſe war ihm die Wirthſchaft längſt ſchon überdrüſſig geworden, ſeit⸗ dem ihm Alles ſo quer gegangen. Martin konnte er ebenfalls nicht entbehren, denn anderes Geſinde war noch viel aufbegehr⸗ licher und er hatte darin bereits Erfahrungen gemacht, die ihm ein ganzes Vierteljahr lang Stoff für die Kanzelermahnungen geboten hatten.
„Nun, ſo wirthſchaftet, wie Ihr wollt, ich will nichts mehr davon ſehen und hören!“ rief er nochmals.
„Aber erſt gib mir wenigſtens fünfhundert Thaler, Mann! Der Kuhſtall muß ſogleich wieder in Ordnung. Hans ſoll mir friſchmilchende Kühe kaufen!“
„O ſoviel!“ rief der Pfarrer und fuhr in der Stube umher.
„Jünfhundert Thaler!“ nickte Martin.„Ich brauch' auch ein gut Pferd— das Geld wird kaum reichen!“
Der Pfarrer mochte ſich winden und drehen, wie er wollte. Er mußte die Summe herausgeben, denn Martin wollte ſonſt wieder gehen und ſeine Frau auch.
Hierauf wirthſchafteten die Beiden, und es wäre trotzdem nimmer gegangen, wenn die Frau nicht noch einhundert Thaler nach dem andern, bis es wirllich an die zweitauſend wurden, von ihrem Vater geholt, ohne daß der Pfarrer es wußte. Endlich


