Jahrgang 
1868
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So ſchwer dieſer Gang ihm auch fiel den letzten Wunſch einer Sterbenden konnte er nicht unerfüllt laſſen. Aus ſeinem Herzen wär alle Bitterkeit und aller Groll ver⸗ ſchwunden er hoffte, daß die Unglückliche vor ihrem Hin⸗ ſcheiden ebenfalls mildern Gefühlen Raum gönnen werde.

Als er in das kleine Stübchen trat, worin ſie lag, fuhr ſie aus ihrem Halbſchlummer empor, reichte ihm die Hand und ſagte mit matter Stimme:

Ich danke Euch von ganzem Herzen, Grambow daß Ihr gekommen ſeid Ihr werdet nun bald für immer Ruhe vor mir haben! In den Stunden und Tagen, wo Schmerz und Haß meinen Geiſt verſtörten hab' ich Euch oft ſchweres Unrecht gethan. Ihr konntet nicht anders handeln, als Ihr gehandelt obgleich Eure Hand mich unglücklich gemacht hat. Ich hege keinen Groll mehr gegen Euch vergebt auch mir und mein Tod wird leicht ſein!

Grambow wollte ihr einige verſöhnliche Worte erwidern,

allein der Tod entrückte die Unglückliche dem dunklen Erden⸗ thal, als er kaum zu ſprechen begonnen hatte.

Tief erſchüttert begab er ſich auf den Heimweg und doch athmete ſeine Bruſt leichter es däuchte ihm, als riefe ihm eine Stimme zu:

Gehe ruhig heim das Unglück heftet ſich nicht mehr an deine Ferſen es iſt Alles geſühnt!

Am verfallenen Schloß inmitten der düſtern Fichten⸗ wälder aber herrſchte fortan tiefe Stille. Die unheimlichen Geſtalten, welche die Bewohner der Dörfer drunten in den Thälern in dunklen Nächten droben wahrgenommen, ließen ſich nicht mehr ſehen: nur die Rehe wanderten weidend auf dem Abhang der einſamen Höhe, und wenn der Mond hell ſchien

und die grauen Trümmer mit ihren ſeltſamen Baumgruppen und Gebüſchen beleuchtete, da traten ſie manchmal in den wüſten Burghof und betrachteten neugierig das geheimnißvolle Revier, welches die Menſchen ihnen wieder überlaſſen hatten.

Pm nhin.

Skizze von M. Ant. Niendorf.

Der iriſche Bauer hat ſeine Schweine, der romaniſche ſeine Ziegen, der finniſche ſeine Rennthiere, der deutſche Bauer hat ſeine Rinder. Vieh⸗ und Menſchenleben ſind bei Allen ſo intim in⸗ einander verwebt, daß bei den erſten dreien nicht einmal eine räumliche Trennung der Wohnungen vorhanden iſt, ſondern Menſch und Thier in einer Gemüthlichkeit neben einander hauſen, die von dem gebildeten Europäer als das Stadium der niedrigſten Cultur angeſehen wird. Auch beim deutſchen Bauer iſt Menſchenwoh⸗ nung und Kuhſtall immer zuſammengehörig; das echte deutſche Bauernhaus gönnt dem Vieh die Hälfte deſſelben. Pferde⸗, Schaf⸗, und Schweineſtall können abſeits im beſondern Gebäude liegen, der Kuhſtall iſt ſtets unmittelbar neben der Menſchenwohnung, links vom Flur der Menſch, rechts davon das Rind, die Küche zwiſcheninnen, denn auch fürs Vieh wird gekocht, die Wartung und Pflege iſt Sache der Hausfrau, das Gedeihen der innern Wirthſchaſt, der Friede und das Behagen der Dienſtboten der Familie hängt mehr, als man denkt, von der vollen Milchgelte ab, die die Wirthin eigenhändig dreimal des Tages aus dem Kuhſtall herüberholt.

Nicht umſonſt iſt der Wirth des Hofes ſtolz auf ſein Vieh, er zeigt dem Gaſte nicht ſein Geld oder ſeine Staatspapiere oder koſtbaren Möbel, Bilder und Bücher, er führt ihn in den Stall. Sein Auge leuchtet, wenn er dickhüftige Pferde, feiſte, aalhaut⸗ glänzende Kühe mit ſtrotzendem Euter aufweiſen kann. Ja, er prahlt damit und rechnet ſich das zum Verdienſt an, als ver⸗ ſtünde er die Schwarzkunſt, ſein Vieh durch Geheimmittel glatt⸗ häutig und dickleibig zu erhalten, während doch nur ein gutes Verdauungswerkzeug, das man brav mit Futter und immer wie⸗ der mit gutem Futter anfüllt, das ganze Geheimniß dieſer Hexerei iſt. Dennoch iſt es wahr und eine unbeſtreitbare Thatſache, der Kundige fühlt dem ganzen Vermögen der Wirthſchaft an den Puls, wenn er den Futterzuſtand des Viehes prüft, er weiß da⸗ mit den Preis des Gutes, ja, er ſieht dem Wirth damit bis in den Geldbeutel, er zählt darin die harten Thaler und ſchätzt in Staatsſchuldſcheinen die Hypotheken ab, die ſchon erübrigt ſind. Wo aber das Vieh hungert, da weiß er, iſt Alles leer, Scheune, Haus, Boden und Beutel, er kann ſelbſt in der Dorffeldmark die Ackerbreiten des magern Guts herauskennen. Warum es ſo iſt, warum es nicht möglich ſei, daß Jemand aus purer Eitel⸗ keit auf ſchönes Vieh halte und doch keine Rente von ſeinem Gute zöge, ähnlich wie das wol bei einem Städter der Fall iſt, welcher ein großes Haus macht, reichlichen Hausrath, Bediente und Equipagen hält, gerade um durch äußern Glanz den heran⸗ rückenden Concurs zu verdecken, das zu erklären, würde uns hier zu weit führen.

Uns läuft bei dieſer Betrachtung folgende Anekdote über den Weg Ein junges ſtädtiſches Herrlein war zum Landpaſtor avan⸗

zende Examina vollbracht und galt als ein gar gelehrtes Haus. Die Pfarre beſtand aus einem vollſtändigen Landgut mit vollen vier Hufen, reichlichen Gebäuden und Ställen, es war juſt ſo gut, wie der beſte Bauernhof im Dorfe. Der Acker galt als fett und ſchwer, der Vorfahr war vermögend darauf geworden, und unſer Nachfolger mußte das Vieh und Inventar von der abziehenden Witwe trotz der mäßigen Schätzung wol mit andert⸗ halbtauſend Thalern bezahlen. Nun wollte er, was ſehr menſch⸗ lich iſt, recht ſchnell ſein ſchönes Geld wieder haben und wo⸗ möglich noch ſchneller aus den Einkünften der fetten Pfarre er⸗ übrigen. Das mußte ſich ſehr leicht thun laſſen, denn er ſah, ſeine Bauern waren ſteinreich, trotzdem ſie ſo gar viele Abgaben, Laſten, Renten und ſchweren Zehnten zu tragen hatten, welches Alles er nicht zu präſtiren brauchte, ja die letztere Abgabe, den jährlichen Zehnten, ſelber noch einnahm. Er legte ſich alſo ſtark auf die Oekonomie und wollte ſparſam wirthſchaften. Dem Geſinde entzog er ſo viel er konnte, wiewol er behutſam dabei verfahren mußte, da es ſonſt nicht mehr bei ihm dienen wollte, allein das Vieh konnte nicht weglaufen, dieſe Raſſe war ge⸗ fügiger. Letzteres war übrigens gut genährt und dafür theuer ge⸗ nug bezahlt worden. Alle Tage eine Metze Hafer weniger für das Pſerd, das machte im Jahre viele Scheffel und viele Thaler Erſparniß, nur ein Pfund Schrot oder Kleie pro Haupt der Kuh weniger täglich, das ſummirte ebenfalls und es war ihm, nachdem er dies eingerichtet, an jedem Abend zu Muth, als hätte er, wie ein glückliches Kind, wieder den Tag ein Achtgroſchenſtück in die Sparbüchſe geſteckt. Zu viel Vieh, calculirte er weiter, frißt gar zu viel, dafür könnte man ja lieber das übrig bleibende Heu und Stroh verkaufen. Die Einnahme lockte; er ſchaffte die Hälfte ſeines Viehes ab, nahm ſchweres Geld ein und lachte in ſich über die dummen Bauern, die ſich ſo emſig mit Wartung und Zucht deſſelben quälten, denn er entdeckte jetzt erſt, daß ſo ein Stück Rind ja nur ein freſſendes Kapital ſei, da es das Jahr über wol dreimal den eigenen Werth aufzehrte. Drei Kühe we⸗ niger im Stall, das muß 500 Thaler Erſparniß geben! Dieſer Gedanke erſchien ihm, wie eine neue Entdeckung, auf die noch kein Menſch von dieſem beſchränkten Landvolk gekommen; und er wollte ihnen jetzt zeigen, wie ein ſparſamer Wirthſchafter zu Gelde kommt.

Wenn nun die Magd Kleie oder Kartoffeln verlangte, da⸗ mit die Lieſe oder die Lene im Kuhſtall recht auseutern ſollten, ehe ſie kalbten, ſo rief er:Wozu iſt ſie eine Kuh? Das Vieh iſt da zum Strohfreſſen, im Heu wüſtet ihr überdem genug; ich dachte viel mehr davon zu verkaufen!

Wenn der Knecht, der alte getreue Martin, kam, der ſchon fünfundzwanzig Jahre auf dem Hofe war, und ſagte:Herr Paſtor, die Schecke will nicht mehr ziehen, ſie bleibt vorm Wa⸗

cirt. Er hatte bis dahin hinter ſeinen Büchern geſeſſen, glän⸗

gen ſtehen, ſie wird immer halsſtarriger, je dürrer ſie wird.