ehemaligen Peinigers gleich fürchtete, am Bug des Bootes, um die Verfolgung beſſer leiten zu können. Eine halbe Stunde hatte der Flüchtling noch gewonnen und die Entfernung von ſeinen Verfolgern auf zwei Meilen vergrößert, die nun eine ſchwierige Aufgabe hatten, den erfahrenen Bootsmann bei dem großen Vorſprunge einzuholen, denn ſowie ſie Grund hatten, es zu Stande zu bringen, hatte er natürlich den gleichen Grund, es zu vereiteln. Von beiden Seiten wurden die An⸗ ſtrengungen noch vermehrt durch den Umſtand, den ſowol der Mörder als die Häſcher wahrnahmen— es war nämlich ein Schiff auf offener See in Sicht, das bei Wind ſegelte und offenbar nur an den Inſeln vorüberfahren wollte.
„Friſch drauf, Leute!“ ſchrie Forbes, als wäre er Kapitän eines Kriegsſchiffes.„Der verdammte Schurke ent⸗ kommt uns ſonſt. Ich ſehe die Flaggen des Schiffes, die Sterne und Streifen. Kommt er an Bord des Yankee⸗Klippers, ſo ſehen wir ihn nie wieder. Ausholen, ihr faulen Land⸗ ratten! Friſch⸗drauf!“
War die Wettfahrt bisher ſchnell, ſo begann ſie jetzt raſend zu werden, doch der Uebermacht konnte der Sieg nicht ausbleiben, das verfolgende Boot kam dem andern immer näher und näher. Sieben Tage Entbehrung hatten die Kräfte des Mörders herabgebracht, während die Verfolger bei vollen Kräften waren. Obgleich Tucker, der ſeine Gefahr ſowol als ſeine mögliche Rettung erſah, jede Fiber anſtrengte, war er doch noch eine halbe Meile vom Klipper und nur mehr eine Viertelmeile kaum von dem Boote der Häſcher entfernt. Noch einmal machte er die verzweifeltſte Anſtrengung, aber der Raum zwiſchen den Rivalen ſchwand zuſehends, bis nur mehr zwei Bootslängen übrig waren, während der Mörder noch mehr als hundert Yards vom Klipper getrennt war, auf deſſen Deck bereits die Mannſchaft angeſammelt war und der inter⸗ eſſanten Wettfahrt zuſah. Der Mulatte wurde bleich, als ob er von weißen Aeltern ſtammte, und ſchrie wie wahnſinnig; die Boote berührten einander faſt.„Vorwärts, ich ſpringe hinein!“ ſchrie Forbes. Er wollte es eben ausführen, als Tucker von ſeinem Sitze aufſprang und ſchnell, wie der Blitz, die zweite Piſtole, die er zur Selbſtvertheidigung ſich reſervirt
hatte, auf den Mulatten abfeuerte. Die Unſicherheit, mit der er zielte, ließ die Kugel harmlos doch ganz nahe am Kopfe des Mulatten vorbeiſauſen. Nun warf der Mörder die Waffe weg, ſprang mit dem Ausrufe„Rettet mich!“ ins Meer und ſchwamm dem Klipper zu. Aber eben ſo ſchnell, als er, war der Mulatte in den Fluten, und mit der Geſchwindigkeit eines Haies hatte er in drei Tempos ſeine Beute erreicht und beim Nacken gefaßt. Einige Augenblicke rangen ſie und verſchwan⸗ den dann plötzlich in den Wellen, aber nur um kurz darauf wieder emporzukommen, und zwar Tucker beſinnungslos und quer über die breite Bruſt des Mulatten ausgeſtreckt, der am Rücken liegend, vor Vergnügen grinſend, und ſeine weißen Zähne zeigend, dem Boote der Gerichtsdiener zuſchwamm.
„Was hat der Mann gethan?“ rief der Kapitän des Klippers durch das Sprachrohr.
„Er iſt ein Mörder“, war die Antwort.
„Dann lhncht ihn!“ erwiderte der Yankee, und ſeinem Schiffe Cours gebend, winkte er mit der Hand Abſchied. Der Gruß wurde erwidert, doch der Rath des Amerikaners nicht befolgt.
Tucker kam zu ſich, um zu erfahren, daß ein mehr geſetz⸗ liches Schickſal ihn erwarte. Er wurde zu Hamilton, der Hauptſtadt auf Bermuda vor Gericht geſtellt, und verurtheilt, auf dem Platze ſelbſt, wo er das Verbrechen begangen, ge⸗ hängt zu werden. Ich war befehligt, die militäriſchen Anſtalten zu treffen, um die Ordnung bei Vollziehung des Todesurtheils aufrecht zu erhalten. Die Todesſtrafe war auf Bermuda ſeit den Zeiten der Piraten faſt ein unbekanntes Ding, aber es war nicht ſchwer, einen Henker zu finden. So ſehr war der arme F.... unter der farbigen Bevölkerung beliebt und ſo groß die Wuth gegen den Mörder, daß ſich Mehrere freiwillig zu dem Dienſte erboten. Um jedoch eine Art Zartgefühl zu bewahren, und zugleich den Eindruck zu mehren, trug der Henker eine Maske, eine weite lange Blouſe und einen hahnen⸗ kopfähnlichen Hut mit Federn.
Dieſe Hinrichtung war die erſte, der ich beiwohnte, ich eben mußte, und auch die letzte.
weil
P. Salomon.
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Henriette Sontag in London,
1349— 1351. Biographiſche Skizze von Hermann Kindt. (Schluß.)
Endlich kam der Tag des Wiederauftretens ſelbſt. Es war am Sonnabend, den 7. Juli 1849. Ihr Debut war in Doni⸗ zetti's„Linda di Chamouni“. Das Haus war überfüllt, Hunderte, Tauſende hatten zurückgewieſen werden müſſen. Der Vorhang flog in die Höhe, und da ſtand ſie, mit allem Liebreiz, mit allem Zauber früherer Jahre ausgeſtattet. Ihr Auge war feucht) Ein Beifallsſturm füllte das Haus. Ein Beifallsſturm des Will⸗ kommens, der Freude des Wiederſehens, der Herzlichkeit. Die meiſten Zuſchauer waren tief gerührt. Ein alter Habitue der Oper ſagte mir, daß, wenn das Orcheſter drei Noten zu tief oder zu hoch eingeſetzt haben würde, das Publikum nichts gemerkt haben würde. Willkommen, willkommen! Hier und da lehnt eine hohe Frau ſich zurück, den Fächer vor dem Geſicht, der alten Zeiten gedenkend! Viele der alten Herren fühlen einen Kloß in der Kehle und putzen die Naſe immer von Neuem! Henriette Son⸗ tag ſingt. Sie ſtreckt die Hand aus zum Gegengruß, und die erſte Note zitterte hervor aus ihrem bewegten Herzen. Aber nur ein einziges Zittern! Ihre Augen ſuchen die Loge, in der ihr Gemahl und ihre Kinder ſich befanden: ſie iſt wieder Künſtlerin und nichts als Künſtlerin. Der herzliche Beifall des Willkommens gab dem größten Enthuſiasmus Raum. Es war nicht länger die Sympathie mit der Lady, die ihre Weltſtellung hatte auf⸗ geben müſſen; nicht die Neugierde, die Prima⸗Donna einer ver⸗ gangenen Generation wiederzuſehen; es war der Triumph einer großen, großen Künſtlerin und ihrer herrlichen Stimme! Es war
nur Eine Stimme im Publikum, daß ihr Geſang„as fresh, pure, and beautiful as ever“ ſei.
Sie hatte die Bühne außerdem noch als vollendete Schau⸗ ſpielerin wiederbetreten. Der einzige Vorwurf, der ihr früher gemacht worden war, daß ſie nämlich zu ſehr Sängerin und nicht Schauſpielerin ſei, konnte nicht mehr hervorgeholt werden. In der That, ſie ließ nichts zu wünſchen übrig, nichts. Jede ihrer Vorſtellungen war ein neuer Triumph. Sie ſang wieder im „Barbier von Sevilla“, wenn möglich noch vollendeter als vor zwanzig Jahren. Als Amina in der„Nachtwandlerin“ hatte ſie hier einen ſchwierigeren Standpunkt, da die Lind hierin, auf den⸗ ſelben Bretern und kurz vor ihrem eigenen Auftreten, ſolchen ungeahnten Beifall erregt hatte. Aber auch hier ſiegte ſie, noch unterſtützt von ihrer ganzen Individualität, die der Lind abging. Man dachte an keine Vergleichung mehr: die Sontag war unüber⸗ trefflich. Auch als Desdemona errang ſie neue Lorbern, trefflich unterſtützt von Moriani als Othello. In„Othello“ hatte ſie jedenfalls ungeheure Fortſchritte in hiſtrioniſcher Hinſicht gemacht, wenn man eine Vergleichung mit ihrer vormaligen Desdemona machen wollte. In früherer Zeit hatte ſie dieſelbe mit der Paſta als Othello geſungen, eine Caprice der letzten großen Prima⸗ Donna, die ſich darin mehr durch ihr vorzügliches Spiel als durch ihren Geſang auszeichnete. Allein jetzt war die Sontag der Glanzpunkt der Oper; Spiel, Geſang, Auffaſſung und Aus⸗ führung: alles war ſüperb. In hiſtrioniſcher Hinſicht war ihre
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