Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

reichte. Ein Knopf derſelben verſchwand nach dem andern, und mit jeder Minute konnten wir einen neuen Fortſchritt des feindlichen Elementes conſtatiren. Deſſen ungeachtet ver⸗ mochte ich es nicht über mich zu gewinnen, alle Hoffnung auf⸗ zugeben. Frau Suter hatte mittlerweile ihre Wehklagen ein⸗ geſtellt; es war ihr gelungen, einen hochgewachſenen Neger zu überreden, ſie auf ſeine Schultern empor zu heben. Sie befand ſich in dieſem Augenblicke in einer eigenthümlichen Selbſttäuſchung, die ihr fürs erſte ein trügeriſches Gefühl vor⸗ läufiger Sicherheit verhieß freilich dachte ſie nicht daran, daß der Inſtinct der Selbſterhaltung nicht minder ſtark in dem Neger war als in ihr ſelbſt, und daß er ſie aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ihrem Schickſal überlaſſen würde, ſobald das Waſſer ſo hoch ſtieg, um des Negers eigenes Leben zu gefährden.

Es gab in der That keine Ausſicht auf Rettung für uns, und wir konnten nichts thun, als mit Standhaftigkeit dem Tode entgegen zu blicken, der zollweiſe uns immer näher und näher rückte. Einen Moment ſchrecklicherer Spannung vermag die kühnſte Phantaſie ſich nicht vorzuſtellen. Ich habe in meinem vielbewegten Leben manchen Gefahren ins Auge geblickt, doch nie einer ſolchen, die derjenigen, in welcher wir uns in jenem düſtern Gewölbe befanden, auch nur entfernt zu vergleichen geweſen wäre. Man kann tapfer und uner⸗ ſchrocken ſein, wenn das Blut erhitzt iſt und man von dem Gewühle der Schlacht vorwärts getrieben wird; aber ruhig an einer und derſelben Stelle ſtehen müſſen und den Todes⸗ engel von Augenblick zu Augenblick und Zoll für Zoll näher herankommen ſehen, erfordert einen ganz andern Muth, einen ſolchen, der nur wenigen Sterblichen verliehen iſt.

Das Waſſer reichte nun beinahe zu unſern Schultern herauf, und auch meine Standhaftigkeit begann mich zu ver⸗ laſſen. Beinahe hätte ich laut um Hülfe gekreiſcht: es lag in dem Gedanken, wie eine Ratte im Keller hülflos erſäuft zu werden, etwas wahrhaft Grauſenhaftes.

Die Schilderung dieſer ſchrecklichen Scene erfordert nur wenig Zeit; doch ging das allmähliche Steigen des Waſſers ſo langſam von Statten, daß mehr als eine halbe Stunde verſtrichen war, ſeitdem das Waſſer in das Gewölbe einzu⸗ dringen begann. Und nun hörten wir abermals das dumpfe Rollen eines neuen Erdſtoßes und fühlten die durch denſelben verurſachte Erſchütterung. Aber gerade das, was unſer Ver⸗ derben zu beſchleunigen drohte, erwies ſich ſchließlich als heil⸗ bringend. Unmittelbar nach dem zweiten Erdſtoße ſank das Waſſer. Während der erſten Minuten vermochte ich kaum meinen Augen zu trauen, und jeden Moment erwartete ich, die Flut aufs Neue ſteigen zu ſehen bald aber gelangte ich zu der freudigen Ueberzeugung, daß das Waſſer in der That ſtetig und ſchnell abnahm. Es war ein Augenblick inniger Freude, obwol die Gefahren unſerer Lage noch nicht beſeitigt waren. Den unmittelbaren Tod durch Ertrinken hatten wir zwar nicht mehr zu befürchten; wie aber konnten wir, gleich⸗ ſam lebendig begraben, wie wir waren, aus dieſem ſchrecklichen Grabe befreit zu werden hoffen? Wie ſollten wir die Außen⸗ welt mit unſerer traurigen uad hülfloſen Situation bekannt machen?

In dieſem Zuſtande verharrten wir noch viele Stunden, und ein Theil dieſer Zeit ward von uns unter den neuen Schreckniſſen der tiefſten Finſterniß verlebt, denn die Lichter waren ausgebrannt und wir hatten keine andern gehabt, um die erſten zu erſetzen. Nach einiger Zeit ſchienen Alle in eine Art von Betäubung gefallen zu ſein, denn es wurde kein

696

Wort mehr geſprochen. Es kam ein Moment, in welchem ich glaubte, daß meine Vernunſt zuſammen zu brechen im Be⸗ griff wäre: in meinem Gehirne tummelten ſich ſeltſame und wahnwitzige Viſionen, und ſcheußliche Geſtalten ſchienen vor mei⸗ nen Augen zu tanzen. Aus dieſem Zuſtande ward ich durch ein entſetzliches Kreiſchen plötzlich emporgerüttelt.

Was gibt's? fragte ich.

Das Waſſer kommt wieder, rief Frau Suter. Sie es nicht?

Ich lauſchte. Ein Geräuſch ertönte allerdings, doch ſchien es nicht durch ein Eindringen des Waſſers hervorgerufen zu werden, und bald verſtummte es wieder. Ich taſtete umher; doch waren meine Sinne ſo erſtarrt, daß ich nicht zu unter⸗ ſcheiden im Stande war, ob das Waſſer ſtieg oder fiel, oder ob überhaupt noch Waſſer vorhanden war. Aufs Neue be⸗ gann ich zu lauſchen und hörte nicht nur abermals Geräuſch, ſondern gelangte auch zu der beſtimmten Ueberzeugung, daß der Schall von oben kam. Anfangs ertönte er wunderlich, doch ward er mit jedem Augenblicke deutlicher, bis ich endlich die Schläge von Spitzärten, das Geräuſch von Spaten und zuletzt ſogar die Töne menſchlicher Stimmen mit voller Klarheit unterſchied. Kein Zweifel mehr, man war für unſere Rettung thätig!

Unſere Freude über die herannahende Erlöſung aus einer ſo entſetzlichen Lage vermag ich nicht zu ſchildern, und wir Alle ſtimmten in die Acelamationen ein, welche die Neger ihren oben arbeitenden Kameraden entgegen ſandten. Einige Minuten ſpäter ging, zu unſerm unbeſchreiblichen Entzücken, die Fallthür auf und ein Strahl des Tageslichtes drang in unſern Kerker.

Ich verzichte auf jeden Verſuch, unſere Gefühle oder die wilden Freudenbezeigungen der Neger zu beſchreiben; ebenſo wenig vermag ich eine Schilderung der Art und Weiſe zu geben, in welcher Frau Suter ſich in der Raſerei ihres Ent⸗ zückens benahm. Ich weiß nur, daß Herr Gordon und ſeine beiden Töchter mich in ihrer freudigen Erregung umarmten und daß die Liebkoſungen der Letztern mir ſehr angenehm erſchienen.

Unſere gänzliche Befreiung wurde durch den Mangel einer Leiter noch eine Weile verzögert; endlich jedoch war eine ſolche herbeigeſchafft, und als wir wieder auf der Oberfläche der Erde ſtanden, bot ein beklagenswerthes Schauſpiel der Verheerung ſich unſern Blicken dar. Die ganze Landſchaft ſah aus, als ob ein verſengender Peſthauch über ſie hinge⸗ fahren wäre, und was noch geſtern in üppigem Grün ge⸗ prangt, war nun kahl nnd ſchwarz. Noch nie hatte ich eine ſo plötzlich eingetretene traurige Veränderung geſehen; alle Vegetation, alle menſchlichen Wohnungen und alles Thier⸗ leben waren gänzlich verſchwunden.

Die Paradies Villa war ein Trümmerhaufen und die Zucker⸗ ſiedereien hatten ſchwere Beſchädigungen erlitten; doch ertrug Herr Gordon ſeinen Verluſt mit lobenswerthem Gleichmuth.

Wir verdankten unſere Befreiung einer Abtheilung von Negern, welche bei einer eine halbe Meile von der Villa ent⸗ fernten Bucht, wo Herr Gordon einen Landungsplatz beſaß, beſchäftigt geweſen und die, obgleich der vollen Wuth des Orkans ausgeſetzt, unbeſchädigt davongekommen waren. Nach⸗ dem die Wuth des Sturmes ſich beim Anbruch des nächſten Morgens gelegt, waren ſie aufgebrochen, um das Schickſal ihres Herrn und ſeiner Familie zu ermitteln. Wir hatten vierundzwanzig Stunden in dem Gewölbe zugebracht den längſten Tag und die längſte Nacht, die ich je verlebt habe.

Hören

Mittheilungen aus Italien. II.

Florenz. Es iſt eine viel wiederholte Sage, daß Leute, die einmal unter dem Himmel Italiens athmeten, wenn ſie draußen von Norden kamen, nach der Heimat zurückgekehrt, immer wieder,

wenn auch im verborgenen Winkel des Herzens, einen geheimen Zug nach dem Lande der Hesperiden fühlen. Daß dies ſolchen vorzüglich begegnet, die ihr Empfinden in Kunſt und Poeſie groß

gezogen und einen Verkehr von eigener Art mit Mutter Natur