Jahrgang 
1868
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Der höhere Schwindel, der Humbug, blüht faſt ausſchließ⸗ lich in Amerika, reſp. in den Vereinigten Staaten. Er verfügt vort über Millionen von Dollars. Reguläre Compagnie⸗Geſchäfte, von vornherein auf Humbug baſirt, reichlich mit Geldmitteln aus⸗ geſtattet, werfen ſich auf alle Zweige der Speculation, und dieſe Schwindel⸗Aſſociationen ſind es, welche die meiſten Kriſen dadurch herbeiführen, daß ſie gemeinſam in dem Beſtreben thätig ſind, alle Geſchäfte von der ſoliden Baſis auf den Weg unſolider Speculation zu drängen.

Wir übergehen hier die Gaunereien, welche bei den Lieferungen für die Unionsarmee ſo zahlreich vorkommen. Geleimte Stiefel, Kartuſchen mit Sägeſpähnen anſtatt mit Pulver gefüllt und alte lecke Fahrzeuge ſtatt neuer Schiffe kann jede Regierung von be⸗ trügeriſchen Lieferanten erhalten, deren Beamten mit den Gaunern im Einverſtändniſſe ſich befinden. Wir ſprechen hier nur von jenen Aſſociationen, die ſich auf das Feld ſonſt ſolider Specu⸗ lationen begeben mit dem von vornherein gefaßten Vorſatz, einen großartigen Humbug in Scene zu ſetzen.

Zwei Hauptgebiete des Humbug ſind die Land⸗Speculation, (wozu der Städte⸗Bau⸗Schwindel zu rechnen) und die Eiſenbahn⸗ Unternehmungen.

Auch in Europa haben Speculation und Schwindel während der letzten Decennien auf dieſen Feldern allgemeiner Thätigkeit mit Erfolg gearbeitet, ſelbſtverſtändlich indeß unter viel ungünſtigeren Verhältniſſen, auf beſchränkterem Gebiet; denn nirgends auf der Erde ſind die Chancen für derartige Speculationen günſtiger als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Aus einem ſehr verdienſtvollen Werke des Doctor Eduard Wiß, vormaligen Conſul der Vereinigten Staaten in Rotterdam, gebe ich hier einige intereſſante ſtatiſtiſche Mittheilungen, welche dem Leſer ein Bild gewähren werden von der rapiden Schnellig⸗ keit des Wachsthums der Bevölkerung, der Anſiedelungen im Weſten und der Städte, ſowie von der fabelhaften Thätigkeit, welche die Amerikaner beim Ausbau ihres Eiſenbahnnetzes ent⸗ wickeln. Durch dieſe ſprechenden Zahlen wird das weiter unten Geſagte dem deutſchen Leſer zugänglicher und leichter erklär⸗ lich ſein.

Die ſtatiſtiſchen Quellen des genannten Werkes reichen bis zum Jahre 1790 zurück, in welcher Zeit die Geſammtbevölkerung der Union 3,929,827 Seelen zählte. Im Jahre 1810 zeigte eine Zählung 7,239,814 Bewohner des Vereinigten Staaten⸗ Gebietes; mithin hatte ſich die Bevölkerung in dieſen zwanzig Jahren nahezu verdoppelt. Freilich war inzwiſchen Louiſiana von Frankreich an die Union abgetreten. Im Jahre 1860 wurden 31,443,322 Seelen gezählt. Die Bevölkerung der Republik hatte ſich alſo in einem Zeitraum um 334 Procent vermehrt, in welchem ſich die Einwohnerzahl Preußens nur eben verdoppelt hatte. Und Preußen gehört noch zu denjenigen europäiſchen Staaten, die hinſichtlich der Bevölkerungs⸗Zunahme obenan ſtehen.

Noch aufſallender iſt das Wachsthum einzelner Städte, das ſeine Erklärung in verſchiedenen Urſachen findet. Nachſtehende

Tabelle zeigt die Zunahme der einzelnen Städte an Einwohner⸗

zahl ſeit dem Jahre 1800..

1800 1810 1820 1830 1840 1850 1860 1867 New⸗York 60,489 96,373 123,706 197,712 312,710 515,547 805,651 1,000,000 Vrooklyn 3,034 5,200 3,105 17,014 42,622 130,757 266,660 310,000 Philadelphia 81,005 111,210 137,097 188,961 258,037 408762 562,529 600,000 Eincinnati 752 2,540 9,602 24,832 46,338 115,436 161,044 170,000 St. ⸗Louis 16,469 77,860 160,773 160,000 New⸗Orleans 17,242 27,187 49,826 105,400 130,965 168,657 175,000 Chicago 4,479 29,960 109,260 230,000 Milwaukee 1,412 20,061 45,246 70,000

An Eiſenbahnen beſaßen die Vereinigten Staaten im Jahre 1830: 41 Meilen, im Jahre 1840: 2197, im Jahre 1850: 8590, im Jahre 1860: 30794 engliſche Meilen. Aus neuerer Zeit fehlen uns über die Länge der Schienenſtränge ſtatiſtiſche Angaben.

Dieſe wenigen Zahlen werden genügen, dem Leſer zu zeigen,

wie rapide die Bevölkerung der Vereinigten Staaten zunimmt, wie ſchnell die Dampfbahnen ihre eiſernen Netze über das koloſſale Gebiet ausſpannen, wie gewaltig das Wachsthum der Städte, namentlich im Weſten fortſchreitet. Cincinnati und New⸗Orleans ſeit dem Jahre 1860 verhältniß⸗ mäßig wenig an Einwohnerzahl zugenommen haben, findet Grund in dem Umſtande, daß gerade der Handel dieſer Städte durch den vierjährigen Bürgerkrieg am ſchwerſten geſchädigt wurde; während Chicago, Milwaukee und New⸗York den größten Theil deſſen ge⸗ wannen, was jene einbüßten.

Es läßt ſich begreifen, daß bei dem anhaltenden ſtarken Strom der Civiliſation nach den faſt unendlichen Prairien und Wäldern des Weſtens der Humbug auf dem Gebiete der Land⸗ und Eiſenbahn⸗Speculation üppig wuchert. Die Folgen bleiben natürlich nicht aus, wie die von zehn zu zehn Jahren faſt regel⸗ mäßig wiederkehrenden Kriſen genugſam beweiſen.

Aber ſo oft das wagende Kapital ſchwere Verluſte in dieſen Kriſen erlitten hatte immer wieder wurden durch die natür⸗ lichen Chancen, welche ſich der Speculation boten, große Summen in Land, Bauſtellen und Eiſenbahn⸗Unternehmungen angelegt, und immer wieder riß der Humbug den ſo leicht wagenden Amerikaner mit ſich fort. Namentlich haben die anfangs ſoliden Landſpeculationen bisher ſtets ein Ende mit Schrecken genommen.

Eine der häufigen Kriſen in der Landſpeculation trat um die Mitte der funfziger Jahre ein, zu einer Zeit, als der Hum⸗ bug in höchſter Blüte ſtand.

Chicags war es geweſen, welches durch ſeinen, ſelbſt in der Geſchichte amerikaniſcher Städte unerhörter Aufſchwung die ganze Union in fieberhafte Aufregung verſetzte.

In der That gehörte auch äußerſt kaltes Blut dazu, in jener Periode die Chancen richtig zu erkennen, welche Land⸗ und Städte⸗ Speculation boten. Die unglaublichſten Dinge geſchahen in den vierziger Jahren, zu jener Zeit, als die Schienenſtränge der Eiſen⸗ bahnen nach allen Himmelsgegenden gelegt wurden und ſchnaubende Locomotiven das beſte Calcul über den Haufen warfen.

(Schluß folgt.)

Das Teſtament Pudwig's XVI.

Wenn irgend etwas geeignet iſt, einen intereſſanten und in der Regel auch richtigen Einblick in die Tiefe der menſchlichen Seele werfen zu laſſen, ſo ſind es letztwillige Verfügungen, da ſie ein hochſchätzbares Material Demjenigen in die Hand geben, welcher retroſpectiv das Leben der letztwillig Verfügenden mit dem Inhalte der Urkunde vergleichend prüft, bei deren Abfaſſung ſchon die erfahrungsgemäße Wahrnehmung ihr einen erhöhten Werth verleiht, daß der rechtſchaffene Menſch in ſolchen Augenblicken ſelten mit einer Lüge aus der Welt zu gehen verſucht.

Wer vermöge ſeines Berufes Gelegenheit und Veranlaſſung hat, mit der Aufnahme von Teſtamenten oder andern letztwilligen Verfügungen ſich zu befaſſen, wird uns in Beziehung auf dem Privatleben angehörende Perſönlichkeiten aus eigener Erfahrung beiſtimmen. Hinſichtlich hiſtoriſch hervorragender Charaktere be⸗ rufe ich mich auf das Zeugniß der Geſchichte. Es würde ſich viel⸗

leicht empfehlen, wenn Biographen großer Männer, falls dieſe letztwillig disponirt haben, füglich mit der Verzeichnung des Te⸗ ſtamentes derſelben begönnen, und mit dieſem, wenn auch ſich ſelbſt ausgeſtellten Zeugniſſe in der einen Hand, den Lebensfaden des Verſtorbenen durch die andere gleiten ließen. Wie das Reſultat auch ausfallen möge, kann dem, der umſichtig und ohne Parteilichkeit verfahren will, gleichgültig ſein. Der Gewinn einer richtigen Beurtheilung ſteht nicht in Frage. Manche Leſer des Hausfreund dürfte es wol intereſſiren, auch von denjenigen letztwilligen Urkunden Kenntniß zu erhalten, welche hinter finſtern Gefängnißmauern, bei dem dumpfen Zwielicht eines trüben De⸗ cembertages aus der Feder des unglücklichſten Fürſten gefloſſen iſt, der je über Frankreich herrſchte, und welche er, ehe er ſeinen Kerker im Temple auf dem Gange zum Schaffot verließ, einer Commiſſion des Gemeinderathes der Commune von Paris verſie⸗

Daß ſpeciell St.⸗Louis,

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