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Galanterie, die man freilich auch einzelnen italieniſchen Briganten nachrühmt.
Benazet, der kürzlich geſtorbene Spielpächter von Baden⸗ Baden, war ein Galanthomme, wie er ſein muß, und auch Fra
Diavolo war eine ritterliche Perſönlichkeit, wenn man der Oper
Glauben ſchenken darf; aber es iſt doch ſo wenig, wenn ſie Einem
nur das nackte Leben ſchenken, nachdem ſie ihn ausgeplündert. Hans Wachenhuſen.
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Tolkutſchi-Rinok.
Eine Skizze von Friedrich Bücker.
Der Deutſche braucht ſieben, der Franzoſe ſechs Wörter, um das an dem Kopfe der Skizze ſtehende ruſſiſche Wort zu überſetzen. Tolkutſchi⸗Rinok heißt: der Markt, auf welchem man ſich ſtößt, oder: le marché ou l'on Se cogne, wie der Franzoſe überſetzen müßte.
Der Tolkutſchi⸗Rinok war bis zu ſeiner Einäſcherung im Jahre 1862 nicht nur der merkwürdigſte Markt Petersburgs, ſondern auch der bunteſte und verworrenſte der ganzen Welt. Der Pariſer„Temple“ und der Londoner Trödelmarkt verhielten ſich zu ihm, wie ein buntes aber ſtereotypes Moſaikſtück zu dem wechſelnden Figurenſpiel in einem Kaleidoſkop, das mit fabel⸗ hafter Geſchwindigkeit vor den Augen des Beſchauers gedreht wird.
Der ewige Wechſel an Phyſiognomien und Stoffen, wie ihn der Tolkutſchi⸗Rinok in bunteſter Moſaik aufzuweiſen, kann nur richtig begriffen werden, wenn man einen Blick in das tiefinnerſte Getriebe der nordiſchen Palmyra gethan. Petersburg iſt keine Stadt mit feſtſtehenden Typen, wie etwa Moskau, ſondern eine Metropole mit höchſt veränderlicher Phyſiognomie. Ihre Bevöl— kerung wechſelt täglich, ſtündlich und iſt in zwei Decennien voll⸗ kommen umgeſtaltet. Der Deutſche, ſelbſt der gewiegteſte Beob⸗ achter, findet bei nur kurzem Aufenthalte in der Newaſtadt, und ſelbſt bei öfterer Wiederkehr, keine Veränderung in den Mienen der Beherrſcherin des Nordens. Er ſieht immer wieder den langen Bart und den langen Kaftan des Kaufmanns, die rothen Hoſen und hohen Stiefeln des Dwornik oder Thürhüters, den ſchmuzigen Schafpelz und die nackte Bruſt des Rasnoſchtſchiks oder Umher⸗ wägers, den ſchwarzen Talar und langen Hirtenſtab des ſtumpf⸗ ſinnigen Popen, die ſchreiend bunte Tracht und den gigantiſchen Kopfputz der Ammen u. ſ. w. Er hört immer nur daſſelbe Geſchwätz der Neugier des ſtereotyp gekleideten Iswoſchtſchik oder Fuhrmanns, daſſelbe unharmoniſche Gebimmel der Kirchen⸗ und Kapellenglocken, dieſelben monotonen Ausrufe der Umherträger, welche Maroſchnoge (Gefrorenes) feil bieten. Auf dem Newſty⸗Proſpect luſtwandelt nach ſeiner Anſicht immer dieſelbe bunte Menge, der rothe Leib⸗ Tſcherkeſſe neben dem helmfunkelnden, weiß uniformirten Garde⸗ corps⸗Offizier, die diamantblitzende Ariſtokratie neben dem ſchlicht ſchwarz gekleideten hohen Staatsbeamten, der mit einer Unmaſſe von Orden behangene Invalide neben dem geckenhaft uniformirten Bengel aus dem Pagencorps, die bauſchig aufgeputzte käufliche Newa⸗Griſette neben dem blaſirten Modenarren der Boulevards.
Und doch ſind alle die Geſichter und Trachten andere. Der Iswoſchtſchik, welcher heute auf dem Bocke ſitzt und aus dem Lande der doniſchen Koſacken ſtammt, iſt übers Jahr verſchwun⸗ den und hat einem Großruſſen denſelben Platz überlaſſen. Der Tſchinownik oder Beamte aus der Ukraine hat mit einem anderen aus Podolien gewechſelt. Jener Honigwaſſer⸗Verkäufer iſt aus Sſamara und dieſer Dwornik aus Moskau; ſie fallen mit den Blättern und ziehen mit den Zugvögeln davon. Im Winter kannſt du ſie in Wologda oder Tambow als Poſtknechte wiederfinden. Dieſer Tſcherkeſſe ſtammt aus Cis⸗ und jener aus Transkaukaſien. Sie ſind heute als flüchtige Kuriere hier und morgen wieder ver⸗ ſchwunden. Jene käufliche Newa⸗Griſette reiſt vielleicht in einer Stunde ſchon mit ihrem verliebten Modegecken nach Moskau, um vielleicht noch vor Ablauf eines Vierteljahrs im Spital zu Odeſſa das Zeitliche zu ſegnen. Die brillantfunkelnde Fürſtin dort neben dem Staatsbeamten in Civil iſt nur Saiſon oder eines ein⸗ zigen Feſtes wegen nach der nordiſchen Palmenſtadt gekommen. Sie wird Petersburg nie wieverſehen; denn ihr Gemahl iſt nach der äußerſten Grenze Sibiriens, nach Ochotsk, verſetzt worden.
Petersburg gleicht einer großen Karavanſerei, die nur auf kurze Zeit beherbergt und dann den alten Schub der Wanderer
nach allen Winden auseinanderfegt, um einen neuen Schub ein⸗ zulaſſen. Jeder, der nach Petersburg kommt, will in kürzeſter Zeit verdienen, zuſammenraffen, reich werden, um dann wieder von dannen zu eilen. Die nordiſche Palmyra iſt nicht nur für die deutſchen, franzöſiſchen und italieniſchen Künſtler erſten und zweiten Ranges die goldene Gans, die unaufhörlich mit größter Emſigkeit gerupft wird, ſondern auch für den Nationalruſſen jedes Standes und Ranges die milchende Kuh, deren Euter raſtlos, thierquäleriſch gezogen wird. Am deutlichſten zeigt dies die ewig geſchwätzige Zunge und das ganze Gebahren des Iswoſchtſchik oder Fuhrmanns. Sobald ein Troß Reiſender auf dem Bahn⸗ hof oder dem Landungsplatz der Dampfer eintrifft, ſtürzt ſich die ganze Rotte der Fuhrleute den Ankömmlingen entgegen und ſucht durch ein Geſchnatter, wie es eine Heerde geſcheuchter Enten ähn⸗ lich hören läßt, den Fahrgaſt in die Droſchke hinein zu compli⸗ mentiren. überall, wo ſich ein Fußgänger blicken läßt, ertönt das: Wollen Sie nicht fahren, Herr? Herrchen, meine Droſchke. Der Fuhr⸗ mann kann vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend ſeine Droſchke kaum einen Augenblick leer ſehen; er muß fahren, ſeinen Gaul bis zum Skelet hinuntermergeln, die Droſchke bis auf den letzten Fetzen ausnutzen— um ſo ſchnell wie möglich Geld zu⸗ ſammenzuſcharren und dann von dannen zu eilen. Selbſt die hohe Ariſtokratie, welche die Saiſon inmitten blitzender Feſte und feenhafter Beleuchtungen in Petersburg nur zu verleben ſcheint, um ſich zu beluſtigen und rupfen zu laſſen, hat ihr Hauptaugen⸗ merk auf den Gewinn gerichtet und ſchließt rieſige Branntwein⸗, Getreide⸗ und Mehllieferungen, koloſſale Heerden⸗, Häuſer⸗ und Güterverkäufe ab.
Daß in einem ſolchen Strudel und Wechſel des bewegten Lebens der Tolkutſchi⸗Rinok in größter Blüte und einzig in ſeiner Art daſtehen mußte, liegt auf der Hand. Jeder, der in die nordiſche Palmyra aus⸗ und einzog, oder auch nur ſeine Wohnung wechſelte, hatte etwas für den Tolkutſchi⸗Rinok, oder wollte etwas von ihm. Jedes Stück, welches auf dem berühmten Trödelmarkt gekauft oder verkauft wurde, erſchien überdies nach Jahr und Tag wieder auf demſelben. Es konnte dort nichts aus dem Strudel geriſſen, verdrängt werden; es zeigte ſich wieder, wenn auch in veränderter Geſtalt und Farbe. Der unechte Schmuck einer leicht⸗ fertigen Dirne tauchte auf dem Trödelmarkt als Bekleidung und Verzierung eines Heiligenbildes wieder auf, und umgekehrt. Die Lumpen kehrten als Makulatur zurück, die blinkenden Metall⸗ Beſchläge der Pſalter und Hauspoſtillen als Bilderrahmen, die Stickereien auf Cigarrentaſchen, Briefmappen und Wandkörbe als Gürtelſchmuck einer Jungfrau, ſeidene Kleider als Steppdecken, Teppiche als Pferdedecken, Uhrgehäuſe als Ohrgehänge, Waſch⸗ törbe als Wiegen, Lampenglocken als Blumenvaſen, Leuchter als Kuchenformen, Pferdeſtriegel als Waffeleiſen, Viſitenkartenteller als Salonſpucknäpfe, uralte Möbel als Brennholz, Brennholz als Aſche und Aſche als Laugenſalz.
Das Kind war mit dem richtigen Namen getauft worden: Tolkutſchi⸗Rinok, Markt, auf welchem man ſich ſtößt. Das Ge⸗ dränge auf demſelben war fürchterlich. Stöße, Püffe, Tritte wur⸗ den nach allen Seiten ausgetheilt und wiedergegeben. Niemand brauchte um Entſchuldigung zu bitten, wenn er ſeinen Vordermann über den Haufen warf, oder zu danken, wenn er ſelbſt getreten wurde. Er war ja auf dem Markt, auf welchem man ſich ſtößt! Konnte er keine Püffe und Stöße ertragen und auch keine aus⸗ theilen, ſo mußte er den Tolkutſchi⸗Rinok meiden. Ich habe die tauſend und abertauſend Buden nicht überſehen, geſchweige denn zählen können, welche auf dem koloſſalen Viereck zwiſchen der
Auf den Straßen, auf den Plätzen, vor den Kirchen,
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