Jahrgang 
1868
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finden, die ſelbſt den ſchlaueſten Dieb zur Verzweiflung bringen und ihm ſehr bald einen vollſtändigen Ueberdruß an ſeinem elen⸗ den Gewerbe verurſachen ſollten. Von der Nutz⸗ und Brotloſig keit ſeiner Diebeskünſte überzeugt, würde er zu einem ehrlichen Erwerbe greifen.

Soweit Girardin's Erfindung, die ganz auf meinen eiſernen Geloſchrank als Wohnung hinausläuft. Wozu haben wir echte ſilberne Löffel und Gabel, wozu echte Diamanten und goldene Uhren, da die unechten doch ebenſo blank ausſehen! Schafft das Alles ab, führt den Tauſchhandel wieder ein, und die Diebe wer⸗ den ſich alle aus Lebensüberdruß erhängen!

Girardin's Idee erinnert mich übrigens an die Maina, jene griechiſche Provinz, das einſtige Arkadien, in welchem der Sage nach früher die glücklichſten Leute, meiner Erfahrung nach aber gegenwärtig die größten Halunken wohnen, als welche die Mainoten hinlänglich bekannt ſind. In der Maina hat in allen Dörfern jedes Haus ſeine Schießſcharten; der Beſitzer deſſelben liegt ſtets auf der Lauer gegen ſeinen Nachbarn, der jeden Augenblick auf die Idee kommen kann, in ſein Haus einzubrechen, ihn zu über⸗ fallen, zu erwürgen und zu beſtehlen.

Polizei und Gensdarmen haben dieſe glücklichen Hallunken natürlich nicht; ſie ſind fortwährend bemüht, ſich gegenſeitig das Rauben und Stehlen mit der Flinte in der Hand abzugewöhnen; aber ich habe noch nicht gehört, daß es ihnen bis jetzt ge⸗ lungen ſei.

Wo ſoll man alſo heute noch glücklich und ſicher ſein, wenn's ſelbſt in Arkadien nicht möglich iſt!

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Es kommt endlich Alles an den Tag, und ſo hat ſich auch das Geheimniß enträthſelt, weshalb die Seidenſtoffe im Preiſe ge⸗ ſtiegen. Für meine Leſerinnen wird dieſe Nachricht von unge⸗ heuerem Intereſſe ſein und mancher Ehemann ſich als ein Opſer des gemeinſten Betruges erkennen, der ihn zu ſchweren Ausgaben gezwungen.

Seit langer Zeit nämlich bezieht Italien von Japan all⸗ jährlich eine Million Cartons mit den Graines der Seidenwürmer. Zum Entſetzen aller Seidenwurm⸗Züchter wurden dieſe Cartons mit jedem Jahre ſchlechter und die wirklich gute Seide ſtieg da⸗ durch zu enormen Preiſen.

Jetzt endlich hat man die Urſache entdeckt: Man confiscirte nämlich in Mailand zwanzigtauſend nachgemachter japaneſiſcher Schachteln, die alle mit einer gefälſchten Original-Etikette ver⸗ ſehen waren, wie ſie von Japan ſonſt geliefert worden, um ihre Echtheit zu documentiren. Belrügeriſche Beamte hatten dieſen Unterſchleif ſchon ſeit Jahren mit dem beſten Erfolge getrieben. Sie hatten dieſe in Italien fabricirten Cartons mit italieniſchen Graines gefüllt, die von der Seidenwurmkrankheit behaftet waren, die Ernte fiel deshalb in jedem Jahre ſchlechter aus, der Handel ſiechte, die Züchter machten ſchlechte Geſchäfte, und das Publikum mußte horrende Preiſe bezahlen.

Paris iſt wiederum der Schauplatz eines myſteribſen Dramas, das noch nicht enträthſelt werden konnte.

Mehrere Tage hindurch drängte ſich eine dichte Menſchen⸗ menge um die Morgue, in welcher bekanntlich alle Leichen, die man aus dem Waſſer zieht, mehrere Tage hindurch ausgeſtellt werden, um ſie identificiren zu laſſen.

Auf der zweiten Steinplatte der erſten Reihe in dieſer traurigen Halle ſah man jetzt die Leiche eines Kindes, das aus der Seine gezogen worden, eines zwei oder drei Jahre alten Mädchens mit blondem, goldigem Lockenhaar, das üppig auf ſeine Schultern herabfiel, blauen Augen und feinen ariſtokratiſchen Geſichtszügen. Das Kind hatte, als man es aus dem Waſſer zog, keine andere Kleidung als ein feines Hemd, in welchem ſich kein Namenszeichen befand.

Man vermuthet hiernach, daß das unglückliche kleine Geſchöpf keineswegs das Opfer eines Zufalls geworden, ſondern, da es keinerlei Zeichen äußerer Gewalt an ſich trägt, Nachts während des Schlafes aus dem Bette genommen und von verbrecheriſchen

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Händen in die Seine geworfen worden, aus welcher man es vier⸗ undzwanzig Stunden ſpäter herauszog.

Wie Viele auch die Morgue umdrängten, Niemand konnte bis jetzt über die Herkunft des Kindes irgend eine Mittheilung machen, Niemand kam, um das arme Opfer zu reclamiren. Da⸗ hingegen ergriff eine in der Nähe der Morgue wohnende Dame die Initiative, indem ſie eine Collecte eröffnete, um dem Kinde ein glänzendes Begräbniß zu veranſtalten.

Alle Wäſcherinnen, die ſo zahlreich in der Nähe der Morgue wohnten, betheiligten ſich an dieſer Sammlung, und ſo ward denn die Leiche, als die Beerdigung nothwendig ward, unter der all⸗ gemeinſten Theilnahme beſtattet.

Die Polizei ſoll inzwiſchen auf eine Spur geleitet worden ſein, die zur Entdeckung dieſes Verbrechens führen dürfte.

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Gounod hat denFauſt in Muſik geſetzt, und das war gut. Jetzt aber ſchreibt mir ein Freund aus Italien, man er⸗ warte auf der Bühne demnächſt ein großes Ballet, deſſen Stoff eine choreographiſche Nachbildung des Goethe'ſchenFauſt ſei. Das ſittſame Gretchen alſo wird in dieſem Ballet ein großes pas de deux mit Mephiſtopheles tanzen; im Hintergrunde ſteht

Martha und ſchlägt die Becken, Siebel den Triangel. Wenn Fauſt das Gretchen anredet:

Schönes Fräulein darf ich's wagen,

Arm und Geleit ihr anzutragen,

ſo ſchlägt Gretchen ihm vor der Naſe ein ungeheueres Battement und verſchwindet mit einem pas de Känguru, um dem Ver⸗ führer zu entfliehen.

Die Hungersnöthen der letzten Jahres konnten nicht ſchlimmer ſein, als die Weibernoth, an der das unglückliche Canada leidet. Die Männer, ſo erzählt man, gehen in Verzweiflung umher; die Noth um Frauen ſteigt mit jedem Monat, es iſt nicht abzuſehen, was daraus werden ſollte, wenn nicht Miſtreß Rye ſich ihrer er⸗ barmte. Dieſelbe iſt nach England gereiſt, um dort eine groß⸗ artige Rekrutirung für Canada zu veranſtalten, und ſie faßt ihre Angelegenheit beim richtigen Zipfel an. Vor Allem hat ſie große Meetings berufen, in welchem ſie den unverheiratheten Frauen Englands zuruft:Ihr Unglücklichen, verlaſſet das Land des Ne⸗ bels und der Armuth, wo die Männer Euch ſechs Tage mis⸗ handeln und ſchlagen, um ſich am ſiebenten zu betrinken! Kommt mit mir in das Land der Sonne und des Goldes, dort findet Ihr Liebe, Reichthum und alles Glück, das der Himmel einem Sterblichen beſchieden haben kann! Auf nach Canada, wo Tauſende von Männern Eurer warten, um Euch auf ihren Händen zu tragen!

Alſo ſpricht Miſtreß Rye zu den blonden Miſſes, und ihre Worte fallen nicht auf ſteinigen Boden. Schon haben ſich an zweihundert Jungfrauen entſchloſſen, dem Rufe dieſer Glücks⸗ Prophetin zu folgen. Miß Rye hat den Erfolg ihrer Miſſion telegraphiſch nach Canada gemeldet und die Männer dort in einen Freudentaumel verſetzt. Man errichtet in allen Städten Canada's bereits Ehrenpforten, bereitet glänzende Feſte, um die Ankunft der zu erwartenden Gattinnen zu feiern, und manches