Jahrgang 
1868
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von der ich mich mit verzweifelten Anſtrengungen loszu drücken ſuchte. Unfähig, meine Hände empor zu bringen, und vergeblich nach Luft und Freiheit ringend, war ich dem Erſtickungstode nahe. Da in der höchſten Noth ſchwang ſich ein muthiger Mann der Ordnung beherzt auf das Gitter und wehrte, indem er mit Stentorſtimme ausrief:Donnerwetter, jetzt hört das unvernünftige Gedrängle auf, wuchtig die von der Seite Andringenden ab; ſo daß ſich die gequälte Schaar wie ein ruhiger Strom in die Enge des Gitters und in den weiten Corridor ergaß. Mein muſikaliſcher Nachbar war mit mir zugleich ſiegreich vorgedrungen und ſchrie, als er mich drinnen erblickte:Mir nach, lieber Freund. Sprach's und eilte mit mächtigen Sätzen, den Clavierauszug kühn in der Rechten ſchwingend, die Steintreppe zurControle hin⸗ auf. Dort tauſchte er ſeine Marke um und jagte dann mit verhängtem Zügel davon. Ich that ein Gleiches und folgte ſeiner flüchtigen Spur. Zwei, drei, vier, unendlich viele kleine Treppen ſtürzten wir galopirend hinauf, hinter uns keuchten mühevoll die Anderen nach. Endlich, endlich kamen wir ſchweißtriefend und erſchöpft wie gehetztes Wild oben an wir waren auf dem Olymp! Aber auch hier noch keine Raſt. Erſt nachdem wir einen Garderobier als Antwort auf ſeine lakoniſche Frage:Zettel? Garderobe? noch lakoni⸗ ſcher faſt umgerannt und uns durch mehrere Bänke hindurch gearbeitet hatten, ließen wir uns, zum Tode matt, in der erſten Reihe nieder. Mehr denn zehn Minuten brauchte ich, um Athem und Beſinnung wieder zu erlangen. Dann aber legte ich das feierliche Gelübde ab, nie mehr um eines Götter⸗ ſitzes willen mich ſolcher Höllentortur unterziehen zu wollen. Vor meinem Geiſte ſtanden hohlwangige Geſtalten, ſchwind⸗ ſüchtige Aſthmatiker, die den Keim zu ihrer tödtlichen Krankheit bei den tollen Dauerläufen zum Olymp hinan gelegt hatten. Fortan, ſo beſchloß ich, wollte ich mich mit meinem Götter⸗ ſtande begnügen, und es denen gleichthun, welche jetzt gemüth⸗ lich und ſonder Mühen die olymipiſchen Reihen füllten. Ueber der unſrigen ſtiegen nämlich noch drei, vier Holzbänke treppen⸗ förmig in die Höhe und hinter dieſen dehnte ſich für die Allein der

Spätlinge ein weiter Raum zu Stehplätzen aus. Wahrheit die Ehre!

Wem es, wie mir, gelungen, mit geſunden Gliedern aus jenem Verzweiflungsringen hervorzugehen und ſich einen Platz in den vorderſten Reihen zu erobern, der darf ſich dreiſt rühmen, im Beſitze eines der vortrefflichſten Ausſichtspunkte

des ganzen Hauſes zu ſein. Dicht zu ſeinen Füßen, ihm ge⸗ rade gegenüber, liegt die Bühne, ſenkrecht unter ihm das Parquet, die Logen und die Gallerien mit ihren glänzend geſchmückten Inſaſſen eine wundervolle Vogelperſpektive im wahrſten Sinne! Hier auf dieſem erhabenen Standpunkte begreift man erſt die tiefe Berechtigung des Ppitheton or- nansOlymp, welches dieſen höchſten und niedrigſten der Ränge ziert. Denn betrachtet man das Theater als eine

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Welt im Kleinen, ſo gebührt ihm unſtreitig in dieſem Welt⸗ all die Rolle des olympiſchen Götterſitzes. Siehe! In ſchwin⸗ delnder Höhe ragen ſeine kahlen Reihen empor, in ihren letzten Ausläufen das reichbemalte Himmelsgewölbe berührend, von dem die Gasſonnen des Kronleuchters ihre lichtſpendenden Strahlen den Sterblichen hinabſendet!

Aber die Götter kamen alle herbei und nahmen ihre Sitze ein, ein Jeglicher nach ſeiner Zeit. Kein Plätzchen blieb leer, ſelbſt die dem Kronleuchter gegenüber befindlichen erhielten ihre Herren, obgleich ſich dieſe offenbar der Doppel⸗ gefahr des Nichtſehens und des Geblendetwerdens ausſetzten. Auch Pois, die neidiſche Göttin, war unter den Himmliſchen und erregte Streit und Kampf. Unberufene Eindringlinge ſandte ſie ab, ſich unter die durch Sitzplätze Bevorzugten zu miſchen und ihnen ihr Beſitzrecht abzuſtreiten. Die Angegrif⸗ fenen aber wieſen ſie unter dem Beiſtand der Söhne des Mars, welche unter der proſaiſchen Geſtalt von Schutzleuten ihre Gottheit verbargen, energiſch znrück, ſo daß alsbald Ruhe und Eintracht auf dem Olymp hergeſtellt war. Indeſſen hatten ſich auch die Erdenräume mit Sterblichen gefüllt.

Die Welt harrte in tiefem Schweigen des Anfangs. Und als nun die Ouvertüre beendet und der Vorhang ſich hob, da lauſchten die Göttlichen den herrlichen Melodien und ſpendeten der vorzüglichen Leiſtung weithin ſchallenden Bei⸗ fall. Trat dann eine Pauſe ein, ſo entſpann ſich ſofort eine lebhafte Unterhaltung über das Gehörte und Geſehene, die oft in wiſſenſchaftlichem Stile gehalten wurde und ſich in verſtändigen Urtheilen erging. Freilich erzeugten die Nähe des Kronleuchters, die von unten aufſteigenden heißen Dämpfe und der übermäßig angefüllte enge Raum eine Temperatur, die noch Reaumur gemeſſen, eine Höhe von mehr als 20 Grad erreichte; allein auch dieſe Glühhitze war nicht im Stande, die Begeiſterung und die Götterlaune der Olympier ver⸗ dampfen zu laſſen; ein von Bierbrauer Gambrinus' göttlicher Majeſtät draußen verabreichter Labetrunk ließ ſie der Schat⸗ tenſeiten und der unendlichen Proſa ihrer Götterſchaft ver⸗ geſſen. So nahte das Ende der Oper heran. Mit innerer Befriedigung ſtieg ich vom hohen Olymp herab, um mich wieder in das Gewühl der Sterblichen zu miſchen. Wohl⸗ gemuth und noch im Rauſche kaum verklungener Harmonien ſchwelgend, eilte ich die ſteilen Treppen hinunter, die nun alle ein ganz anderes, freundliches Ausſehen hatten, als da ich ſie keuchend hinaufgeſtürzt.

Sollte es mir nun gelungen ſein, geneigter Leſer, dein Intereſſe für das Amphitheater des Berliner Opernhauſes auch nur ein wenig wachgerufen zu haben, ſo erfülle meine unterthänigſte Bitte: blicke nicht mehr mit verächtlichem Achſel zucken, ſondern mit einem freundlichen Lächeln zu jenen ſchmuck⸗ loſen Räumen hinauf, die den klaſſiſchen NamenOlymp führen.

Julius Weil.

Dr. Mühlfeld f†.

Motto:Im Leben kein Pedant,

Im Lieben Feuerbrand, Im Denken ein Gigant, Im Reden Foliant., Reichrathsphotogramme des Pr. Berger, gegenwärtig öſterreichiſcher Miniſter ohne Portefeuille.

Am 26. Mai 1868 publicirte die amtlicheWiener Zeitung die drei confeſſionellen Geſetze, das Todtenglöcklein des Concordates ertönte, und am Abend deſſelben Tages geleitete Wien den edlen Vorkämpfer für Menſchenrecht und Freiheit, den genialſten Feind des Ultramontanismus und Prätorianismus zur Gruft. Dr. Mühl⸗ feld ſollte wie Moſes den Einzug Heſterreichs in ein beſſeres Land nicht erleben. Er ſollte ſich nicht erfreuen an der durch zwölf⸗ jährigen Kampf errungenen Sanction der Sprengung unſerer geiſtigen Feſſeln; er ſollte die Früchte ſeiner Arbeit nicht genießen!

Am 3. Mai 1810 erblickte Gugen Alexander Megerle v. Mühlfeld, ſo lautet ſein voller Name, in Wien, woſelbſt ſein

Vater k. Archivsdirector war, das Licht der Welt. Ein merk⸗ würdiger Zufall verlieh ihm eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit Napoleon I., daß ihn das Volk für einen natürlichen Sohn des Soldatenkaiſers hielt. Mühlfeld ſelbſt erklärte, hierüber befragt, daß ſeine Mutter den Kaiſer Napoleon nie von Angeſicht geſehen habe und trotzdem eines jener merkwürdigen Naturſpiele obwalten müſſe, die manVerſehen nennt und aus pſychiſchen Einflüſſen abzuleiten ſucht. Es mag wohl ſein, daß zu jener Zeit Büſten und Bilder Napoleon's in Wien keine Seltenheit waren und er das Hauptthema aller Geſpräche bildete, jedenfalls läßt ſich dieſe Parallele nicht über die allen Genies gemeinſamen Grundzüge hinaus führen, denn die ganze Geiſtesrichtung Mühlfeld's war

eine friedliche, ſeine Siege unblutig, erkämpft auf dem Gebiete

der Wiſſenſchaft. Schon mit achtzehn Jahren hatte er den Doctor⸗ hut der philofophiſchen Facultät errungen, und ſich dann in über⸗