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demſelben die freie Strömung gehemmt hatten, ſo daß die geſtauten Fluten nicht nur eine günſtige Angelſtelle boten, ſondern ſich auch rauſchend und züngelnd ihren Weg zwiſchen den vielen Hinderniſſen hindurchſuchten. Schwerlich wäre es uns ſonſt möglich geweſen, unentdeckt ſo nahe an den Angler heranzukommen. Jetzt aber, da wir um ſeine Anweſenheit wußten, war die größte Gefahr abgewendet, indem wir, unſere
weiteren Bewegungen bei vergrößerter Behutſamkeit leicht
hinter das Rauſchen des Waſſers gleichſam zu verbergen ver⸗ mochten. Ueber die zunächſt zu beobachtende Handlungsweiſe einigten wir uns, ohne ein Wort zu wechſeln; wenige Blicke und Zeichen genügten, uns zu verſtändigen, über den ſorg⸗ loſen Angler aber das Todesurtheil zu ſprechen.
(Fortſetzung folgt.)
Waldleutchen
Wie hat ſich das Anſehen der Reſidenz in wenigen Tagen verändert! Die große Stadt hat ihr Winter⸗Feſtkleid angethan, das ihr faſt ſchöner läßt als irgend eine andere Tracht des Jahres. Welch ein Leben und Treiben in den Straßen! Weihnachten iſt gekommen und hat wie durch Zauber ein buntes und heiteres Leben wachgerufen, das ſo angenehm contraſtirt mit den vorhergegangenen traurigen Tagen des Spätherbſtes. Von dem größten Ladengeſchäft, wo köſtliche Waaren durch zahlloſe Gasflammen beleuchtet werden, bis zu dem ärmlichſten Verkaufstiſchchen unter freiem Himmel, wo ein flackerndes Talglicht auf die hölzernſten aller hölzernen Thieren oder auf halb verſchneite Pfefferkuchen ſeinen Schein wirft: Alles hat ſich doch nach Kräften geputzt und das Seine dazu gethan, Käufer anzulocken. Und dann, was alle dieſe durch einander wimmelnden und Pakete tragenden Menſchen im Grunde bewegt: bei den Einen der Wunſch zu geben, bei den Andern die frohe Erwartung— das gießt das ganze Treiben eine Stimmung freudiger Erregtheit ber ſich wohl Keiner, der in dieſen Tagen ſein Haus verläßt, ganz entziehen kann.
Den eigenthümlichſten und reizvollſten Schmuck der Stadt aber bildet das dunkle, ſchlichte und doch ſo freundliche Tannengrün, dem das Auge jetzt überall auf den freien Plätzen und in den Mauerecken der großen Gebäude begegnet. Unzählige Bäumchen ſind plötzlich zu allen Thoren in die Stadt gewandert, um hie und da Gruppen, Bosquets und kleine Wälder zu bilden. Wie muß den armen Waldkindern hier auf dem Gensdarmen⸗Markte in Berlin zu Muthe ſein! Wie unverſtändlich, wie verwirrend muß Einem das Treiben der großen Stadt um die Weihnachtszeit erſcheinen, wenn man Jahre lang unbeachtet auf der einſamen Haide geſtanden, ſich im Winde gewiegt und in die Sonne geblinzelt hat! Da konnte man nicht viel von der Welt und den Menſchen kennen lernen. Man ſah wohl ab und zu ein paar Kinder, die Erd⸗ beeren oder Beſinge ſuchten, oder ein altes Weiblein, das Reiſig ſammelte; aber dieſe Weſen gehörten doch mit zu der Haide wie die Haſen und Eichhörnchen oder wie die Eidechſen, die man im Sommer ſo gern durch das rothblühende Kraut ſchlüpfen ſah. Wer hätte gedacht, daß es noch ſo viele und ſo bunte Menſchen geben könnte. Hatte man doch kaum einen anderen Gedanken, als im Winter, daß es wieder Frühling werden möchte, und im Sommer, daß man doch erſt ſo groß wäre wie die alten Bäume der Nachbarſtadt, die ſo oft da⸗ von erzählten, daß ſie über all das kleine Volk hinweg bis zu einem ſchönen blauen See hinüber ſchauen könnten. Und nun ſteht man auf einem kleinen Bänkchen mitten in der großen Stadt, zwiſchen Kirchen und Paläſten, angegafft von einer wogenden und lärmenden Menge.
Man möchte ſich imme die Augen reiben und ſich fragen, ob man träume.
So denkt einer der größeren Weihnachtsbäume, als er
durch ein außerordentliches Ereigniß aus ſeinen Gedanken aufgeſchreckt wird. Was kommt dort herangeſprungen? Sind das Haſen? Sind das gar Rehe? Nein, ein paar Straßen⸗ jungen ſinds, die in dem grünen Wäldchen Verſtecken ſpielen. Der Verkäufer der Bäume, wie er das bemerkt hat, iſt fluchend aufgeſprungen. Wartet! 3 werd euch—— ruft er und will mit ſeiner Mütze nach dem Haupträdelsführer ſchlagen. Schnell nimmt der Junge Reißaus, geräth aber ins Straucheln
in der Stadt.
und verſucht unglücklicher Weiſe, ſich an dem ſtattlichſten der
Bäume feſtzuhalten. Dieſer, nicht gar zu feſt auf ſeinem Bänkchen ſtehend, ſchwankt, fällt und ſtürzt auf ſeine jüngeren Genoſſen:
„Im fürchterlich verworrenen Falle Ueber einander krachen ſie alle.“
Es iſt ein Anblick, als ob ein Windbruch im Forſte ge⸗ hauſt habe. Einen Augenblick ſteht der Mann in der Jacke, dem die niedergeworfene Pflanzung gehört, ganz ſtarr vor Schrecken, und dieſe kleine Pauſe benutzt der kluge Junge natürlich zum Aufſpringen und Entwiſchen. Schon klingt weit in der Ferne ſein gellendes Hohngelächter.
Unwillig brummend macht ſich der Verkäufer daran, ſeine Bäumchen wieder aufzurichten. Einige haben nicht unerheb⸗ lichen Schaden gelitten und grade das Hauptexemplar hat ſich tüchtig die Zweige verſtaucht. Der Schaden kann dreiſt auf mehrere Groſchen taxirt werden.
Unterdeſſen kommen und gehen die Menſchen und ein Weihnachtsbaum nach dem andern wird erhandelt und weg⸗ geholt.-
„Sieh nur“, flüſtert Einer der noch Unverkauften ſeinem Nebenmanne zu,„da wird wieder Einer von uns von einem großen Manne über die Schulter genommen und weggetragen — wer weiß, wohin? Mir zittert ordentlich das Herz unter der Rinde, wenn ich bedenke, daß es mir jeden Augenblick auch ſo gehen kann. Für den Fall, dgß wir beide von ein⸗ ander getrennt werden, wollen wir Rur gleich verabreden, daß wir uns nachher hier wieder treffen.“
Ja, ihr werdet euch wieder treffen, aber nicht hier. Einer von euch wird morgen eine Treppe hoch bei Geheimraths prächtig aufgeputzt mitten in der Stube ſtehen und von ver⸗ drießlichen Geſichtern angeſtaunt werden. Der andere wird vier Treppen hoch in demſelben Hauſe in ſehr beſcheidenem Schmuck einen ſehr vergnüglichen Abend erleben. Nachher werdet ihr beiden unter gar traurigen Verhältniſſen auf dem Hofe wieder zuſammenkommen.
Ein ältliches Ehepaar tritt auf.
„Ich möchte einen Baum haben“, ſagte der Mann,„aber nur einen ganz kleinen. So, der wird gut ſein“, ſagt er, indem er ſich niederbeugt, einen kleinen Baum in die Hand nimmt und ihn um und um dreht.
„Das iſt die richtige Größe“, beſtätigt die Gattin, die bereits in Gedanken das Bäumchen in der kleinen Wohnſtube zu Hauſe ausſtellt.„Ja“, fährt ſie fort zu Allen, die es hören wollen,„früher hatten wir höhere Zimmer, da konnten wir einen größern laſſen.“
„Laß nur gut ſein“, ſagt der Mann,„die Größe thut's nicht; eigentlich ſind die kleinen noch hübſcher.“
Da kommt eine arme Frau mit einem Knaben an der Hand. Wie ſie die ſchönen großen Bäume ſieht, fällt ihr ein, ſie möchte wol einen derſelben kaufen. Aber womit ſollte ſie ihn aufputzen? Sie hat ſchon ihren Weihnachts⸗Etat ge⸗ macht. Sie geht ihn noch einmal durch, Poſten für Poſten — nein, es geht nicht! Da kommt ihr ein neuer Gedanke. Sie hat ein Zwanziggroſchenſtück in der Hand; ſie weiß, daß es ein Zwanziggroſchenſtück iſt— aber könnte es nicht doch vielleicht ein Thaler ſein? Sie beſieht das Geldſtück noch ein⸗ mal: nein, es ſind wirklich nur zwanzig Groſchen.„Dann geht es nicht“, murmelt ſie und erhandelt ſchnell eine von
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