Jahrgang 
1868
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fahrene Roſſe.

oder ihm gewachſen iſt, ſei es an literariſchem Ruhm oder politiſchem Einfluß. Das Geſtirn will ſeine Satelliten haben. Emil Girardin z. B. konnte niemals mit einem unabhängigen oder ſich durch Originalität auszeichnenden Schriftſteller lange auskommen. Nefftzer, Peyrat, Duvernois und die Andern verließen ihn nach der Reihe. Pehrat an derPreſſe ſagte: ich wohne garni! und an demſelben Tage, an welchem er ſeine eigene Wohnung haben konnte, verließ er das Garni, um ſich amAvenir national zu inſtalliren, während Nefftzer denTemps bezog.

Trotz dem vom Geſetz auferlegten Zwange, alle Artikel zu unterſchreiben, iſt die Unparteilichkeit die oberſte Noth⸗ wendigkeit. Die Zeitung iſt vor Allem ein Sammelwerk, und nur durch gegenſeitige Conceſſionen der Mitarbeiter kann jeder ſein tägliches Penſum fertig ſchaffen.

Die Rolle eines Chef Redacteurs iſt alſo der eines Kapell⸗ meiſters ähnlich. Er dirigirt, ſpielt aben ſelbſt kein Inſtru⸗ ment; er iſt das Schloß der Kette, in der jeder Mitarbeiter ein Glied bildet. Bertin der Aeltere war wohl das Modell eines Chef Redacteur, wie er ſein muß; er ſuchte die keimen⸗ den Talente, rief ſie zu ſich, bildete ſie aus, ertheilte ihnen ihre Aufgaben und leitete dasJournal des Debats mit ſo leichter Hand, wie ein Kutſchern Joc Hier gut einge⸗ Unter ſeiner Herrſchaft war deshalb das Journal des Debats das bedeutendſte von allen.

Der Redaeteur en chef iſt immer eine hervorragende⸗Per⸗ ſönlichkeit; oft iſt er auch Deputirter oder Senator. Im letzteren Falle geniren ihn mancherlei Rückſichten; er trägt immer eing Maske, un faux nez, wie der Franzoſe ſagt, und läßt die. Manifeſte durch den Secretär der Redaction unterſchreiben.

Der Redacteur en chef zeichnet ſich aus durch die Majeſtät ſeines Stiles. Niemals ſchleicht ſich ein Scherz in ſeine ſtaatsmänniſche Würde. Wenn er von einem Miniſter ſpricht, ſo ſagt er:der hochberedte M. oder derilluſtre M.; immer hat er ein ſchmeichelhaftes Epitheton bei der Hand, da⸗ für aber misbraucht auch Niemand ſo arg und ſo oft die bekannte Formel:wir erfahren aus ſicherer Quelle.

Ein glücklicher Sterblicher, dieſer Chef⸗Redacteur! Alle Welt ſtreut ihm Weihrauch, alle Welt ſchmeichelt ihm; alle Vergnügungen ſtehen zu ſeiner Dispoſition, Logen im Theater, Einladungen und alle übrigen Zerſtreuungen warten auf ihn. Er iſt zu allen erſten Vorſtellungen der Stücke, der Opern eingeladen; keine Feierlichkeit kann ohne ihn 1 ſich gehen.

Wie früher die Souveräne hat er ſein pktit lever. Im Bette liegend, von ſeinen Mitarbeitern umgeben, beräth er mit ihnen, was am Abend ſich ganz Europa erzählen ſoll.

Erſter Mitarbeiter: Wie wär's, wenn wir einmal wieder über Preußen herfielen?

Der Chef: Meinetwegen fallen Sie über Preußen her: aber ſchonen Sie Deutſchland!

Zweiter Mitarbeiter: Ich möchte wol wieder einmal die orientaliſche Frage behandeln.

Der Chef: Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, lieber Freund, aber ſeit zwei Monaten haben Sie ſchon das Thema behandelt!

Zweiter Mitarbeiter: Die Sache iſt ja gar nicht zu viel zu behandeln. Es iſt der dunkle Punkt!

Der Chef: Meinetwegen alſo! Aber ſeien Sie ſchonungs⸗ voll gegen den Sultan; er iſt ja der ſchwächſte!

Dritter Mitarbeiter: Hier ſind zwei Correſpondenzen aus Italien. Die eine behauptet, das italieniſche Miniſterium ſei erſchüttert. Die andere behauptet, es habe nie ſo feſt geſtan⸗ den wie jetzt.

Der Chef: Verſchmelzen Sie beide Correſpondenzen; be⸗ ſtätigen Sie aber nichts!

Dritter Mitarbeiter: Wenn wir ſie nun lieber nicht ver⸗ ſchmölzen und weder die eine noch die andere abdruckten?

Der Chef: So iſt das vielleicht das Allergeſcheidteſte.

In einer halben Stunde iſt die Conferenz beendet und die Geſchicke der Welt ſind regulirt. Der Chef⸗Redacteur kommt im Laufe des Tages ins Bureau, um ſich zu über⸗ zeugen, ob Alles nach ſeiner Anleitung ausgeführt worden.

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Das Geha Francs jährlich. Einige Zeitungen ſtellen ihm auch Pferde

und Wagen, und nichts imponirt dem Abonnenten mehr, der

eben im Bureau iſt, um eine Reclamation zu machen, als wenn er den Chef⸗Redacteur einem ſeiner Diener zurufen hört: Laſſen Sie meinen Wagen vorfahren!

Nach dem Chef⸗Redacteur folgt derTartinier, der Leit⸗ artikelſchreiber, der das Premier Paris macht. Dieſer Mann

Ses Chef⸗Redacteurs variirt von 15 40000

muß zwar nicht Alles wiſſen, aber über Alles auf dem

Fleck ſprechen können. Drei Bewegungen muß er in zwei Tempi machen. Er iſt in allen politiſchen, ökonomiſchen, ſocialen und theologiſchen Fragen zu Hauſe; er ruinirt Deutſch⸗ land, befreit Polen, hilft n Drient auf die Beine, hebt oder ſtürzt die Völker Regierungen, und iſt zu jeder Zeit im Stande, dreihundert Zeilen zu ſchreiben ohne Athem zu holen.

Wo er auch ſein mag, er ſchreibt, ſei es auf einer Tiſch⸗ decke, auf ſeinem Hut, auf ſeinenk Inie, und immer ohne nach⸗ zudenken. Befragt ihn aber um eine Sache: er wird ſtottern, zaudern, verlegen ſein. Er kann nur ſchreiben, immer ſchreiben. Die Verpflichtung, dieſe Artikel zu unterzeichnen, hat übrigens alle Tartiniers ruinirt, und heute ſind höchſtens von ihnen noch fünf oder ſechs zu finden.

Folgt der Bulletinier, der auch am Morgen nach dem

Staatsſtreich geboren wurde, als man gezwungen war, keine

Meinung mehr zu haben, ſondern Worte zu machen. Wichtiger iſt derSeerétaire de la Redaction, der an demſelben Tage zux Welt kam, an welchem das Geſetz das Unterzeichnen aller Zeitungs⸗Artikel gebot.

Man ſchuf ihn aus nichts, wie Gott die Welt ſchuf. Er ſchreibt nichts, er unterſchreibt nur. Debats nennt Guizot ſich David, imConſtitutionnel unter⸗ ſchreibt der Miniſter Rouher mit dem Ramen Boniface. Es kann alſo Herrn Boniface arriviren, daß er ſich auf dem Lan befindet und ihm hier Niemand erzählt, ſein letzter Artrel, den er keineswegs geleſen, habe die Welt erſchü kert. Herr Boniface wird nichts dagegen einzuwenden haben. Ja es kann paſſiren, daß ihn Jemand fragt, ob es wahr, des der Miniſter des Innern der Verfaſſer des mit Boniface Artikels ſei. Herr Boniface wird nicht ja agen.

Im Ganzen iſt Boniface eine Macht, die ſich ſelbſt nicht zu würdigen im Stande. Er macht Hauſſe und Baiſſe, ohne ſelbſt eine Idee davon zu haben. Veéron ſagte deshalb, als er der Redacteur en chef desConſtitutionnel war:Wenn ich nicht Véron wäre, möcht' ich wohl Boniface ſein.

Einige Journale haben auch einen Polemiker, einen Her⸗ kules der Feder, der immer bereit, ſeine Gegner zu Boden zu werfen. Immer erwartet er mit zurückgeſchlagenen Aermeln den Kampf, den er niemals verſagt.

Faſt alle Journale haben wenigſtens einen Redacteur amateur, einen reichen Sterblichen, der kein Gehalt bekommt, und die Sache aus Liebe betreibt. Wenn er in einem miniſteriellen Journal iſt, ſo viſirt er auf eine Präfectur; iſt er an einem Journal der Oppoſition, ſo will er in den Conseil général gewählt werden. Man nennt ihnMossieu.

Ich ſpreche hier noch von dem Feuilleton. Es gab eine Zeit, wo das untere Geſchoß einer Zeitung wichtiger war als das obere, denn hier unten wohnten die großen Herren der Literatur. Manchem Journal hat das Feuilleton 400000 Abonnenten gebracht, namentlich zur Zeit der Geheimniſſe von Paris, der drei Musketiere, des Monte⸗Chriſto und des Zwan⸗ zig Jahre nachher. Durch die Veröffentlichung des Ewigen Juden z. B. brachte Véron denConſtitutionnel von 4000 auf 24000 Abonnenten.

Als Veron denConſtitutionnel gekauft hatte, ſuchte er dieſe alte, lahm gewordene Maſchine wieder in Gang zu bringen. Er ging alſo nach irgend etwas Ungewöhnlbem aus. Damals wurde die Geſchichte des Conſulats und de Kaiſerreichs von Thiers eben zum Druck vorbereitet; eine

Geſellſchaft von Capitaliſten hatte ſie gekauft. Veron faßte eine

unglaubliche Idee; er wollte dieſes Werk imConſtitutionnel

ImJournal des

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