fiel das Auge der Behörden von ſelbſt auf den geiſtig be⸗ gabten und ſtrebſamen Lieutenant. Jachmann avancirte nun ſchnell, man übertrug ihm Commandos mit großer Verant⸗ wortlichkeit, die er zur Zufriedenheit ausführte, und im Jahre 1860 ſehen wir ihn als Commandant Sr. Majeſtät Schiff Arcona bei der Oſtaſiatiſchen Expedition, die zum Abſchluß des Handols⸗Vertrages nach Japan geſchickt wurde. Nach ſeiner Rückkehr im Jahre 1863 erfolgte ſeine Beförderung zum Kapitän zur See und bald darauf ſeine Ernennung zum Chef der Marine⸗Station der Oſtſee. Im darauf folgenden Winter von einer ſchweren Krankheit heimgeſucht, die ihn an den Rand des Grabes brachte, zögerte er, obwol noch Reconvalescent, keinen Augenblick, den ihm im März 1864 übertragenen Oberbefehl über das Geſchwader in Swinemünde
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anzunehmen, mit dem er ſich bald darauf unſterbliche Lorbern und als zweiundvierzigjähriger Mann den Admiral⸗Stander erwerben ſollte. Jetzt hat ihn das Vertrauen des Königs an die Spitze der Geſchäfte im Marine⸗Miniſterinm und zugleich in den Reichsrath berufen, und ihm ſo einen ſeinen Kräften angemeſſenen Wirkungskreis eröffnet. Die norddeutſche Marine ſowol wie das ganze Land hat dieſe Moßregel mit Freuden begrüßt; ſie verbürgt eine ſchnelle und gedeihliche Entwickelung unſerer maritimen Kräfte, die Hochhaltung der neuen Bundes⸗ flagge und die Sicherung der Intereſſen des überſeeiſchen Handels. Dafür aber, daß dies Ziel fortan mit allen Kräften
angeſtrebt werden wird, bürgt uns der gute Wille, die Er⸗ fahrung und der Charakter des Mannes von Jasmund. P⸗
Aus aller Welt. M
Wir leben in einer Zeit perſönlicher Unſicherheit, deren bedenk⸗ liche Tragweite nicht gut zu berechnen iſt.
Man weiß von den Königen und Herzogen, die im vorigen Jahre des Morgens noch mit einer Krone aufſtanden und am Abend baar⸗ häuptig wie jeder andere gewöhnliche Sterbliche zu Bette gehen muß⸗ ten. Königreiche und Herzogthümer waren ganz plötzlich im Angeſicht der Welt und der Geſchichte inmitten Deutſchlands untergegangen, wie einſt Herculanum, Vineta und andere verſchwundene Herrlichkeiten, und lange dauerte es, bis die Unterthanen ſich daran gewöhnten, mit andern Farben angeſtrichen zu werden, als mit denen, welche ihre Väter trugen.
Heute war man König, morgen ſchon Privatmann. Indeß, in unruhigen Zeiten ſind die Mächtigen dieſer Welt immer mehr exponirt als Diejenigen, welche nichts zu befehlen haben, und die Weltgeſchichte kennt mehrfache Beiſpiele von untergegangenen Königreichen und ſogar Dhnaſtien.
Nichts Ungewöhnliches iſt es, daß Tauſende von Unterthanen ihrem Vaterlande Valet ſagen, ſich den ihren Landesherren ſchuldigen Steuern entziehen und nach Amerika auswandern; ungewöhnlich aber iſt es, daß eine Anzahl von Unterthanen ſich der Art ihrer Obrig⸗ keit entzieht, daß überhaupt keine Spur mehr von ihnen übrig bleibt.
Die Zeitungen meldeten uns vor ganz Kurzem, daß die Inſel Tortola untergegangen.
Ich bekenne meine geographiſche Unwiſſenheit, indem ich geſtehe, daß mir von dem Vorhandenſein dieſer Inſel bisher nichts bekannt war. Möglich, daß ich in der Schule, in Cannabich's Geographie, einmal flüchtig daran vorübergefahren bin, indeß iſt mir davon keine Erinnerung geblieben. Thatſache ſoll aber ſein, daß dieſe Inſel im Caraibiſchen Meere bei der Antillen⸗Gruppe lag, ſechs Meilen lang und vier Meilen breit war, unter engliſcher Herrſchaft ſtand und einen Gouverneur beſaß, der Sir Arthur Rumbold hieß.
Oft ſchon haben Seefahrer und Gelehrte einen auf den Karten verzeichneten Felſen, ein ganzes Riff oder dergleichen unwirthbare Lokalitäten geſucht, die notoriſch vorhanden und plötzlich ohne alle begreifliche Veranlaſſung verſchwunden, d. h. ins Meer verſunken waren; daß aber eine Inſel von ſolchem Umfange plötzlich verſchwin⸗ den konnte, darüber erzählen uns die Annalen durchaus nichts. Es alſo erlaubt, die Urſache dieſes unerklärlichen Vorfalls zu ſuchen.
Ich erinnere mich einer Epoche aus meiner Kinderzeit, in wel⸗ cher meine grüne Phantaſie ſich ebenfalls mit Gedanken wie den gegenwärtigen beſchäftigte und meine Träume ſelbſt ſtark beunruhigt wurden.
Ein Gelehrter, der Profeſſor Ehrenberg, hatte die Entdeckung gemacht, daß die ganze Stadt Berlin auf lauter Infuſorien erbaut ſei, und wenn ich damals auf die Straße trat, war es mir wirklich, als ſähe ich die Dächer der Häuſer ganz unmerkbar wackeln und als ſchwankten die Thürme am Gensdarmenmarkt, wenn man ſie auf⸗ merkſam beobachtete.
Damals hatte ich noch keine Idee vom Hypothekenweſen, ich be⸗ griff aber trotzdem nicht, wie es ſo leichtſinnige Leute geben könne, die Hunderttauſende ausgaben, um ſich auf dem Rücken von Infu⸗ ſorien ein Haus zu bauen.
In gelehrten Büchern habe ich nun oft geleſen, daß die Inſeln unſerer ſüdlichen Meere auf lauter Polypen ſtehen, wie die Häuſer in Holland auf Pfählen, die ohne Frage ſicherer ſind als Seethiere, zu denen doch die Polhpen gehören. Ich bezweifle deshalb keinen Augenblick, daß auch dieſe Inſel von Millionen lebendiger Karhatiden getragen wurde, daß denſelben endlich die Arbeit zu ſauer geworden,
Fenilleton
daß ſie beſchloſſen, auseinander zu gehen, und ſie alſo auf dieſe Weiſe alle die Leichtſinnigen, die ſich auf ihrem Rücken einen häuslichen Heerd erbaut, im Stiche ließen.
Unerhört iſt es, wie es Menſchen geben kann, die ihre ganze Exiſtenz den Launen unterſeeiſcher Thiere anvertrauen können. Viel eher möcht ich in Berlin Beſitzer infuſoriſcher, alſo illuſoriſcher Hhpo⸗ theken ſein, als ein Antillen⸗Inſulaner.
Beklagenswerth iſt dies Ereigniß, aber mir bleibt dabei Eins immer noch dunkel. Die Inſel ſoll nach den anerkannteſten Geogra⸗ phiebüchern, ſogar nach dem geographiſchen Dictionnär der engliſchen Geſellſchaft, 8000 Einwohner gehabt haben, und dennoch ſind laut den Zeitungen 10000 Seelen dabei umgekommen! Keinerlei Feſtlich⸗ keiten ſollen auf der Inſel dieſem Unglück vorausgegangen ſein, welche die Anweſenheit vieler Fremden auf derſelben vermuthen laſſen könnte; die engliſche Statiſtik muß alſo durchaus nicht in Ordnung ſein; es mußten an die 2000 Menſchen keine Steuern bezahlt haben, indeß iſt eine nähere Aufklärung über dieſes traurige Ereigniß, das zum größeren Unglück nicht einmal Zeugen gehabt haben kann, noch zu erwarten.
Die Wellen ſind von Anfang an treulos geweſen, aber auch auf dem feſten Lande iſt die perſönliche Sicherheit nirgend mehr gewähr⸗ leiſtet. Vielleicht hat jener Witzbold Recht, der da ſagte:„Die Welt iſt eine große Fläche, von der zwei Drittel aus Waſſer, ein Drittel aus Schmuz beſteht, deſſen Wandelbarkeit uns alſo keine Garantie bieten kann. Auch die Inſel St.⸗Thomas iſt von einem Sturm ver⸗ wüſtet worden, der ganze Miſſiſſippi iſt von einem Orkan aufs Fürch⸗ terlichſte heimgeſucht worden. Mythilene iſt im Frühjahr verſunken, in Europa ſtürzt eine Kohlenmiene nach der andern zuſammen und begräbt Hunderte, alſo ſummiren wir: Throne, Inſeln, Städte, Berg⸗ werke, Alles ſtürzt zuſammen, und man wird demnächſt in einem Luft⸗ ballon ſicherer wohnen, als auf dem flachen Erdboden.
Seit einigen Monaten gehe ich ſchon mit dem Gedanken um, eine kleine Reiſe zu machen, ich habe ſie aber von einer Woche zur andern aufſchieben müſſen. Jedesmal, wenn ich in Paris meinen Koffer gepackt hatte und mir ſagte: wie werden ſich deine Bekannten freuen, wenn du ſie überraſchſt! jedesmal, wenn ich in dieſem Mo⸗ mente die Zeitung zur Hand nahm, ſtand obenan die Depeſche von einem entſetzlichen Eiſenbahn-Unglück. Ueberlegend, daß ich noch mancherlei auf dieſer Welt zu beſorgen, dieſe und jene Verbindlich⸗ keiten zu erfüllen habe, an denen man nicht gern zum Schelm wird, daß meine Rechnungsverhältniſſe mit Schuhmacher, Schneider und Hauswirth nie ſo ganz geordnet ſind, packte ich alſo meine Sachen wieder aus und ſchob meine Reiſe auf bis dahin, wo ich ſehen werde, daß die Eiſenbahnen wieder ſicher ſeien.
Man iſt ja der böſen Nachrede ſo ſehr ausgeſetzt! Als der ruſ⸗ ſiſche Geſandte ſich einmal krank ins Bett legte, ſagte Talleyrand mistrauiſch grübelnd:„Was kann er nur für eine Abſicht haben, krank zu ſein!“ Wenn alſo heute Jemand bei dieſer evidenten Gefähr⸗ lichkeit namentlich der franzöſiſchen Eiſenbahnen, die ſogar vorzugs⸗ weiſe bei Vergnügungszügen ſtets für Entgleiſungen, Quetſchun⸗ gen und Beinbrüche ſorgen, wenn unter ſolchen Umſtänden alſo ein Mann eine Reiſe unternimmt, zu der er nicht ausdrücklich gezwungen war, wird man da ſich nicht fragen: was kann er nur für einen Grund zu dieſem Selbſtmord gehabt haben? Man wird nach ſeinem Tode ſeine Papiere durchſuchen, und wenn man eine unquittirte Rechnung, einen Mahnbrief oder gar einen Abſagebrief von ſeiner Geliebten ſindet, wird man von zerrütteten Verhältniſſen, unglücklicher Liebe u. dergl. reden, die zu ſolchen verzweifelten Unternehmungen zu führen pflegen.
Auch unſere Behörden, weit entfernt, dieſer perſönlichen Unſicher⸗ heit zu ſteuern, thun das Ihrige, dieſelbe zu vergrößern und noch mehr Verwirrung in die Welt zu bringen.
Es iſt durch die Zeitungen hinreichend bekannt geworden, daß man in Paris ſelbſt auf den Kirchhöfen, an den Gräbern ſeiner
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