Jahrgang 
1868
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oder endlich auch faſt gleichzeitig mit ihnen des Nachts auf der neuen Lagerſtätte eintrafen und die erſte Verwirrung zu unſern Gunſten benutzten.

Auf Alles gefaßt und unſere Waffen zum augenblick⸗ lichen Gebrauch bereit, bewegten wir uns auf dem hinderniß reichen Wege einher. Kein Wort wurde zwiſchen uns ge⸗ wechſelt, eine finſtere Entſchloſſenheit hatte ſich Aller bemächtigt; Jeder begriff den Ernſt der Lage, in der wir uns befanden, ebenſo aber auch, daß von unſerer Umſicht allein die Rettung der armen Margareth abhänge.

Zwei Stunden waren wir ohne Unterbrechung dahin⸗ geritten. Die Sonne ſtrahlte lieblich vom Himmel nieder, den Thau hatte ſie bereits von der Prairie fortgetrunken, während in der ſchattigen Niederung, in der wir uns hielten, feuchtes Kraut und Ranken die Seiten unſerer Pferde ſtreiften und ſie noch lange erfriſchten. Ob die Vögel an jenem Morgen ſangen? Wer kann's wiſſen? Wir hatten nur Augen und Ohren für jedes Geräuſch, welches wir in Beziehung zu unſeren Feinden zu bringen vermocht hätten; alles Andere war für uns todt, todt, wie jede Spur von Mitleid oder Erbarmen in meiner von den furchtbarſten Qualen gefolter⸗ ten Bruſt.

Bevor wir den Neoſcho berührten, ſtießen wir auf einen Bach, der ſich von Norden her der von uns verfolgten Thalſenkung zugeſellte. S iſt der letzte Waſſerlauf, den die Straße vom Miſſouri her vor dem Neoſcho durchſchneidet und der mit dem Neoſcho einen ſpitzen Winkel hochgelegener Prairie begrenzt.

Wir wollten eben an der Mündung dieſes Baches vor⸗ überreiten, als aus dem ſchmalen Thale deſſelben zwei flüchtige Hirſche vor uns einbogen und mit langen Sprüngen dem Neoſcho zueilten. Wir Alle waren als Jäger geübt genug, auf den erſten Blick zu erkennen, daß weder ein Luchs noch ein Bär oder Wolf fie aufgeſcheucht hatte, ſie würden ſonſt den Waldſtreifen verlaſſen und ihr Heil auf der freien Prairie geſucht haben. Alſo nur ein Menſch, gleichviel ob abſichtlich oder unabſichtlich, hatte ſie in Schrecken geſetzt, für uns der triftigſte Grund, auf der Hut zu ſein und keinen Schritt mehr vorwärts zu thun, bevor der vor uns liegende Boden abgeſpäht war.

Wenige Winke und Worte genügten, ein Einverſtänd⸗ niß zwiſchen uns zu erzielen. Wir ſtiegen ab, und während meine Brüder und Freunde mit den Thieren zurückgingen, um ſie an geeigneter Stelle zu pflöcken, ſchlich ich ſelbſt be⸗ hutſam nach der Fährte der Hirſche hin, der ich ſodann ohne Säumen aufwärts nachſchlich. Wohlweislich vermied ich, die Spuren zu betreten und zu vernichten, und bald genug er⸗ hielt ich den Beweis, daß meine Vorſicht nicht übertrieben geweſen. Wohl gegen ſechshundert Schritte weit mochte ich von meinen Gefährten entfernt ſein, als ich vor mir eine Hirſchkuh erblickte, die, in liegender Stellung halb von Kraut und Gras verborgen, den ſchwankenden Kopf rückwärts gewendet hatte, als nach der Richtung hin, aus welcher ſie augenſchein⸗ lich die Annäherung einer Gefahr befürchtete. Däs Thier war verwundet, es konnte kein Zweifel darüber obwalten; ſelbſt wenn der befiederte Pfeilſchaft nicht über das Kraut emporgeragt hätte, würde ich errathen haben, von weſſen Händen daſſelbe zum Tode getroffen worden war. Einen Schuß hatten wir ja nicht gehört, daß aber der fremde Jäger ſtatt der ſicheren Büchſe eine unvollkommenere Waffe wählte, ſprach unbeſtreitbar dafür, daß er durch den Knall die Auf⸗ merkſamkeit nicht hatte auf ſich ziehen wollen, er alſo nur ein Mitglied der von uns verfolgten Bande ſein konnte. Wie weit er noch entfernt war, konnte ich freilich nicht ahnen; hätte ich wagen dürfen, näher zu dem verwundeten Thier heranzutreten, ſo wäre ich ſicher im Stande geweſen, aus der Wunde apnähernd zu berechnen, wie lange es gelaufen, bis das Schneiden der Pfeilſpitze es gezwungen, ſich niederzu⸗ legen.

Ich ſann noch über das von mir zu beobachtende Verfahren nach, als der Hirſch größere Zeichen von Unruhe von ſich zu geben begann. Er machte ſogar einen Verſuch aufzuſpringen,

dann aber, als dies nicht gelingen wollte, ſtreckte er ſich lang aus, wobei er, wie um ſich zu verbergen, den Kopf unter die nächſten Ranken ſchob. Er hatte alſo den Jäger geſehen oder gewittert denn der Wind ſtand ihm zu vielleicht auch das Geräuſch vernommen, mit welchem derſelbe durch das Geſtrüpp brach.

Ich befand mich hart an dem ſchroffen Uferrande des Bächleins und vielleicht dreißig Schritte weit von dem ver⸗ wundeten Hirſche. Als ich die verdächtige Bewegung deſſelben gewahrte, durchzuckte mich wie ein Blitz der einzige Gedanke: daß ſchon die nächſten Minuten über den Ausgang unſeres Unternehmens und zugleich über der armen Margareth Schick⸗ ſal entſcheiden müßten; denn wurde ich von dem herbei⸗ ſchleichenden Indianer entdeckt, ſo war, vorläufig wenigſtens, Alles verloren. So viel Zeit, wie ich gebrauchte, dies zu überlegen, ebenſo viel Zeit und nicht mehr gebrauchte ich, mich zu verbergen, denn noch in derſelben Minute lag ich unten in dem ſeichten Bächlein, meinen Kopf nur ſo weit er⸗ hebend, wie nöthig war, zwiſchen Halmen und Geſtrüpp hin⸗ durch das verwundete Thier zu beobachten und ſogar noch eine Strecke über daſſelbe hinaus zu ſpähen.

S war ein ärmliches Verſteck in Anbetracht der ſcharfen indianiſchen Augen, allein wie hätte ich mir anders helfen können? Außerdem durfte ich darauf rechnen, daß der nichts Arges ahnende Jäger mehr auf die Fährte ſeiner Beute, als auf die Sicherheit ſeiner Umgebung achten würde. Gern wäre ich dem Hirſch noch um zwanzig Schritt näher geſchlichen, doch durfte ich dies nicht wagen, indem das Glücken meines ſchnell gefaßten Planes einzig und allein darauf beruhte, daß ich unentdeckt blieb.

Noch keine Minute hatte ich mich in meinen Verſteck befunden, als ich die erſte Ausſicht auf den Indianer erhaſchte, wie derſelbe ſich behutſam durch das Gebüſch drängte und dabei beſtändig ſeine Blicke auf den Erdboden geheftet hielt. Gelegentlich betrachtete er auch einzelne in ſeinen Bereich hineinragende Blätter, als ob er das Blut hätte prüfen wollen, welches der Hirſch im Vorbeiſtreichen auf dieſelben geſpritzt. Ja ja, er mußte ein gewandter Bogenſchütze ſein, denn da der Pfeil, trotz der jähen Flucht durch das Dickicht nicht geknickt oder abgebrochen war, konnte er nur ſchräge hinter den kurzen Rippen eingedrungen ſein und durch ſchwere Verletzung der Lungen einen ſo ſtarken Blutverluſt erzeugt haben.

Mehrere Minuten dauerte es indeſſen noch, bevor das dichte Strauchwerk mir einen vollen Anblick des geheimniß⸗ vollen Jägers geſtattete; dann aber überzeugte ich mich leicht, daß derſelbe nur ein Raubgenoſſe des verrätheriſchen Tomaſo ſein konnte..

Schon mancher Rothhaut war ich in unſern Wäldern begegnet, ſchon manches Wigwam hatte ich beſucht und mit deren Bewohnern mich befreundet, denn damals gab es noch mehr Eingeborne als heute, allein ich entſinne mich nicht, jemals einen Indianer geſehen zu haben, der im Aeußeren dieſem ähnlich geweſen wäre. Von ungewöhnlich dunkler Geſichts⸗ farbe, erhielt er dadurch beſonders einen wilden, grauſamen Ausdruck, daß die faſt bis zu ſeinen Knieen niederreichenden Haupthaare ſeine Augen halb verſchleierten und er wie ein Biſon unter ſeiner Mähne hervor, zwiſchen denſelben hindurch um ſich ſpähte. Als Bekleidung, ſo weit ich dieſelbe zu erkennen vermochte, trug er eine hellblaue Decke von leichten Baum⸗ wollſtoff, deren Gleichen ich ebenfalls noch nicht geſehen hatte, während ſeine Füße und Beine, wie ſich ſpäter herausſtellte, durch Makaſſins und Laggies von ziegelfarbig gegerbtem Leder geſchützt waren. Auf der Schulter trug er eine lange Kentucky⸗ Büchſe, wogegen an breitem Bande von Otterpelz der ge⸗

gerbte Balg eines jungen Panthers an ſeiner Seite nieder⸗ 4

hing, der zur Aufnahme eines Bündels Pfeile und eines Elkhorn⸗Bogens diente.

Das war alſo der Jäger, den ich von meinen Verſteck aus beobachtete. Indem ich ihn genau beſchreibe, tritt er mir wieder lebhafter vor die Seele; ich ſehe jede einzelne ſeiner Bewegungen; ich ſehe das unheimliche Glühen ſeiner Augen,