Jahrgang 
1868
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ihre wollüſtigen Wellenbewegungen ungenirt hinblickend, hauchte ſie mir ſo cholerafeucht ins Antlitz, daß ich ihr den Rücken zuwendend, an dieUm⸗ und Rückkehr zum heiligen Markus dachte, unter deſſen Löwenwappen ich ſicher zu ſein glaubte vor den Anfechtungen der Dame. Ich habe nämlich bis⸗ weilen tugendhafte Augenblicke, namentlich alten Damen gegenüber. Ueber ihren Rücken in der Gondel hinzugleiten gab ich aus dieſem Grunde auf, und beſchloß zu Fuß nach der Piazzo grande zurückzukehren. Das iſt freilich ein großes Wageſtück in Venedig, wo ſo wenig terra firma, dafür ſehr viel Kanalwaſſer, und ein Labyrinth von ſpannbreiten Gäßchen, Stegen, Brücken und Brückchen eigentlich ohne Compaß nicht zu durchwandern ſind. Ein ſolches Petit⸗Magnetnadelchen baumelte als Berloque an meiner Uhrkette. Ich hätte den geraden Weg die Riva di Schiavoni entlang nehmen können, allein es gelüſtete mich einmal nach krümmeren. Es war mein letzter Tag in Venedig, und ich wollte mich noch ein⸗ mal in ſein Gaſſenlabyrinth vertiefen. Muthig ſtolperte ich durch die gewundenen Irrgänge, weſtwärts vom Arſenal, äberkletterte ein paar Dutzend hochgewölbter Kanalbrücken und gelangte nach einer halben Stunde richtig zu einer Stelle, die ich ſchon öfters, freilich von anderer Seite her beſucht hatte, zum Ponte Cavallo(unſer Bild iſt ein Conterfei der Brücke), zurPferdebrücke, die ſich für dieſen Namen bei dem venetianiſchen, 1475 geſtorbenen General Colleoni, oder vielmehr ſeinem, nach dem genialen Entwurf Vervechio's von Leopardo in Erz gegoſſenen Reiterbilde bedanken mag. Eine Aehnlichkeit hat ſich mir mit dem Standbilde unſeres Mar⸗ ſchalls Vorwärts auf dem Berliner Opernplatze aufgedrängt: Beide ſtehen auf ſchönen hohen Piedeſtalen, die ungewöhnlich ſchmal ſind, ſo daß beide Helden ſich unzweifelhaft da droben ſehr beengt fühlen müſſen, was bekanntlich unſerm Blücher längſt angeſehen worden. Die architektoniſche Nachbarſchaft des Ponte Cavallo, die zweien Apoſteln St.⸗Giovanni und

Paolo die der Venetianer Volksmund, Silben erſparend, zu einem HeiligenZanipolo zuſammenzieht geweihte

Kirche, gehört zu meinen liebſten venetianiſchen Erinnerungen, wenn auch in ihr die Vergänglichkeit deutlich gepredigt wird. Sie iſt Venedig's Weſtminſter⸗Abtei, deren hohe dreiſchiffige gothiſche Hallen ſich über zweiundzwanzig ſterbliche Dogen⸗ Hüllen und eine Unzahl anderer hochberühmter Männer wölben, an denen Venedig einſt ſo reich war. Es iſt eine edle, majeſtätiſche Gruftkirche, in der das Intereſſe durch einen Ueberfluß der herrlichſten Kunſtſchätze im Gebiete der Malerei und Sculptur erregt wird. Aber die Elemente ſelbſt ſind

neidiſch auf Venedig, nicht allein das Waſſer wetzt ſeinen Zahn an der Stadt der Bergangeuheit, auch das Feuer. Stundenlang feſſelte mich vor Jahren die Kapelle derMadonna del Roſario mit ihren Gemälden und Sculpturen in Bas⸗ relief. Die Flammen haben unterdeß dieſe Abtheilung des herrlichen Tempels zerſtört, zugleich zwei der ruhmreichſten Altarbilder, die zur Zeit des Brandes in der Kapelle zu nöthiger Reparatur aufgeſtellt waren. Weniger ſchmerzlich in der Kunſtwelt ward vielleicht mit Unrecht Bellini's Bild bedauert; unerſetzlich bleibt der Verluſt von Titians großem Altarbilde im nördlichen Langſchiff der Kirche:Des heiligen Petrus Martyr(Dominicaner) Ermordung, das Napoleon einſt nach Paris entführte, und das zurückkehrte, um hier in ſeiner Heimat in Flammen auf immer zu ver⸗ ſchwinden. Noch ſteht es mir in all ſeiner Friſche und Herr⸗ lichkeit vor dem zurückſchauenden Blick. Es war eins von den ſeltenen Bildern, deren Einfachheit, ſtille Gewalt und Wahr⸗ heit den Beſchauer ſo wunderbar ergriff, daß er die lebendigſte Wirklichkeit zu erleben glaubt, aber zugleich das Herbe des Eindrucks durch den Frieden der Kunſt verſöhnt fühlt.

Auf dem Markusplatz war der Abend niedergeſunken; zahlreiches Menſchengewoge, beleuchtet vom ſtrahlenden Lampen⸗ ſcheine. Ich war froh, vor dem Cafe Frangais einen Stuhl nebſt obligatem Mocca zu erhalten. An gleich mir gelang⸗ weilten Deutſchen fand ich kurzweilige Geſellſchaft. Wir er⸗ götzten uns an der Unterhaltung unfern von uns ſitzender Italiener, die insgeſammt die Meinung theilten, daß Preußen nie im Kampfe mit Oeſterreich geſiegt,wenn ſie nämlich die Italiener uns nicht dazu verholfen.() Ein Berliner unſerer Geſellſchaft war entſchloſſen, demfaulen Jungen, wie er ſich national-unzart ausdrückte, ſeinen italieniſchen Standpunkt klar zu machen. Wir hielten ihn lächelnd davon zurück. Am nächſten Morgen flüchtete ich auf den Trie⸗ ſtiner Vapere, und war ſehr heiter, als das Venedig der Gegenwart,das vom Meer ausgeworfene Wrack, an dem Wellen, Wind und Wetter nagen, und die Würmer zehren, hinter mir lag.

Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten wollte, ich würde Venedig nicht mehr beſuchen. Mit Vergnügen kehre ich noch einmal zurück, aber nicht eher, als bis Venetia wieder eine behäbige öſterreichiſche Stadt geworden, oder Republik, d. h. nicht nach Mazziniſchem, ſondern nach ruhmreichem, Ehrfurcht einflößendem Zuſchnitt der Vergangenheit. Ich liebe die Extreme in den Regierungsformen. Dasfaule Jungenthum aber haſſe ich,davor bin ich Berliner.

Der Fallenſteller.

Erzählung aus dem nordamerikaniſchen Grenzleben.

Von Balduin Möllhauſen.

(Fortſetzung.)

Etwas nördlich von der jetzigen Stadt Independence, jedoch noch ſüdlich von der Mündung des Kanſas war unſer Uebergang über den Miſſouri erfolgt, der durch eine mitten im Strome liegende breite Sandbank erheblich erleichtert worden war, und in Gewaltmärſchen näherten wir uns dem Neoſcho, wo nur immer thunlich, ſeine Nebenflüßchen als Wege be⸗ nutzend. Fünf Tagereiſen brachten uns bis auf ungefähr zwölf Meilen von dieſer Stelle hier und ebenſo nahe an unſere Feinde heran. Der zwiſchen uns beſtehende Zwiſchen raum konnte indeſſen noch beſonders dadurch als abgekürzt betrachtet werden, daß ſie ſpäter, als wir, ihr Lager bezogen hatten. Wurden wir nicht entdeckt, ſo mußte der Zuſammen⸗ ſtoß in nächſter Zeit erfolgen, und um den erſten Angriff mit ungeſchwächten Kräften unternehmen zu können, beſchloſſen wir, uns mit dem Aufbruch nicht zu übereilen.

Wenn Ihr dies Thal verlaßt und jene Höhe erſteigt, werdet Ihr gegen Oſten einen bläulichen, kaum erkennbaren Waldſtreifen bemerken, ſchaltete der Fallenſteller jetzt ein, der, ſolange ſeine Schilderungen nur ſeinen Ritt betrafen, immer ruhiger geworden war.

Der Waldſtreifen bezeichnet den Lauf eines Baches, der weiter unterhalb in den Neoſcho mündet. An dieſem Bach hatten wir übernachtet, während unſere Feinde kaum fünfhundert Schritte von hier ihr Lager aufgeſchlagen hatten. Sie konnten daſelbſt erſt nach Mitternacht eingetroffen ſein, denn die Spuren ihrer Pferde, die wir auf der Uebergangs⸗ ſtelle des Baches prüften, waren da, wo Wind und Sonne ſie nicht berührt hatten, noch nicht vollſtändig ausgetrocknet. Wir befanden uns daher ſchon längſt im Sattel, als jene vielleicht noch, wenn auch nur der armen Margareth und der Pferde wegen, vor dem Feuer lagen und gedörrtes Büffel⸗ fleiſch nothdürftig röſteten und mit Nierenfett und Beinmark beträufelten. Nach kurzem Ueberlegen beſchloſſen wir, das Thal des Baches nicht zu verlaſſen und demſelben bis dahin nachzufolgen, wo es ſich mit dem Neoſcho vereinigt. Machten wir dadurch auch einen Umweg von ungefähr fünf Meilen, ſo lag dafür die Möglichkeit nahe, daß wir die Räuber, im Falle ſie die heißen Stunden im Lager verbrachten, noch da⸗ ſelbſt überraſchten, oder, einem von der andern Seite dem Neoſcho zufließenden Bache aufwärts folgend, vor ſie gelangten,