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frangais das Publikum ein neues Stück applaudiren ſah, das
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Menge, die meiſt damit endeten, daß der edle Lord ſich durch ſein Geld aus der Patſche zog, in die ihn ſein Uebermuth geführt, wenn er ſich nicht durch ſeine Fäuſte zu retten im Stande war. Mehr als einmal band er bei Volksfeſten mit den kräftigſten Arbeitern an und raufte ſich mit ihnen, ward aber auch mehr als einmal ſo mit Fauſtſchlägen zugedeckt, daß er Tage lang die Spuren davon an ſich trug.
Zu ſeiner Unterhaltung und zur Uebung ſeiner Kräfte hatte er in ſeinem Hotel am Boulevard eine Fecht⸗ und Turn⸗ akademie angelegt, deren Wände mit den koſtbarſten Waffen decorirt waren. Dreimal in der Woche war hier große Uebung; man brauchte nur einmal hier eingeführt zu ſein, um immer wieder kommen zu dürfen. Sehmour ließ dabei ſeine Gäſte mit den ſchönſten Erfriſchungen und den theuerſten Cigarren bewirthen.
Zu den Freunden, von denen er immer umgeben war, gehörte auch der Marquis Saint Cricg, der es ihm in allerlei Streichen oft noch zuvor that und einmal, als er im Theätre
ihm gründlich misfiel, hinaus ging, um zur Strafe für dieſes dumme Publikum alle in der Nähe des Theaters haltenden Fiaker für ſich zu miethen. Danach aing er wieder ins Theater, ſetzte ſich zufrieden auf ſeinen Platz und rief:„Ap⸗ plaudirt nur, ihr Dummköpfe. Ihr werdet nachher alle zu Fuße in dem Platzregen nach Hauſe gehen müſſen!“
Zu Seymours Eigenſchaften gehörte eine außerordent⸗ liche Gutmüthigkeit, die er aber ſich abzugewöhnen bemüht war, weil er wußte, daß Jeder ſeinen Reichthum zu misbrauchen ſuchte. Hierdurch bildete er in ſich einen faſt kindiſchen Eigen⸗ ſinn aus, und während er nach der einen Seite ſein Geld mit vollen Händen wegwarf, lehnte er oft Dienſte ab, welche die Menſchlichkeit ihm geboten hätte.
Dieſen erwähnten Freunden ſpielte er oft Poſſen, deren blutiger Ausgang nur mit Mühe verhindert wurde, wenn die Gefoppten von ihm Revanche verlangten. Einer ſeiner ſteten Be⸗ gleiter hatte z. B. einen unüberwindlichen Abſcheu vor allen Katzen. Um ihm einen Streich zu ſpielen, ritt er mit ihm nach ſeinem Schloſſe hinaus, ließ ihm einen todten Kater ins Bett legen, die Thür hinter ihm ſchließen und der gute Freund hätte faſt den Tod davon gehabt, als er den kalten Katzenleichnam unter ſich im Bette fühlte. Ebenſo hatte einer ſeiner liebſten Fechtmeiſter, die er für ſeine Akademie engagirt hatte, eine Abneigung gegen Ratten. Dieſen, einen der wackerſten Hau⸗ degen und frühern Unteroffizier, ließ er einmal unter irgend einem Vorwand in ein großes, eigens hergeſtelltes Gehege bringen, und kaum ſtand er in demſelben, als von allen Seiten eine Herde Ratten hinein gelaſſen wurde.
Der Fechtmeiſter verfiel danach in eine ſchwere Krankheit. Kaum geneſen, machte er ſich auf den Weg, um Seymvur niederzuſchießen; was man auch that, ihn zu beſänftigen; er hatte dem Lord den Tod geſchworen. Viel Anſtrengung koſtete es, um den braven Unteroffizier von ſeinem blutigen Vorhaben abzubringen.
Im Jahre 1838 hatte der große Pferdehändler Drake, mit dem Seymour ſtets in Verbindung ſtand, ein Pferd ge⸗ kauft, von dem er behauptete, es ſei im Stande, eine Barriere von ungeheurer Höhe zu überſpringen. Seymour wettete 10,000 Pfund dagegen. Das Experiment ſollte im Bois de Boulogne gemacht werden. Die Barriere ward hergeſtellt und vor derſelben ſollten noch ſechs Gräben und andere Hin⸗ derniſſe genommen werden.
Eine große Anzahl von Dilettanten und Neugierigen hatte ſich eingefunden; Jeder hielt das Ueberſpringen dieſer Barriere für eine Unmöglichkeit, Niemand gab einen Heller für das Leben des Reiters, der das Wagſtück unternehmen werde. Nur Bill, der Piqueur Drake's, der das Pferd genau kannte, er wußte, daß er demſelben auch das ſcheinbar Un⸗ mögliche zutrauen dürfe; ein unerſchrockener Burſche, wie er war, fand er ſich bereit, den Sprung zu wagen.
Die Aufregung der Zuſchauer war groß, nur Sehmour blieb ruhig. Der Ritt begann. Bill nahm die Hinderniſſe.
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mour lächelte. Da flog das Pferd über die Barrière, ohne dieſelbe auch nur zu ſtreifen, und ein donnerndes Bravo empfing Pferd und Reiter.
Seymour ſchien nicht im Geringſten verdrießlich darüber, daß er ſeine Wette verloren; er zog ſein Portefeuille hervor, zahlte Drake ſeine 10,000 Pfund, drückte Bill ein Billet von 1000 Franes in die Hand und reichte jedem der Arbeiter, welche die Barrière hergeſtellt, 10 Louisdors; mit der Be⸗ friedigung eines Spaniers, der einem guten Stiergefecht zu⸗ geſchaut, kehrte er in die Stadt zurück.
Eine andere Anekdote, an der Drake ebenfalls betheiligt war. Der Letztere offerirte dem Lord wieder einige Pferde, die er eben bekommen und ihm vorzureiten ſich bemühte. Graf d'Aure, einer von Seymour's Freunden, beſtieg das ſchönſte der Pferde, um die Tugenden deſſelben zu prüfen.
„Lieber Graf“, ſagte Seymour zu ihm,„ich will Ihnen ein Kunſtſtück vorſchlagen, das eines Reiters, wie Sie ſind, würdig iſt. Anſtatt den elenden Zaun dort zu nehmen, ſpringen Sie über die alte Obſthändlerin, die dort drüben unter ihrem rothen Regenſchirm ſitzt!“
Lautes Gelächter der Umſtehenden. Graf dAure gab inzwiſchen dem Pferde die Sporen und flog über die arme alte Frau hinweg, die ahnungslos zu ihrem Erſtaunen Reiter und Pferd vor ſich wie vom Himmel gefallen ſah.„
Seymour lachte aus vollem Halſe und reichte der Alten eine anſtändige Banknote.
Andre Beweiſe der Gutmüthigkeit, gepaart mit einer ge⸗ wiſſen Verachtung oder Minderſchätzung alles deſſen, was ſich mit ſeinem Reichthum nicht meſſen konnte, liefert ſein Leben hinreichend. Er war nicht ſchlecht, aber in Folge ſeiner Ge⸗ wohnheit, mistrauiſch gegen Alle zu ſein, gewann es oft den Anſchein. Für wirkliche Armuth hatte er ſtets offene Hand, namentlich waren ihm Straßenſänger und dergleichen Nomaden intereſſant, und gegen dieſe zeigte er eine königliche Freigebig⸗ keit, denn ſie erhielten oft von ihm ganze Fäuſte voll Goldſtücke.
Zu jener Zeit ſah man auf den Boulevards faſt täglich ein Mädchen von vierzehn oder funfzehn Jahren, ein aller⸗ liebſtes Geſchöpf, das damals unter dem Namen„die Blu⸗ menhändlerin“ bekannt war und ſpäter freilich unter dem Spitznamen„Baſtringuette“ berüchtigt wurde. Damals war ſie noch ein unſchuldiges Kind und Seymour ſteckte ihr jedes⸗ mal, wenn er ſie ſah, ein Goldſtück in die kleine Hand.
Ob namentlich die jungen Strolche, an welche er der⸗ gleichen Geſchenke gern gab, von dieſem Gelde einen guten Gebrauch machten, war ihm gleichgültig.„Es iſt ein ſchlechtes Korn, das aufgehen wird“, pflegte er zu ſagen. So gab er er auch einmal einem hübſchen, aber im Rufe eines unver⸗ beſſerlichen Banditen ſtehenden Burſchen 500 Francs.
„Ein ſchlechtes Almoſen!“ ſagte einer ſeiner Freunde. „Was wird dieſer Burſche thun, wenn er die 500 Francs verzehrt hat?“
„Vielleicht wird er einen Mord begehen, um ſich wieder eine ſolche Summe zu verſchaffen. Das hat ihn in Geſchmack gebracht“, antwortete Seymour gleichgültig, denn ihm war's ein Behagen, ſich über die Menſchheit luſtig zu machen. An demſelben Tage begegnete er einer Bahre, auf welcher ein Arbeiter lag, der vom Gerüſt gefallen und ſich beide Beine gebrochen hatte. Jammernd ſchritt ſein Weib hinterdrein.
Seymour trat heran, erkundigte ſich und ließ den Un⸗ glücklichen nach Hauſe ſchaffen. Gleich darauf fand er ſich in der düſtern Wohnung des Arbeiters, von zwei Chirurgen begleitet, ein, küßte das Kind des Unglücklichen, gab ihm
1000 Francs und ging. Mehrmals noch ſandte er jedesmal 500 Francs und nach Monaten erfuhr erſt der Geneſene den Namen ſeines Wohlthäters.
In Seymours Weſen lag es überhaupt, nur den nie⸗ drigſten Klaſſen Wohlthaten zu erweiſen; für wohlthätige Stiftungen fand man ihn ſtets gleichgültig; niemals hat er mit Beiträgen zu ſolchen geholfen.
Als die Revolution 1848 ausbrach, floh er mit ſeiner
Alles hielt, von Schreck gebannt, den Athem an, nur Sey⸗
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Geliebten, der Marquiſe**, nach Boulogne, blieb dort bis⸗


