Jahrgang 
1868
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ſchrift iſt gut, ſie wird ihren Unterhalt erwerben. Ich will mich für Sie verwenden.

Mit dieſer tröſtlichen Verſicherung entließ er mich, ſagt Alexander.Ich ließ beſchämt meinen Kopf auf die Bruſt hinab ſinken und wagte es nicht, die Augen zu erheben. Eine gute Handſchrift war meine einzige Empfehlung.

Aber ſie half ihm zu dem Schreiberdienſt bei dem Se cretär des Herzogs von Orleans, nachherigem König Ludwig Philipp.

Einige Tage hatte er im Bureau neben dem andern Co⸗ piſten gearbeitet, als er den wichtigen Entſchluß faßte, der Feder, die ihm zu ſeinem Unterhalt verholfen, für ſein Leben treu bleiben zu wollen. Sie allein ſollte, ſo hoffte und be⸗ ſchloß er, ihn eines Tages zu Geld und Ehren bringen. Das Wie war ihm zwar nicht ſogleich klar, jedenfalls legte er dem Vorſatze aber einen höhern, wenn auch noch nicht geform⸗ ten Begriff bei, als den des mechaniſchen Abſchreibens. Nach⸗ dem er einmal zu dieſem Entſchluß gekommen, faßte er auch die Mittel ins Auge, die allein, das ſah er nun wohl, zur Ausführung und zum Gelingen nothwendig waren. Mit un⸗ abläſſiger Sorgfalt begann er ſeine Selbſtbildung.Und damit ſagt er ſelbſt,begann der hartnäckige Kampf meines Willens, ein Kampf, der deshalb merkwürdig iſt, weil das Ziel, dem ich zuſteuerte, ein gewiſſes Etwas war, dem ich ſelbſt noch keinen Namen zu geben wußte, und weil der Um⸗ ſtand, daß ich unten beginnen und mich ohne äußere Hülfe hinauf arbeiten mußte, vermehrte Beharrlichkeit erforderte. Die Vormittage, welche mich an meinem Schreibtiſch fanden, dehnten ſich täglich zu der Länge von acht Stunden aus, und allabendlich mußte ich nach einer kurzen Raſt von 7 10 Uhr noch einmal zu demſelben zurückkehren, ſo hatte ich nur die Stunden für meine Studien, welche ich dem Schlafe abringen konnte. Es war eine ſchwere Ueberwindung, ein langes un abläſſiges Kämpfen, ehe ich in der Gewohnheit den mächtigen Kampfgenoſſen fand, der meiner Beharrlichkeit zur Seite ſtand und meine Anſtrengungen nach und nach, in langſamer Stufen⸗ folge, ihrem Ziele näher führte. Aber ich habe ſie beibehalten, und die angehäuften Bücher, welche meine Freunde in Er ſtaunen ſetzen, ſind die Früchte meiner nächtlichen Arbeiten.

Ich ſtudirte auf dieſe Weiſe, ohne daß irgend Jemand darum wußte, unabläſſig, ohne anſcheinende Reſultate drei Jahre lang. Ich producirte nichts, fühlte auch kein Be⸗ dürfniß, irgend etwas zu produciren. Das Theater ſlößte mir großes Intereſſe ein. Mit einer gewiſſen neugierigen Be⸗ gierde verfolgte ich die dramatiſchen Producte des Tages, be⸗ obachtete ihre Erfolge und Nichterfolge, konnte mich aber mit ihrer dramatiſchen Conſtruction ebenſo wenig befreunden, als mit der dialogiſchen Form ihrer Ausführung. Ich fühlte, daß, ganz abgeſehen von meiner etwaigen Fähigkeit, ich in Folge meiner Abneigung ſchon niemals etwas in derſelben Art würde hervorbringen können, und ich hatte keine Ahnung,

daß es noch eine andere, ganz verſchiedene Weiſe der Com⸗ poſition gebe.

In dieſer Zeit kam eine engliſche Schauſpielertruppe nach Paris:(Hamlet ſollte ihre Vorſtellungen eröffnen. Der große britiſche Dichter war mir unbekannt; ich hatte nie eine Zeile ſeiner Schöpfungen geleſen, aber ich ging, um(Ham⸗ let? zu ſehen. Der Eindruck war ein mächtiger, überwäl

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tigender. So, wie mir damals war, muß es dem Blind⸗ geborenen ſein, deſſen Augen ſich plötzlich dem Tageslicht öffnen und vor deſſen Blick ſich die Schönheiten einer bis dahin ungekannten Welt erſchließen. Wie ich bebte, wie meine Seele glühte! Meine ganze Seele! Nun war es mir klar, jenes unbekannte Etwas, dem ich zugeſteuert! O, nun wußte ich, was ich wollte! Nun hatte ich gefunden, was ich geſucht hatte, was ich ſuchte! O Shakſpeare, dir ſei Dank! Dank! Dank! Ich bin dein Schuldner ewiglich!

Der junge Alexander hörte denHamlet und er las ihn.Hamlet war die Brücke, die ihn in eine andere Welt führte. Und er las die andern Werke des unſterblichen Bar⸗ den; er las und ſtudirte ſie, und die Augen ſeines Geiſtes öffneten ſich; nun wußte er, was er wollte, nun kannte er das Etwas, dem ſeine glühende Seele zuſtrebte. Unabläſſiger noch arbeitete, rang er früher im Dunkeln, nun im Son⸗ nenſtrahl. Er war ununterbrochen bemüht, ſeinen Stil zu vervollkommnen das Dichtergenie, das verborgen in ihm geruht, ſprang hervor an das Licht der Dichter in ihm war geboren.

Am 10. Februar 1829 wurde ſeinHeinrich III. in Paris gegeben, und der Erfolg war außerordentlich. Der Herzog von Orleans, der der Vorſtellung beiwohnte, war ſo hingeriſſen, ſo begeiſtert, daß er die Einnahme des talent⸗ vollen jungen Mannes augenblicklich von zwölfhundert Franes zu der Höhe von ſechstauſend erhob, und daß er es der Will⸗ tür deſſelben allein überließ, ſeine Arbeitsſtunden in dem Ge⸗ ſchäftsbureau zu beſtimmen.

Von jenem Abende an ſtieg Alexander Dumas unauf⸗ hörlich bergan. Seine Laufbahn iſt ein faſt beiſpielloſer, un⸗ unterbrochener Erfolg. Er hat ſich einen Namen erworben als Dichter, Novelliſt und Reiſebeſchreiber. Die lebendigen, klaren Schilderungen ſeinerlmpressions de voyages haben ihn ganz beſonders populär in der Leſewelt aller Völker ge⸗ macht, und obwol man wünſchen mag, daß ſo außerordent⸗ liche Talente und ſo unnachläſſige Beharrlichkeit einem höhern Ziele zugewandt geweſen ſein möchten, muß man doch die Energie anerkennen und ehren, welche den jungen, kenntniß⸗ loſen Schreiber zu ſeiner Selbſtbildung bewogen, trotz un⸗ überwindlich ſcheinender Hinderniſſe. Und was man auch denken mag über die Art und Weiſe, in der er ſeine Talente offenbart und zur Geltung gebracht, die Geſchichte ſeines Strebens und ſeines Ringens iſt ein Beleg für die Wahr⸗ heit des alten Sprichworts:Wo ein Wille iſt, findet ſich ein Weg. Möchten wir zuerſt die Ueberzeugung gewinnen, daß unſer Ziel ein würdiges iſt, unſere Abſichten gut und edel ſind, und dann was wir auch zu bekämpfen, zu über⸗ winden haben mögen, wie hoffnungslos die Ausſicht auf Er⸗ folg auch ſcheinen mag nie, nie verzagen. Auch die dunkelſte Stunde führt zum Licht, wenn ein tapferes, ein aufrichtiges Herz den Kampf auf ſich nimmt und unabläſſig verfolgt. Hoffnung, Hoffnung unter allen Umſtänden! das ſei das Motto, und Vertrauen auf den, in deſſen Hand die Erfüllung jeder Hoffnung ruht, der das Streben gibt und den Willen ſtärkt, der in dem Schwachen mächtig iſt, ſei die Beſiegelung des Mottos des Mottos für den Kämpfer in dieſer Welt des Kampfes, für den verborgenen und den voffenkundigen Kampf, für den Kampf im Kleinen und im Großen. Dem aufrichtigen, dem tapfern Herzen läßt es Gott gelingen.

605 Ein früher Tod.

Das Unglück, welches die Expedition des Barons von der Decken in Central⸗Afrika getroffen, iſt ſeiner Zeit gewiß jedem unſerer Leſer zur Kenntniß gekommen; denn alle Tages⸗ blätter brachten wiederholt Berichte über den traurigen Aus⸗ gang des kühnen Unternehmens. Wir wollen deshalb heute mit keiner Auffriſchung langweilen, ſondern dem Bilde, das derHausfreund bringt, nur eine Erinnerung an den Todten

hinzufügen, den die Wilden, nachdem ſie ihn erſchlagen, ſeiner geringen Koſtbarkeiten berauben. Er hatte nicht gedacht, der jugendmuthige Burſch, daß er ſo enden ſollte. 5 Wir meinen den Maler Trenn, der ſich dem Decken⸗ ſchen Wagniß mit ſo großem Vertrauen, wie nur irgend Einer, angeſchloſſen. Seiner Meinung nach konnte es gar nicht misglücken, obwol ſeine Freunde und Bekannten die Stirn