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einer unſchädlichen, werthloſen Subſtanz gewiſſe Schichten des Publikums aufs empfindlichſte zu brandſchatzen— natürlich zum Beſten ſeines eigenen Geldbeutels. Dieſer Zug unſeres Volkscharakters bewährt ſich, wie geſagt, heute noch ebenſo, wie er ſich vor Zeiten nicht verleugnete. Gab es doch Pe⸗ rioden— es waren beſonders die des vorigen Jahrhunderts— in denen unſer Deutſchland in dem wohlverdienten Rufe ſtand, ein ganz beſonders fruchtbarer Boden zu ſein für die giftigen Pilze, die unter irgend einer volksbeglückenden Firma an allen Orten und Enden auftauchten, die hier als Geiſterbeſchwörer oder Alchemiſten die höchſten Cirkel der Geſellſchaft in ihren trüben, myſtiſchen Dunſt einhüllten, oder in den Schichten des Volks als Schatzgräber, Wahrſager, Wunderdoctoren u. ſ. w. ihr Unweſen trieben. Jene giftigen Schmarotzer auf dem ge⸗ ſunden Stamme unſeres Volkslebens kannten aber auch ihr Publikum, trotz einem. Während ſie nach Zeit und Umſtän⸗ den entweder auf die Freigeiſterei oder auf die pietiſtiſche Kopfhängerei der Großen ſpeculirten, war es zumeiſt der an— geerbte Reſpect der niedern Klaſſen vor allem Fremden, be⸗ ſonders allem Franzöſiſchem, war es die Leichtgläubigkeit und Wunderſucht derſelben, welche ſie zum Ausgangspunkt ihrer ſchlauen Operationen machten. So kam es, daß Deutſchland damals das gelobte Land aller franzöſiſchen und italieniſchen Glücksritter war.
Wir verhehlen uns nicht, daß es ſeit jenen Zeiten, die unſerem Volke nimmer zu Ehrer gereichen, in den erwähnten Beziehungen vielfach beſſer geworden iſt. Das Bewußtſein der Selbſtändigkeit, das die letzten Jahrzehnte in der Bruſt eines jeden Deutſchen mächtig anzuregen geeignet waren; un⸗ ſere den Anforderungen der Zeit mehr entſprechende Volks⸗ bildung, die auf einer in vielfacher Beziehung zeitgemäßen Schuleinrichtung beruht und die fort und fort angeregt und gefördert wird von Männern, denen die geiſtige Erhebung unſers Volks als Vorbedingung ſeiner nationalen Größe und ſeiner materiellen Wohlfahrt gilt: alle dieſe Momente haben freilich in mancher Beziehung erfreulichen Wandel geſchafft. Das in Rede ſtehende Unweſen völlig zu beſeitigen, iſt ihnen aber leider noch nicht gelungen.
Wenn man indeſſen meint, wir zögen hier gegen die oben erwähnten Schwindlergattungen zu Felde, ſo iſt dieſe Meinung eine unbegründete. Dieſe Arten des Ritterordens „von der fragwürdigen Geſtalt“ ſind in der That als anti⸗ quirt zu betrachten; iſt dieſes Geſchlecht auch noch nicht voll⸗ ſtändig ausgeſtorben, ſo wagt es doch höchſtens nur noch in den wohlbekannten Schlupfwinkeln des Aberglaubens und der Dummheit ſein Spiel zu treiben; kommen aber ſeine Mit⸗ glieder, vielleicht weil ſie trotz ihrer ausgezeichneten Con⸗ nexionen mit Angehörigen des Geiſterreichs ihre Zeit doch falſch beurtheilen, mit ihren„Enthüllungen“ einmal an das klare Licht des Tages(wie dies noch neulich dem ſehr ehren⸗ werthen Dr. Epp in Nürnberg paſſirte), ſo werden ſie eben bewillkommnet wie ſich's gebührt. Von Leuten dieſes Kali⸗ bers hat das Publikum nichts mehr zu fürchten.
Diejenigen, deren Geſchäftszweig die Ueberſchrift dieſes Artikels kennzeichnet, gehen zeitgemäßer zu Werke. Sie haben in richtiger Würdigung unſerer Zeit die altväteriſche, gelehrte Allongeperrüke abgelegt; ſie tragen nicht mehr, wie weiland Doctor Eiſenbart, das ſilberbeſchlagene Rohr in der Hand und legen nicht mehr mit bedenklichen Mienen den Finger an die Naſe; ſie haben den einſt unentbehrlichen Hanswurſt und die geheimnißvoll dreinſchauenden Phiolen längſt in den Winkel geworfen— würde ja dieſer ganze, einſt wunderwirkende Ap⸗ parat unfehlbar dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen; dafür aber gehen ſie modern gekleidet einher wie alle andern Men⸗ ſchenkinder, begnügen ſich ſtatt der hochklingenden Namen, mit denen man ſonſt ſeinem Publikum imponirte(wir erinnern hier nur an den berühmten Bombaſtus Theophraſtus Para⸗ celſus), mit ſchlicht bürgerlich klingenden, denen man höch⸗ ſtens noch ein Pr. veranſtellt, während die Stelle des Hans⸗ wurſtes viel zweck⸗ und zeitgemäßer die Reclame— dieſe aber im potenzirteſten Sinne!— vertritt:— Herz, was verlangſt du mehr! Um ihre gläubige Heerde deſto bequemer ſcheren
zu können, kleiden ſie ſich in das Gewand des guten Hirten und ziehen der leidenden Menſchheit auf Tritt und Schritt nach. Ihre Schuld iſt's dann nicht, wenn man die uneigen⸗ nützig(2) angebotene Geneſung ſchnöde von ſich ſtößt.
Wir bemerken hier, um jedem Verdacht einer angeblichen Verketzerung all und jeder Hausmittel vorzubeugen, ausdrück⸗ lich, daß manches derartige Fabrikat nicht ſo ſcharf beurtheilt werden darf, als wir es im Allgemeinen hier ausſprachen; aber bei der in der Regel mangelnden medieciniſchen Bildung ihrer Fabrikanten iſt wol ſelten die gehörige Garantie ge⸗ boten, daß man es mit wirklich heilkräftigen Stoffen zu thun
hat und aus dieſem Grunde erſcheint es am räthlichſten, alle
derartigen Erſcheinungen mit Mistrauen zu beobachten. Zu⸗ nächſt iſt, wie gleich nachgewieſen werden ſoll, in vielen Fällen geradezu ein Betrug des Publikums eonſtatirt, da man dem⸗ ſelben angebliche Heilmittel zu hohen Preiſen verkauft, die entweder ganz werthlos oder doch nur von verhältnißmäßig ſehr geringem Werthe ſind. Sodann aber wirkt der Gebrauch derartiger angeprieſener Heilmittel oft geradezu das Gegen⸗ theil, inſofern man nämlich während der Zeit, die mit Ver⸗ ſuchen nutzlos verſtreicht, unglücklicherweiſe verſäumt, einen verſtändigen Arzt zu Rathe zu ziehen, ſodaß vielleicht ein Uebel ſchon unheilbar geworden iſt, das durch zweckmäßige ärztliche Behandlung hätte gehoben werden können. Hier alſo liegt noch immer ein drängender Nothſtand!
Es bleibt dieſem Nothſtande gegenüber als ein unſchätz⸗ bares Verdienſt anzuerkennen, das ſich die neuere Chemie um das Publikum erworben hat, indem ſie die meiſten dieſer aus⸗ gebotenen Geheimmittel vor ihren Richterſtuhl zog. In vielen Fällen hat ſie denn überraſchende Reſultate zu Tage geför⸗ dert, Reſultate, die in jeder Weiſe das Urtheil rechtfertigen, das wir oben über dieſe ganze Induſtrie fällten. Da aber Beiſpiele bekanntlich am beſten beweiſen, ſo wollen wir im Intereſſe unſerer Leſer einige der am häufigſten ausgebotenen Geheimmittel Revue paſſiren laſſen und nach den beſten Quel⸗ len deren wirkliche Beſtandtheile und Kaufwerth angeben.
Da haben wir zunächſt die berühmte
Revalenta arabica, welche von Amerika aus zum Wohle der leidenden Menſchheit bei uns importirt wurde. Dieſelbe beſteht angeblich aus einem Kraftmehle, das gegen viele Krankheiten helfen ſoll. Gewiſſenhaften Unterſuchungen nach aber beſteht dieſe Maſſe aus drei Theilen Linſen- oder Bohnenmehl und einem Theil Gerſtenmehl; ihr wirklicher Werth beträgt deshalb auch kaum den zehnten Theil des hohen Kauf⸗ preiſes.
Gegen Lungen- und Kehlkopfſchwindſucht, Katarrh u. ſ. w. werden vielfach empfohlen:
Schweizer⸗Kräuterſaft von Goldberger, dem be⸗ kannten Verfertiger der(unwirkſamen) Rheumatismusketten, eine ſimple Miſchung aus Zucker mit Pomeranzen- und Lac⸗
tucabitter, die ſich Jedermann ſelbſt herſtellen kann. Als
Quinteſſenz dieſes Saftes fabricirt der Genannte noch Kryſtalliſirte Kräuter⸗Bonbons(angeblich von Dr. Koch). Dieſelben ſind etwa ſieben mal theuerer als ge⸗ wöhnlicher Malzzucker, ohne mehr als dieſer zu leiſten. Schein⸗ bar ſicherer und ſolider als die genannten Mittel treten auf Der weiße Bruſtſyrup von G. A. W. Maher in Breslau, eine Miſchung, die man ſich nach den Vorſchriften tüchtiger Chemiker ſelbſt bereiten kann, indem man 10 Pfund
Zucker, 3— 4 Pfund Waſſer und 3 Pfund Rettigſaft zu⸗
ſammen kocht und abſchäumt, bis der Zucker vollkommen ge⸗ löſt iſt. Die Originalflaſche dieſes Syrups wird mit 2 Tha⸗ lern verkauft, iſt aber kaum den vierten Theil werth. In dieſelbe Kategorie gehören
Kräuterthee von Le Roi, durch Ohme und Müller in Braunſchweig in den Handel gebraucht, eine Miſchung be⸗ liebig zuſammengeſetzter Pflanzentheile, die gegen 70 Krank⸗ heiten(11) unfehlbar heilen ſoll.
Didier's weiße Senfkörner bingen Laſſelbe Kunſt⸗ ſtück bei 30 Krankheiten fertig, ſind namentlich in Amerika ein beliebtes Hausmittel, was übrigens nicht zu verwundern bleibt, da bekanntlich in dieſem Lande das Geheimmittel Un⸗
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