„Seit etwa vierzehn Tagen, ſo lange haſt du mich nicht beſucht, wohnt hier in dem Hauſe eine Dame, deren Schön⸗ mich alten Mann völlig bezaubert hat, die Baronin
Die Nachricht ließ Pierre ziemlich kalt, er verſprach die unterlaſſenen Beſuche nachzuholen und kehrte ziemlich ſpät in ſeine Wohnung zurück.
Ein Schreiben, ein herzliches von ſeinem greiſen Lehrer und Freund aus der Bretagne fand er auf ſeinem Schreib⸗ tiſch. Er beſchloß ſofort zu antworten und blieb lange wach.
Ein Kniſtern in dem Nebenzimmer, der Tritt eines unbekleideten Fußes ließ ſich hören. Die Lady begab ſich zur Ruhe.
Pierre, ungemein aufgeregt, fand ſie erſt ſpät am Morgen.—
„Ich bitte, einer neuen Flaſche ſich zu bedienen zu wollen.“
„Ihre Mittheilungen beſchäftigen meinen Geiſt“, ant⸗ wortete ich,„ſo lebhaft,„daß es des Geiſtes dieſes Weines nicht bedarf.“
„Eine Artigkeit, die zurückzuweiſen beleidigen würde“, ſprach er, eine friſche Flaſche entpfropfend.
„Da wir bald auch von materiellen Genüſſen im Salon der Lady hören werden, finde ich es nicht ganz unpaſſend, wenn wir uns auch einen kleinen Genuß gönnen und ſo die Scenerie beleben.
Das Portrait der Lady— fuhr er fort— ſtand vortheilhaft ſituirt in dem großen, Ihnen bereits bekannten Salon mit einem Tuche überhangen.
Der Kreis der Geladenen war in den übrigen Zim⸗ mern vollſtändig verſammelt und folgte der Lady in den Saal hinüber.
Das Tuch fiel und das Gemälde erregte einen allge⸗ meinen Ausruf der Bewunderung. Man ermüdete ſich im Loben, Aufträge über Aufträge erfolgten.“
„Nur Maß gehalten, werthe Gäſte!“ rief die Lady. „Herr Laroſſe hat mir die Ehre erzeigt, in meinem Hauſe zu wohnen; kann ich auch nicht über ſeine Zeit und ſeinen Willen gebieten, ſo ſchmeichle ich mir doch mit der Hoffnung, daß er für die Bitte ſeiner Wirthin, ihr einige Stunden ſeiner genußreichen Unterhaltung zu ſchenken, ſein Ohr nicht hartherzig verſchließen wird. Oder, hätte mich meine Hoff⸗ nung getäuſcht? Wie?“
Sie reichte ihm, zu ihm ſich wendend, die Hand, die er und zwar feuriger als damals küßte, war er doch kein Neu⸗ ling mehr in der Welt.
Ein heiteres Mahl vereinigte Alle, auch das Geſpräch war ein ebenſo angeregtes als anregendes. Man ſpielte Piano, trug die neuſten Lieder der beliebteſten Componiſten vor, und die Alle bezaubernde Wirthin ſorgte, daß ein feuri⸗ ger Wein aus den Gläſern ſprühte und glühte.
Spät trennte man ſich. Die Lady wünſchte Pierre, der ſich zuletzt verabſchiedete, die Ruhe der Nacht auf den Lor⸗ beeren des Ruhms.
Sie erſchien ihm heut ſchöner als je, der Kuß auf ihren vollen Arm ließ eine rothe flammende Spur zurück.
Vielfache Ideen, Plane, Wünſche durchkreuzten ſich, als Pierre auf ſeinem Zimmer ſaß. Sehnſucht nach dem Por⸗ trait überkam ihn, oder war es die Sehnſucht nach dem Originale?——
Schon wollte er nach dem Bilde zurückgehen und unge⸗ ſtört vor dem Gemälde niederſitzen, als er das kniſternde Geräuſch von geſtern auch heute in dem Nebenzimmer hörte.
Daß er an den Knopf der geheimen Thür gedrückt, vor der Lady geſtanden, deren leiſen Aufſchrei durch heiße erwie⸗ derte Küſſe erſtickt, ſich früh an ihrer Seite befunden, das kam ihm, als er am andern Morgen wieder in ſeinem Zim⸗ mer ſich befand, vor, wie ein beängſtigender Traum.
Der verſammelte Kreis der ſogenannten Kunſtjünger hatte allerdings den Ruhm Pierre Laroſſe's, doch auch das
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Verhältniß zur Lady, welches bis auf dieſen Morgen ein un⸗ tadeliges geweſen war, dem neugierigen Paris erzählt, ja ſehr bald ſprach man von einer nahen Verbindung Beider. Die Lady ſchien dieſen Plan nicht ungern zu erwägen, Pierre fühlte ſich nicht unglücklich im Beſitz des ſchönen Weibes, doch aber innerlich nicht ſo befriedigt, ſo harmoniſch abge⸗ ſchloſſen, um an neue Schöpfungen zu gehen, oder angefan⸗ gene zu vollenden.
In dieſer Indisponirung konnte er nicht zur Abklärung gelangen. Tauſend Mal nahm er ſich vor, zu ſeinem ehe⸗ maligen Wirthe zurückzukehren, aber die Gedanken ergriffen die Flucht vor der Macht der reizenden Sirene.
Ein Ereigniß ſollte einen Wendepunkt herbeiführen.
Der Notar ſchrieb an Pierre ein preſſantes Briefchen, das nur die wenigen Worte enthielt
„Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, kommen Sie be⸗ ſtimmt.“
Pierre hatte eben, als er das Billet empfing, recht leb⸗ haft an die glücklichen vorwurfsfreien Tage in dem fünften Zimmer der fünften Etage gedacht, begrüßte daher die er⸗ haltene Einladung als die Erfüllung ſeines ſtillen Wunſches und eilte zum Notar.
Die Mittheilung deſſelben, daß die Baronin Marie** in der erſten Etage des Hauſes wohne, hatte Laroſſe längſt wieder vergeſſen, ſein ehemaliger Wirth mußte den Namen wiederholen, ehe ſich Pierre deſſen zu entſinnen vermochte.
„Ich ſtelle dich vor, fuhr der Notar fort, denn zu meiner großen Freude habe ich mit der gebildeten, feinen, lebens⸗ friſchen jungen Dame ein, ich will das Wort brauchen, denn ich wüßte kein bezeichnenderes, recht trautliebes Verhältniß ge⸗ ſchloſſen.
Ehe wir ihr aufwarten, laſſe mich ein kleines Gemälde von ihr entwerfen.
„Sie iſt in einem Penſionate, man könnte es eine Art Kloſter nennen, erzogen worden. Die Lectüre von Romanen, allerdings der beſſeren Art, hat ihrem Charakter, wie ſoll ich ſagen, eine romantiſche Richtung gegeben, ihr klarer Verſtand aber und fröhlicher Sinn vor Gefahren ſie bewahrt, dieſen halte ich am wirkſamſten, denn er läßt das junge Gemüth nicht lange bei dem verweilen, was es einnehmen, gefangen halten könnte.*
„Im Uebrigen ſind die von den Müttern ebenſo gefürch⸗ teten, wie von den Töchtern geliebten Romane weniger ge⸗ fährlich, als die erſteren glauben, der Inhalt derartiger Bücher entfernt ſich gemeinlich, und das iſt ihr Hauptfehler, faſt ebenſo weit von den Sitten der Welt, als das Feen⸗ und Elfenreich von den Geſetzen der Natur, ſie ſind alſo dém geſunden Sinne gefährlicher als den guten Sitten.
„So iſt denn meine Baronin ein wunderbares Natur⸗ kind, geiſtreich, anmuthig, wohlwollend; unerfahren freilich betrachtet ſie die Welt anders als ſie iſt; Allem legt ſie ihren Geiſt, ihr Herz unter, ſie hat keine Ahnung, daß ſie beſſer und liebenswürdiger iſt als die gewöhnlichen Frauen. Wohlwollen hält ſie für Pflicht, Freundſchaft für Herzens⸗ bedürfniß. Mich liebt ſie, wie eine Tochter den Vater, ich hüte die in der Welt Alleinſtehende— ihr einziger Bruder befindet ſich gegenwärtig auf einer großen Bildungsreiſe— wie mein Auge, ſtolz auf ihr Vertrauen, das mich zum Ver⸗ walter ihres bedeutenden Vermögens gemacht hat.
„Nun zu ihrer äußern Erſcheinung.
„Du wirſt mich für parteiiſch, eingenommen für meinen Schützling halten, immerhin, weiß ich doch, daß ſie ſehen und mir glauben eins ſein wird.
„Marie iſt das ſchönſte Weib, das ich in Paris geſehen habe, weil die Schönheit der Güte der Seele den Spiegel vorhält und duͤrch dieſe verklärt in ihm ſich wiedererblickt.
„Oeffnet ſie den Mund, ſo bleibt es unentſchieden, wie viel ihr Geiſt dem Geſicht, wie viel dieſes dem Geiſt ver⸗ dankt, der aus dieſen tiefblauen, himmelfarbenen Augen uillt.“
3 Pierre lächelte und dachte an die dunkelbraunen, feuer⸗ ſprühenden Augen der Lady, an die hinreißenden Blicke unter
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