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ganz verſchwindet, noch mit einem darüber gedeckten Kiſſen oder Umſchlagetuch— man könnte ſagen— halb erſtickt! Zu dieſer keineswegs übertriebenen Schilderung ſei be⸗ bemerkt: 1) Man ſoll allerdings die Neugeborenen nicht gerade dem grellen Sonnen⸗ oder Lampenlicht ausſetzen— man ſoll aber auch nicht das ſehend geborene Weſen mit einer ägyp⸗ tiſchen Finſterniß umgeben, nicht nur, weil dies jedem geſun⸗ den Gefühle widerſtrebt, ſondern auch weil die Augen da⸗ durch gegen die ſpäter doch nicht zu vermeidenden Lichtein⸗ flüſſe empfindlich gemacht und dann nachträglich ſchlimm werden können. 2) Bis zur Stunde der Geburt hat das Athmungsorgan geſchlummert und iſt der Blutumlauf ein unſelbſtändiger geweſen; die erſte Lebensfrage geht daher auf
eine möglichſt raſche und möglichſt vollkommene Einleitung
der Lungenthätigkeit und auf einen ſchnellen Verſchluß der⸗ jenigen Blutbahnen, welche man die fötalen nennt. Die weſentlichſte Bedingung hierzu iſt die möglichſt unbehinderte Einathmung einer ganz reinen, namentlich einer recht ſauer⸗ ſtoffhaltigen Luft. Wer aber einmal eine der oben beſchrie⸗ benen Wochenſtuben betreten hat, iſt wol unwillkürlich zurück⸗ gewichen vor der wahrhaft drückenden Stickluft(man könnte auch die erſte Silbe um einen vermehren), welche ihn beim Eintritte empfing, und wenn er weiter das in Federkiſſen und hinter Tüchern vergrabene Wurm betrachtet hat, ſo mag er berechnen, wie viele Atome von dem Minimum Sauer⸗ ſtoff, welcher überhaupt noch in dieſem Dunſtkreiſe vorhan⸗ den, unverfälſcht dem kleinen Weſen zugute kommen!
Auf dieſe unnatürliche Weiſe behindert man aber die Kinder von vornherein in der Entfaltung ihres Blutlebens,
„welches weſentlich durch die Freiheit der Athmung bedingt
wird, und legt ſo den Grund zu Huſtenkrankheiten, zu Säfte⸗ und Blutmangel. Faſt könnte man angeſichts deſſen die Kinder jenes Nomadenvolks, der Zigeuner, beneiden, welche, wie wir jüngſt zu ſehen Gelegenheit hatten, unter offenen Zelten in Lumpen gehüllt heranreifen und ſich durch Körper⸗ fülle und geſunde Farbe vor den Sprößlingen der Städter auszeichnen.
II. Mit dem ſveben beſprochenen Punkte im engſten Zuſammenhange ſteht die Frage von dem Schreien der Kinder. Es iſt jedenfalls einer der glücklichſten Augenblicke im Aelternleben, wenn das ſoeben zu Tage getretene Ge⸗ ſchöpfchen ſofort kräftig„die Wände beſchreit“, und es gehört ferner zu den edelſten Gefühlen des Mutterherzens, das vor Hunger ſchreiende Weſen„ſtillen“ zu können. Es muß aber auch hierin eine richtige Mitte eingehalten und der Grund⸗ ſatz vom erſten Tage an befolgt werden, daß nur alle 2 bis 3 Stunden Nahrung, ſonſt allenfalls nur ein Löffel voll Zuckerwaſſer gereicht werde. Es gibt aber viele Mütter und Wärterinnen, welche bei dem erſten Schrei, den der aus dem Schlafe erwachende Säugling thut, ſofort herbeiſtürzen, um durch Wiegen(welches überhaupt ſeine Bedenken hat), durch Aufnehmen und Warten den kleinen Schreihals ſogleich wie⸗ der zum Schweigen bringen befliſſen ſind. Abgeſehen davon, daß man dadurch die Kinder unnützer Weiſe verwöhnt und ſich ſelbſt eine unnöthige Laſt aufbürdet, iſt zu bemerken, daß
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das Schreien ſehr geſund iſt. Es iſt nämlich die einzige ſelbſtändige Körperbewegung, welcher die Kinder in den erſten Wochen fähig ſind und man wird dieſe auffallend klingende Behauptung erklärlich finden, wenn man bedenkt, daß durch das Schreien die Athmung geſteigert und dadurch wieder der Blutlauf ein ſchnellerer wird(ſ. oben), daß außer⸗ dem auch die Thätigkeit des Zwerchfellmuskels und mit die⸗ ſer der Verdauungsproceß gefördert wird. In ähnlicher Weiſe gibt es Erwachſene, welche ſich lediglich durch anhaltendes Sprechen oder durch lautes Leſen die Bewegung erſetzen, die andere durch Spazierengehen bewirken. Das Schreien hat alſo bei den Kindern an erſter Stelle ſeine inſtinctive Be⸗ rechtigung und ſo laſſe man ſie ſich getroſt dann und wann einmal ausſchreien; ſie ſchlafen davon nachher um ſo beſſer.
Etwas anderes freilich iſt es mit dem krankhaften Ge⸗ ſchreie, welches ſich von dem geſunden ſchon durch gleichzei⸗ tiges Verzerren des Geſichtes, Krümmen des Leibes u. dgl. unterſcheidet. Von dieſen ſeien hier nur zwei Fälle beſpro⸗ chen, welche, wenn richtig erkannt, ärztliche Hülfe nicht er⸗ fordern; nämlich 1) ſchreien die Kinder wegen Unterleibs⸗ ſchmerzen, und in dieſem Falle genügt es, das übliche Oel von„Dill und Kamillen“ erwürmt„um den Bauchnabel“ einzureiben, wobei freilich das Reiben das Meiſte thut, oder, was noch beſſer iſt, ein lauwarmes Lavement zu ſetzen. Kin⸗ der, welche„gepäppelt“ werden, leiden vorwiegend an dieſer Beſchwerde, weil die Kuhmich hartleibig macht, und hier em— pfiehlt es ſich, dem Flaſchengetränk jedesmal eine Quantität des gelind eröffnenden Milchzuckers beizufügen. 2) Schreien die Kinder, weil ſie wund ſind und davon Schmerzen em⸗ pfinden. Dieſe Urſache erkennt man daran, daß das Schreien ſofort eingeſtellt wird, wenn man das Kind aus den Win⸗ deln genommen hat. Es iſt ferner zu bemerken, daß das ſo beliebte Streupulver(Lycopodium) bei ſolchem Wund⸗ ſein eher ſchädlich als nützlich iſt; ſtatt deſſen halte man eine Zeit lang einen naßkalten Schwamm an und verbinde hierauf mit Bleiweiß— oder Zinkſalbe.
III. Drittens hegen viele Aeltern die Anſicht, daß man Kindern, namentlich kranken Kindern kein friſches oder über⸗ haupt kein Waſſer geben dürfe. Man reicht ihnen daher erforderlichenfalls warmen Thee oder, wenn man ſich wirk⸗ lich einmal zu Waſſer entſchließt, ſo„löſcht“ man dieſes erſt, d. h. durch Erwärmung oder durch Eintauchung einer glühen⸗ den Meſſerklinge nimmt man dem Waſſer gerade diejenigs Eigenſchaft, durch welche es eben den Durſt zu ſtillen be— rufen iſt. Es iſt dies in der That eine ebenſo curioſe als be⸗ denkliche Maxime; wie manches maſern- oder ſcharlachkranke Kind hat auf dieſem Wege durch den guten Willen„ſeiner Aeltern wahre Tantalusqualen erduldet, wenn es nicht gar darüber geradezu verſchmachten mußte!— Wie oft aber haben wir ſelbſt fieberkranke Kindern, welche ſich gar nicht beruhig⸗ ten und trotz vieler Medicin immer kränker wurden, einfach dadurch„curirt“, daß wir ihnen einen Schluck Selterwaſſer (ſelbſt durch Flaſche und Sauger) oder einige Löffel friſchen Quellwaſſers reichten!— Das Allgemeine dieſer Frage iſt bereits früher abgehandelt worden.
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Feuilleton.
Pferde, vor dem Feuer fliehend.
Das Bild, das wir heute auf Seite 61 unſern Leſern bieten, iſt die Copie einer Compoſition Schreier's, welche in der Ausſtellung fremder Gemälde in Paris allgemeine Vewunderung gefunden hat. Der Gegenſtand bietet den weiteſten Spielraum für die Entfaltung der Kenntniſſe in der Darſtellung von Pferden in ihrer Wildheit und Aufregung. Der Maler hat dies prächtig henutzt. Gehorchend ihrem inſtinctiven Gefühl der Gefahr, ſetzen die ſcheuen Thiere ihre tolle Flucht fort, obgleich ſie der unmittelbaren Gefahr bereits entgangen ſind. Hoffentlich wird der geniale Maler noch recht viele und ſchöne Illuſtrationen des dem Menſchen unentbehrlichen Thieres liefern. L.
Aus aller Welt. III.
Sonderbares Zuſammentreffen! Geſtern ward„ Ehre, eine ganz eigene ungewöhnliche Vekanntſchaft zu machen, nämlich die des Herrn Geffrard, des ehemaligen Präſidenten der ſchwarzen Republik Hahti, der ſeit einiger Zeit als Privatmann in Paris lebt.
Als ich am Abend ins Kaffeehaus ging, um meine gewöhnliche Portion Politik zu mir zu nehmen, ſtand auf der erſten Seite meiner Zeitung: Soulouque iſt todt, der ehemalige Präſident von Hahti, der ſich als Fauſtin I. zum Kaiſer der Schwarzen krönen ließ, iſt ge⸗ ſtorben.
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