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Es war eine Weltheirath, eine Ehe nach der Mode.
Der Gemahl, nur von den Reizen des ſchönen Weibes angezogen, geblendet, vernachläſſigte ſie, als Gewohnheit an die Stelle der Sucht zu genießen getreten war.
Anfangs ſchmerzte ſie dieſe Vernachläſſigung, ſie ſuchte in der Bibliothek, die der Lord ebenfalls eine theure Mode⸗ ſache zu nennen pflegte und als ſolche betrachtete, Erholung und Troſt in ihrer Einſamkeit, bald aber ertrug ſie, die ge⸗ wohnt war, zu herrſchen, Scharen von Anbetern um ſich zu ſehen, dieſen Zuſtand nicht mehr. Sie verſammelte einen Salon um ſich. Je nach Laune, Zufall oder den Perſönlich⸗ keiten, begünſtigte ſie Dieſen, bevorzugte Jenen.
Sie lernte die Flatterhaftigkeit der Männer in ihren Armen verachten; ſie, die den Verluſt ihrer Tugend zu be⸗ klagen hatte, begann die Tugend der Frauen zu haſſen, zu verſpotten, ihren Fall herbeizuführen, um darüber zu trium⸗ phiren.
Der Lord ſtarb kinderlos. Auch der Umſtand, daß ſie keine Leibeserben erhielt, verbitterte ihre Seele.
Nach dem Ableben ihres Gemahls, im Beſitz eines uner⸗ meßlichen Vermögens machte ſie ein glänzendes Haus, die Nachrede der Welt bekümmerte ſie nicht, in rauſchenden Feſten, gewagten Abenteuern war jede beſſere Regung des Lebens untergegangen.
Da zeigte ihr der Zufall auf der Galerie das Gemälde, ſein Eindruck erſchütterte die blaſirte Weltdame, die Erin⸗ nerung an die Kindheit erſtürmte mächtig ihr Herz, ſie fühlte Rührung; ſie ſah den jungen ſchönen Mann, ſie empfand zum erſten Male wol die Liebe, ſie wußte den Namen Jenes zu erfahren und daß er der Künſtler, der Schöpfer des Bil⸗ des ſei; ihr Entſchluß ſtand feſt.
Am andern Tage, vierzehnten nach dem Ausſtellungs⸗
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tage des Bildes ließ ein Kunſthändler nach dem Preiſe fra⸗ gen, und des Nachmittags ſtand Laroſſe daheim vor der erſten goldenen Ernte ſeines Talents.
Kaum konnte er eine größere Freude haben, als ſein Wirth, der Notar.
„Wird ſchon noch beſſer kommen“, rief er,„mein junger Freund! Sie müſſen nun ſofort ſich an ein zweites Werk machen. Malen Sie nun ein Portrait und zwar das einer bekannten Perſönlichkeit, berühmt oder ſelbſt zweifelhaften Werthes, gleichviel, nur Eklat! das will die Welt. Glauben Sie mir, die Kunſt, die in dem beſcheidenen Gewande philo⸗ ſophiſcher Zurückgezogenheit einherwandelt, im eigenen Werthe glücklich, ſucht Niemand in ihrer verſteckten Wohnung auf, fährt ſie aber einher im Paradewagen, von Haiducken und Läufern begleitet, zieht Alles vor ihr den Hut, man ſammelt Reichthum, ein Beſitz, an den man ſich nicht gewöhnt, der immer den Reiz der Neuheit hat, während leider in andern Hinſichten nun die Idee nach dem Beſitz aufregt und an⸗ ſpannt, der Beſitz ſelbſt aber das Erlangte abnützt, aufhebt. Indeſſen, liebſter Freund, iſt das nur meine Philoſophie, die mir das Leben in ſeinen Fieberparoxismen ausgeplaudert hat. Möchteſt du, ein Maler, deſſen Beruf es iſt, die wahre Vollendung der Kunſt durch die höchſten Mittel, Farbe und Form zu erreichen, meine Erfahrungen nicht machen.“
Das Thema wurde noch beſprochen, als die Tochter des Portier ein Billet an Pierre überbrachte, das vor weni⸗ gen Minuten in der Loge ihres Vaters abgegeben worden ſei.
Ein duftig Roſencouvert, eine zierliche Handſchrift, ein feiner Goldlack mit dem Abdruck eines kunſtreich geſchnittenen Wappens.
Pierre öffnete und las.
(Fortſetzung folgt.)
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Die Vorurtheile der curirenden Menſchheit
vom Standpunkte des geſunden Menſchenverſtandes.
Von Dr. P. Niemeher in Magdeburg.*
Ciniges aus dem Gebiete der Kinderpflege.
Der geneigte Leſer, wenn er unſern vorhergegangenen beiden Artikeln aufmerkſam zu folgen ſo freundlich war, wird daraus im Allgemeinen das Reſultat gewonnen haben, daß wir gegen die übertriebene Erkältungsfurcht eifern, und es iſt in der That die höchſte Zeit, daß dem Ueberhandnehmen dieſer Uebertreibungen Schranken geſetzt werden. Schon jetzt gibt es geſunde Leute, deren zweites Wort„Erkältung“ iſt, und gibt es viele Patienten, welche keine andere Krankheitsurſache kennen, welche, auch wenn ſie gar nicht aus dem Bette ge⸗ kommen ſind, auch nicht die Empfindung einer Erkältung ge⸗ habt haben, jede Veränderung in dem Krankheitsverlaufe mit den Worten deuten:„Ich muß mich wieder einmal erkältet haben“; leider ſind auch die Aerzte nicht alle von dem Vor⸗ wurfe freizuſprechen, daß ſie gar häufig ohne alle Begrün⸗ dung den Kranken mit der Redensart abſpeiſen:„Es ſei nichts als eine Erkältung!“ Wenn dies aber ſo fort geht, ſo wird man nächſtens auch Beinbrüche und Verbrennungen auf Er⸗ kältungen zurückführen und wird das Beiſpiel jener Dame, welche ſich an einer offen ſtehenden Kommoden⸗Schublade er⸗ kältet haben wollte, bald nicht mehr vereinzelt daſtehen.
Es möchte das Alles hingehen, wenn dieſe und ähnliche Irrthümer, wie wir ſie in der Folge beleuchten wollen, nur den einen Nachtheil hätten, daß man den Leuten den Vor⸗ wurf der Gedankenloſigkeit machen muß; es verlohnte ſich dann auch kaum der Mühe einer ſo ausführlichen Unter⸗ ſuchung, und Schreiber dieſes würde um einen ſo geringen Preis ſich nicht der Gefahr ausſetzen, von einem großen Theile der Leſer als ein Doctor von den bedenklichſten Grundſätzen verſchrien zu werden, denn er verhehlt es ſich keinen Augen⸗ blick, daß die Bekämpfung eingewurzelter Vorurtheile da
undankbarſte Geſchäft von der Welt iſt. Es ergeht aber dieſe Belehrung— um uns einer viel gebrauchten und ge⸗ misbrauchten Redewendung zu bedienen— lediglich im In— tereſſe der leidenden Menſchheit, welche darauf auf⸗ merkſam gemacht werden muß, daß ſie durch kritikloſe Befol⸗ gung der herkömmlichen Geſundheitsregeln ſich und den Ihrigen großen Schaden zufügen kann. Ganz beſonders gilt dies, wie ſchon angedeutet wurde, von der Art, wie die Kinder gehalten zu werden pflegen, und dieſe wollen wir nunmehr näher ins Auge faſſen.
I. Verſetzen wir uns im Geiſte in das Innere einer guten deutſchen Kinderſtube, ſo müſſen wir zunächſt die geläufige Umſchreibung des„Geborenwerdens“ mit den Wor⸗ ten„das Licht der Welt erblicken“ als nicht zu Recht be⸗
ſtehend bezeichnen. Denn der neue Weltbürger, auch wenn er age zur Welt gekommen iſt, erblickt das Licht der⸗ ſelbel Khatſächlich erſt nach vielen, vielen Wochen. Zunächſt
hält nämlich die ſorgliche Kindermuhme, welche in der fran⸗ zöſiſchen Sprache ſehr mit Unrecht die weiſe Frau heißt,
die Fenſter doppelt und dreifach verhängt, nicht etwa weil—
ſie ſich und ihre Pflegebefohlenen nicht für werth⸗häl, Baß ſie die Sonne beſcheine, ſondern weil angeblich das Licht den, Augen ſchadet und weil nach ihrer Anſicht Schiller's Wort
ſrene ſich
Was da lebet n nur für Erwachſene geſchriehen ſind. Damit noch nicht genug,
ſo werden auch alle Fugen und Ritzen in den Fenſtern, Wänden und Thürer hermetiſch verſchloſſen und wird ferner das Neugeborene, welches ohnehin ſchon hinter den empor⸗ Fehenden Seitheilen des Wickelkiſſens mit dem Köpfchen
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