worden, bis der Vater unſers Grafen das Schloß erbte, war ein bärtiger, wilder Geſelle; er ſchrieb ſich Johann Achleitner; aber die Leute hier nannten ihn nur den Henkerhanns oder auch den Blutjäger, zwei Namen, auf die er ſtolz war. Es iſt ſchon recht, ſtreng ſein, namentlich zu damaliger Zeit, wo das Volk immer widerhaariger geworden iſt und gemeint hat, es hätte ohnehin genug zu zahlen und brauchte nicht auch noch das Wild zu füttern, obwol es im Grund ſo unrecht nicht hatte; aber wie es der Achleitner getrieben, war doch ein Bischen gar zu ſtark. Die Hundspeitſche hatte er weniger für ſeine Hunde, als für die Leute, die ohne ſeine Erlaubniß hinausgingen und dürres Holz im Forſte ſammelten; aber das Schlimmſte war, daß er einmal, wie er den Aufbruch von inem Nehbock fand, öffentlich im Wirthshaus ſagte« Elf Sm abe ich ihr Licht ſchon ausgeblaſen; jetzt fehlt noch einer⸗za„ Dutzend, dann ſoll mich meinetwegen der Teufel holen!? Er war damals gerade ſo halb und halb mit der Tochter vom„Müller an der Bruckv verlobt, d. h. er und der Müller waren einig, aber die Tochter ſah lieber den Haindlbauernſohn von Hechenkirchen; er ſollte bald das Anweſen übernehmen, da ſein Bruder, wie man glaubte, im ruſſiſchen Feldzuge geblieben war. Daß Achleitner und der Haindlbauer nicht gut auf einander zu ſprechen waren, iſt natürlich, denn der Bauer war mit ſeinem Sohne einver⸗ ſtanden und nebenbei ein guter Schütze, obwol man ihm keinen falſchen Gebrauch von der Waffe nachſagen oder gar beweiſen konnte. Weil die Felder vom Heindl an die Henkerleithen ſtoßen und damals das Hochwild immer hereinwechſelte, ſo ſtrich der Bauer die Bäume an der Waldgrenze mit Hirſch⸗ hornöl an und hielt ſich ſo das Wildpret von Halſe. Der Achleitner konnte toben und ſchimpfen, was er wollte, Haindl erneuerte ſtets wieder den Anſtrich. Nach dem gräßlichen Fluch im Wirthshauſe kündigte endlich der Müller dem Förſter die Freundſchaft und der Haindlſohn bekam wirklich die Tochter. Um aber das Maß des Zorns beim Blutjäger voll zu machen, mußte er gerade damals einen Hirſch in der Henkerleithen finden, den nicht er angeſchoſſen hatte. Ich will es kurz machen, drei Tage ſpäter, als der alte Haindl angeblich auf den Markt nach Holzkirchen gegangen war, kam er nicht mehr nach Haus, endlich fanden ihn die Bauern erſchoſſen unter der Eiche liegen; man ſoll ihn kaum mehr erkannt haben, ſo hatten die Ameiſen ſchon gewirthſchaftet. Sein Sohn ließ die Tafel malen, ſetzte das Kreuz, wo es jetzt noch ſteht und weil der Haindl ein guter Schütz war, nannte man's das Schützen⸗ und ſpäter auch wala„Wildſchützengrab. Daß der Achleitner ihn erſchoſſen, dekän zweifelte kein Menſch, der aber lachte und meinte:„Ihr ſeid dumme Bauern, hätte ich's ge⸗ than, ſo würde das Dutzend ja voll und ich beim Teufel ſein. Es war noch kein ganzes Jahr verfloſſen, ſo kommt der todtgeglaubte Bruder vom Haindl nach Hauſe; er war in die ruſſiſche Gefangenſchaft gerathen und jetzt endlich freige⸗ laſſen worden. Als er von des Vaters Tode vernahm und wer muthmaßlich der Thäter ſei, ſoll er zu ſeinem Bruder geſagt haben:(Was thu ich hier? Im Austrag bʒi dir leben, mag ich nicht; das Anweſen dir nehmen, aber nöch weniger, alſo gehe ich wieder weiter; aber zuvor will ich doch Jemanden zeigen, daß ich in Sibirien den Teufel kennen gelernt habe.»
In der Nacht vom Jahrestag“) des alten Haindl war er verſchwunden uhhiſt ſeitdem auch nicht mehr geſehen wor⸗ den; den Achleitner aber fand man am andern Morgen beim Schützengrab. Sein Schädel war zerſchmettert und er ſelbſt bei den Füßen über einen Ameiſenhaufen aufgehängt. Nach den Wunden, die ſein Leichnam hatte, mußte ein langer Kampf vorausgegangen ſein, und es iſt mehr als wahrſchein⸗ lich, daß der ältere Haindk, nachdem er ihn überwunden hatte, ihn zuerſt ſo an den Baum geknüpft hat und nur zuletzt aus Erbarmen mit dem Wildſchützen ihm die Gnadenkugel gab. Seit der Zeit aber, von Sonnewend bis Michaeli, iſt es dort nicht mehr rathſam zu gehen. Bald wird einer niederge⸗
*) Jahrestag heißt in der katholiſchen Kirche der Tag, wo zum eines Verſtorbenen alljährlich eine geſtiftete Meſſe geleſen wird.
ſchlagen und erwacht erſt am andern Morgen von den Ameiſen übel zugerichtet; manchmal ſieht man zwei ſchneeweiße Männer mit einander raufen oder— und das hab ich mit eignen Augen geſehen— es gehen drei und mehr Lichter auf und ab, und du hörſt hie und da ein Wort und weißt nicht, wo⸗ her es kommt und in den Aeſten rauſcht es, als hauſe die wilde Jagd dort oben.“
So weit mein Förſter, deſſen Erzählung ich von den alten Einwohnern ebenſo hörte und welche in der Hauptſache auch von den Acten des ehemaligen Patrimonialgerichts beſtätigt wird. Ehe ich aber zu der Aufhellung ihres geſpenſtigen Theiles komme, zu welcher ich direct verholfen, mag es wohl nicht ganz überflüſſig ſein, etwas über das jetzige Wildſchützen⸗ leben in den Bergen zu ſagen. Wie bekannt gehört die Jagd jedem Grundbeſitzer, der einen Gutscomplex von mindeſtens 250 Tagewerken hat; kleinere Fluren aber zur Gemeindejagd, welche immer für eine beſtimmte Anzahl von Jahren ver⸗ pachtet wird. In den Bergen mit ihren ausgedehnten Staats⸗ forſten theilt ſich, bis auf eine winzige Zahl fremder Pächter, die Jagd in Staatseigenthum und königliche; namentlich unter Max II. wurde die letztere durch Pachtverträge ſehr ausge⸗ dehnt; Jagdwege, Futterhäuſer, Sulzen und dergleichen an⸗ gelegt; eine große Anzahl Jäger und Forſtleute mit ihrem Schutze betraut und dadurch mit großen Opfern wieder ein Hirſch⸗ und namentlich einen Gemswildſtand wieder gewonnen, wie ihn weder die Schweiz noch Tirol kennt. Dazu kommt, daß hier oben von einem Wildſchaden nicht im Ernſte ge⸗ ſprochen werden kann und trotzdem gibt es noch immer Leute, welche meinen, das Wild ſei freies Eigenthum und die Jagd in ihrer jetzigen Geſtaltung⸗gin Eingriff in die Freiheiten des Volkes, man könnte es eben ſo gut von den gefüllten Privat⸗ kaſſen ſagen. Kein Vergehen findet ſelbſt bei ſonſt ſtreng⸗ rechtlichen Menſchen ſo viel Nachſicht als der Wilddiebſtahl, der aber nichts weiter iſt, als eben ein Diebſtahl. Wer, wie ich, weiß, was für Mühe die Wildhegung koſtet, wird in der unberufenen Vertilgungsluſt Anderer gewiß nicht das Romantiſche erblicken, welches namentlich unſere Damen im Wildſchützenleben in den Bergen erblicken. Früher, ja, da war es Nothwehr des Bauern gegen den Uebermuth des Adels und ihrer Diener; jetzt iſt es nichts als die allge⸗ meinſte Gewinnſucht. Man entgegne nicht, Jagd iſt eine Leidenſchaft, der Wildſchütze treibt ſie mehr zu ſeinem von den dabei drohenden Gefahren geſteigerten Vergnügen. Wird
Jemand einen Menſchen bedauern, der die Leidenſchaft hat,
Champagner zu trinken, aber aus Geldmangel zum Bierglaſe greifen muß? oder wird ihn gar rechtfertigen, wenn er ſelbſt mit Lebensgefahr einen Einbruch begeht, um ſich für den Raub eine Flaſche Cliquot zu kaufen? Doch wahrlich nicht. Nun kommt noch dazu, daß, wie ehedem die Jäger gerne den Bauern mit dem Wilde verwechſelten, jetzt die Herren Wild⸗ diebe ſtets bereit ſind, den Jäger nieder zu ſchießen. Einen dreifachen Beleg haben wir leider in der neueſten Zeit dafür gehabt. Ein begüterter Wirthsſohn in Garmiſch ſtand unbe⸗ rechtigterweiſe auf dem Anſtande, als der königliche Jagdge⸗ hülfe mit dem Rentbeamten das Revier beging. Der Erſtere drang durch das Dickicht, um ſeinem Gaſte einen Rehbock zuzu⸗ treiben, da fiel ein Schuß und der Rentbeamte fand den Gehülfen in ſeinem Blute, und hatte eben nur noch Zeit, den Mörder zu nennen. Aehnlich erging es einem bäuerlichen Jagdpächter bei Aibling, der auf dem Anſtande, einem andern bei Mies⸗ bach, der gar in ſeinem Zimmer, während er ſich raſirte, der Kugel eines ſolchen Buſchklepperers erlag. eine Spur Romantik, wenn man denn durchaus dieſes Unding von Gefühlsſeligkeit ſo hoch ſchätzen will? Muth wird frei⸗ lich manchmal dabei gezeigt, allein„Muth zeiget auch der Mameluk, Gehorſam iſt des Chriſten Schmuck“ ſagt Schiller bei Gelegenheit eines Walddiebſtahls im Orient. Man glaube nicht, daß ich ein verknöcherter Moraliſt bin, der dem Bauer ſagt, für ihn paſſe kein Gewehr, ſondern nur der Pflug. Wer Geld hat, kann ſich ja eine Jagd pachten und wenn es mangelt, der gehe auf die Schießſtätte. Noch bemerke ich, daß die mir von Lang erzählte Grauſamkeit an dem Blutjäger
Wo iſt da nur
feine Ue Johrgan ſolhe ſih ekl


