Jahrgang 
1868
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Nebel zogen heute im langen naſſen Gewande über die

Haide, die der Pfarrer thränenden Auges durchſchritt, die Blumen im Garten vor Löcks Hauſe hingen trauernd herab, keine Biene flog am Fenſter hin und wieder, drinnen in der Stube ſaß Pierre älternlos.

Der Pfarrer mußte ſich Gewalt anthun, als ihn das Kind fragte, wo nur der Vater bleibe?

Mein lieber Sohn, er iſt der Mutter nachgereiſt, ſie iſt zu lange ausgeblieben, ſei aber getroſt, wir werden ſie 3 eide wisderſehen, bis dahin wohnſt du bei mir, mein Pierre, nichtzwahr?

Ach ja, Pathe, es iſt mir ſonſt hier ſo einſam.

Da gehen nun die Beiden nebeneinander von dem Hauſe der Trauer weg, der ſorgenvolle Pfarrer und ſein ahnungs⸗ loſer Pathe.

Wer ihnen begegnet, grüßt tief bewegt und ſieht ſich oft um, nicht ohne ein paar Worte des Segens und frommer Wünſche auf der Lippe.

Unter der Thür der Pfarrei ſteht bereits über eine Stunde die alte Morgan, die dem Pfarrer ſchon ſeit langen, langen Jahren das Peſcheidene Hausweſen beſchickt.

Das iſt ein treues, redliches Herz mit vielen Narben, die ein widerwärtiges Schickſal dort zurückgelaſſen hat.

Sauer war ihr Gang durch das Leben bis hierher in das ſtille Aſyl; nichts deſto weniger denkt ſie der wenigen Freuden gern, wenn ſie nach dem Kirchgange in ihrem ein⸗ ſamen Stübchen ſitzt und hinaus ſieht in die große erhabene Natur.

Sie liebt den Pfarrer wie eine Mutter den Sohn und er vergilt dieſe Liebe mit innigſter Verehrung.

Es iſt ihr ſtets bänglich um das Herz, wenn er fort⸗ geht, ſie trippelt oft nach der alten Wanduhr mit den ſchwe ren Gewichten und dem bedächtigen Pendel, um zu ſehen, ob ihr lieber Pfarrer nicht über die Zeit weggeblieben iſt.

Gott ſei Dank, da ſeid Ihr ja wieder!

Mit dieſen wenigen aber treuherzigen Worten hat ſie ihn nun ſchon ſeit vielen Jahren begrüßt, er aber auch ebenſo oft mit den Worten:Ja wohl, meine liebe Mutter Morgan! gedankt.

Heute, da ſie weiß, weshalb der Pfarrer gegangen, er wartet ſie noch ſehnlicher ſein Kommen, heute, da ſie aus ſeinen beſorgten Trauermienen ſchon von weitem die Kunde von Löcks Tode lieſt und den Knaben an jenes Hand er⸗ blickt, heute vergißt ſie den gewöhnlichen Gruß zum erſten Male.

Ein Wink des Pfarrers bittet ſie um Mäßigung.

Pierre ſpricht er liebe Mutter Morgan, will unſer Gaſt ſein und zu längerm Beſuche bei uns bleiben, ſein Vater iſt auch verreiſt.

Morgan weiß wohl, daß man ſo dem Kinde den Tod der Mutter vorm Jahre verſchwiegen hatte.

Sie nimmt das Kind auf den Arm und ſpricht leiſe, wie vor ſich hin:Gott ſegne ſeinen Eingang!

Amen! fügt entblößten Hauptes der Pfarrer hinzu, und Pierres Leben beginnt in der Pfarrei ſeines Pathen.

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. Der Erzähler machte hier eine Pauſe und mir entging eine gewiſſe Rührung nicht, die er nieder zu drücken ſichtlich bemüht war.

Dieſe Pfarrei fuhr er nach einigen Secunden fort beſtand ſo zu ſagen aus alter und neuer Zeit.

Der eine Theil ſchien ein Stück verfallenen Schloſſes zu

ſein mit einem kleinen Seitenthurme. Im Erdgeſchoſſe befand

ſich ein ziemlich geräumiges rundes Zimmer und darüber in

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dem Thurme ein engeres, niederes.

An den Ueberreſt alter Zeit die Bretagne hält den Nachlaß aus ſo ehrwürdigen vergangenen Tagen heilig und rührt nicht gern daran ſchmiegte ſich der Neubau des freundlichen Hauſes.

Das bereits erwähnte runde Zimmer hatte wegen ſeiner Alterthümlichkeit es war ſchön und gefällig leicht gewölbt, der Pfarrer zu ſeinem Studirzimmer gewählt.

Außer den vielen Büchern und Karten erregte ein gro⸗ ßer Wandſchrank, der mit der Verzierung ſeines Aufſatzes beinahe das Gewölbe erreichte, die Aufmerkſamkeit des Be⸗ ſuchers.

In dieſem Wandſchranke befand ſich die Haus⸗ und Nothapotheke für den Ort.

Wir finden, ſagte ich,wenn ich mir eine Unterbrechung geſtatten darf, beinahe in allen Dörfern, namentlich Deutſch⸗ lands und der Hochgebirgsländer dieſen Brauch, der einen wohlthuenden Eindruck hervorbringt. Der Mann, welcher berufen iſt, die Seele geſund zu erhalten, ſoll auch in den Fällen der Noth ihrer Hülle Hülfe und Geſundheit bringen.

Doch bitte ich nunmehr fortzufahren.

Die an das Studirzimmer angrenzende, nur durch einen ſchmalen Bogengang mit der zum Thurme aufführenden Wendeltreppe getrennten Stube im Neuanbau, verſammelte die Familie.

ie Wohnung der treuen Morgan lag im Giebel des obern Geſtocks.

Jenes Thurmeloſet und das Zimmer der Matrone wur⸗ den ſpäter die Lieblingsokte Pierres, in jenem wohnte und zeichnete er, denn die wunderbare Ausſicht in die Thalſchlucht des Skorf und auf die Spukgeſtalt des alten unheimlichen Schloſſes erhielten die Phantaſie des täglich ſich mehr ent⸗ faltenden Knaben in einer Spannung, die zum Schaffen drängte. Er folgte dieſem Drange und übte ſo nicht nur Hand und Auge, ſondern bildete nach und nach jenen Ideen⸗ kreis, aus dem ſpäter ſeine Schöpfungen traten.

Vielleicht iſt es mir geſtattet, Ihnen künftig einige Ge⸗ mälde zeigen zu können.

Die vielliebe Morgan beſuchte Pierre, um ſich von der alten Frau die Lieder ſeines Vaterlandes vorſingen zu laſſen.

Geſchah dies gleich mit zitternder Stimme, ſo doch mit unendlichem Ausdruck und mit Verſtändniß.

So ging das Leben hin wie ein Bach, klar und unge⸗ trübt, kein Stein ſtörte den Lauf der Welle: einfache Blumen ſtehen am Ufer und nicken Grüße zu.

Einmal nur fiel in den ſonnigen Frieden ein dunkler ſchwerer Schatten, als Pierre aus dem Munde der guten Morgan unter vielen Thränen den Grund erfuhr, warum er ſeine Aeltern jetzt nicht wiederſehen könne.

Sie hatte dem Knaben erzählt, daß die Theuren oben hinter dem blauen Himmel ſeien, von dort durch die golde⸗ nen Sterne des Abends herniederſähen auf die Erde, auf ihn, und ſich freuten, wenn Pierre ein guter Sohn ſei und die alte Morgan recht lieb habe.

Das hatte denn der Knabe damals verſprochen. Treu hat er ſein Verſprechen auch gehalten bis an den Tag, an dem die alte Pflegerin heimging.

Es war eine ſchwere Stunde, als Pierre, ein ſechzehn⸗ jähriger Jüngling, an ihrem Lager kniete, und ſie zu ihm mit leiſer Stimme ſprach:

Pierre, ich danke dir auf meinem Sterbebette für die Liebe, die du mir erzeigt haſt. Der Herr hat mir in ſeiner Weisheit die Freude einer Mutter nicht gegeben. Ein ver⸗ laſſenes Kind, ein armes Mädchen, eine trauernde einſame Jungfrau, eine hoffnungsloſe Alte bin ich geweſen. Als du in unſer Haus kamſt, empfand ich an deiner Liebe zum erſten Mal, wie glücklich eine Mutter über ihren Sohn ſein muß, war ich es doch durch das fremde Kind.

Du wirſt es nie verſtehn, was das Herz einer Frau empfindet, der Herr des Himmels hat euch, die ihr mit dem Leben in den Kampf treten müßt, ein feſteres Herz gegeben. Wie wolltet ihr ſonſt ausdauern in ſchlimmer Stunde.

Nimm für deine Liebe den Dank meiner ſchwachen Hand.

Weißt du, mein lieber Sohn, als du noch klein warſt und wir hinter dem Hauſe an einem mondhellen Abende ſaßen, wie ich dir erzählte, daß deine guten Aeltern hinter dem blauen Himmel wandelten und durch die Sterne hindurch auf uns ſähen? Ich gehe zu ihnen und will ſie grüßen. Nun ſehen wir alle Drei auf dich herunter; deſſen ſei einge⸗

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