Jahrgang 
1868
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den Parteien, unter dem alten Haudegen Meſſer Uguccione, der das Ghibellinenheer führte, und unter neapolitaniſchen Prinzen, die das glänzende und üppig lebende Ritterheer der Guelfen commandirten. Es galt den Ghibellinen noch immer, Konradin zu rächen und die deutſche Herrſchaft in Italien zu erſtreiten. Und ſo hatten ſie in ihrem Banner Konradin's blutiges Haupt, mit dem ſie im Auguſt 1315 in die Schlacht von Montecatini zogen. Noch ſah man erſt die glänzenden Ritterrüſtungen der Guelfen im Sonnenſchein ſchimmern, da nahm Meſſer Uguccione das wehende Reichsbanner mit dem Adler und gab es in die Hände eines vornehmen Jünglings aus florentiniſchem Gebiet, Gianni Giacotto de' Maleſpini, der es umfaßte, küßte und mit den ahnungsvollen Worten: Wohl, nun komme mir der Tod! unentreißbar an ſeinem Roſſe befeſtigte.

Bald prallten die Reiterſchaaren wild aufeinander und hin und her wogte der blutige Kampf zu Roß wie zu Fuß. Da ſtürzte, um die Entſcheidung herbeizuführen, Meſſer Uguccione mit ſeinem Sohn, mit dem Fahnenträger Male⸗ ſpini und einigen hundert Rittern unter Hörner- und Trom⸗ petenklang in die Reihen der guelfiſchen Feritari und warf ſie wie ein Wetter darnieder. Dann in heißem, unbeſonne⸗ nem Schlachtenmuth weiter auf die Elite der Guelfen, die

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mit ihrer Uebermacht das Häuflein ſchnell umzingelten. Der furchtbare Knäuel, in deſſen Mitte Verzweiflung rang gegen Uebermacht, wälzte ſich auf und ab. Die Schwerter ſauſten

auf die Rüſtungen hernieder, die Roſſe ſtampften, den⸗Boden

röthete das heiße Blut der Erſchlagenen. Niemand wich und wankte; aber das Häuflein ward lichter und bald hörte der raſende Kampf auf, denn erſchlagen lag faſt die ganze An⸗ griffsſchaar der Ghibellinen am Boden auch Uguccione's Sohn, auch der Bannerträger Maleſpini. Aber die kaiſer⸗ liche Fahne ſtand noch aufrecht; der heldenmüthige Florenti⸗ ner hatte mit beiden Armen das theure Symbol umfaßt, um es nicht zu laſſen, und ſo war er erſchlagen worden und ſaß als Leiche im Sattel, noch immer Schaft und Wimpel des Banners umklammert haltend. Es ſank auch nicht; die deut⸗ ſchen Lanzenritter kamen in der höchſten Noth zu Hülfe und mitten im Siege jagten ſie das Guelfenheer in die Flucht, erſchlugen Anjou's Sohn und die edelſten der Feinde.

Und auf die blutige Wahlſtatt kam dann der alte Meſſer Uguccione; er küßte die bleiche, blutbeſpritzte Stirn des todten Maleſpini, dann ſuchte er ſeines Sohnes Leiche und ſprach an derſelben wie ein Römer aus Fabricius Tagen:Möge auch der zweite meiner Söhne ſolchen Tod finden, wenn wir alſo uns an den Feinden rächen können!

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Lady und ßaronin. (Aus den Papieren eines Malers von Moritz Horn.) (Fortſetzung.)

Sobald in dem Knaben der Funken der göttlichen Ab⸗ kunft, die Seele, zu leuchten begonnen, begann auch der Pathe das Bildungswerk.

Welche Freude machte ihm das gelehrige talentvolle Kind!

Schnell erfaßte der junge Geiſt die Lehren des Pathen, der nach allen Seiten hin den verborgenen Schätzen der Seele nachſpürte und einen ungemeinen Reichthum entdeckte.

Zuerſt ſchlug der Pfarrer vor dem Kinde das prächtige Buch der Natur auf und wurde dem Pathen, der ihn überall auf den Wegen des Berufes und denen der Erholung be gleitete, ein unverdroſſener Ausleger und Deuter der Herr⸗ lichkeiten jenes Buches.

Laroſſe-Elo war ein nicht gewöhnlicher Zeichner, von den ſchönſten Gegenden und Orten ſeines romantiſchen Vater⸗ landes hatte er Copien entnommen, die theils im Rahmen die Zimmer ſeiner Wohnung zierten, theils in Mappen ver wahrt und geſchützt hinter dem großen Arbeitspulte lagen.

Dieſe Bilder, dieſe Mappen feſſelten den Knaben un widerſtehlich. Ueberhaupt zeigte ſich je mehr und mehr die eigene Natur des Kindes in der Liebe zur Einſamkeit. An den Spielen ſeiner Altersgenoſſen fand er keine Freude, ja das lärmende Vergnügen ſchien ihm Kopfweh zu ver⸗ urſachen.

Am liebſten ſaß er in dem Waldthale des Skorf oder den Mappen ſeines Pathen.

Was meinſt du, Pierre, ſagte der Pfarrer einſt,wenn du nun verſuchteſt, nachdem wir lange Zeit ſchon uns mit der Vorſchule im Zeichnen verſucht haben, ein ſolches Bild⸗ chen nachzumachen, etwa hier das kleine Blatt, auf das ich deines guten Vaters Haus gezeichnet habe mit den luſtigen Bienenſtöcken.

Die leuchtenden Augen des Knaben, die Haſt, mit der er nach Bleiſtift und Papier griff, der Eifer, der die kleine Hand regierte, noch mehr aber die Arbeit ſelbſt trotz aller ihrer Mängel und Unbeholfenheiten waren dem Pathen er⸗ freuliche Zeichen der innern Neigung eines Berufes, welche aus dem Schlummer vorſichtig zu wecken der Pfarrer für unabweisbare Pflicht erachtete.

Pierre machte nach dieſem erſten Verſuch in kurzer Zeit ſo bedeutende Fortſchritte, daß der Pathe die feſte Ueber⸗ zeugung gewann, ein großes Talent müſſe hier einſt zu einer

ſeltenen Blüte gelangen, wenn das zarte Alter der Kindheit hinter ſeinem Pflegling liegen und die Schule des ernſten Lebens für ihn beginnen werde.

Sie ſollte für das weiche, faſt mädchenhafte Gemüth des Knaben nur zu bald ihren Anfang nehmen.

Durch den Garten ſeiner Kindheit ging nach dem Hauſe der Aeltern der Tod, ein ernſter Mann mit dem Harniſch gerüſtet, den ſchweren Flügeln an den Schultern, die Trauer⸗ trone mit dem Cypreſſenkranz auf dem Haupte, das Schwert in der Hand.

Pierre ſtand im achten Lenze ſeiner Jahre, als der tief⸗ betrübte Pfarrer die Bienenſtöcke vor dem Hauſe des gelieb⸗

ten Freundes Löck mit dem ſchwarzen Tuche überhängen mußte,

weil auch er ſeinem vor Jahresfriſt zur Heimat vorausge⸗ gangenen Weibe nachgefolgt war.

Damals bei dem ſo frühen Dahinſcheiden der Mutter hatte der Vater, in gerechter Sorge, das weiche Gemüth ſei⸗ nes Sohnes werde dem Schmerz über den Hintritt der über alles gekiebten Mutter erliegen, den Knaben in das Haus des Pathen gegeben und ihm auf jede Frage nach der Mutter geantwortet, ſie habe eine Reiſe unternehmen müſſen, werde aber bald wieder kommen.

Da Pierre mit den Kindern des Dorfes keinen Um⸗ gang hatte, ſtets in Begleitung des Pfarrers oder deſſen guten Freunden ſich befand, ſo war es möglich, ihn in dieſem Glauben zu erhalten.

Löck, der Vater, verunglückte auf einem Geſchäftsgang, er glitt in einem Anfall von Schwindel an einem Felſen⸗ pfade aus.

Die erſchütternde Nachricht erhielt der Pfarrer zuerſt, man rief ihn, den auch in der Heilkunſt erfahrenen Mann zu Hülfe.

Laßt mich den Knaben erſt aus dem Hauſe entfernen, hatte er draußen zu den betrübten Leuten geſagt, ich mag nicht, daß das Bild des Todes und Jammers das junge Herz beſtürmen.*

Welch ein Morgen! Wie verſchieden von jenem glück⸗ lichen, da der Garten im überſeligen Frühlingsglück prangte, die fröhlichen Bienen aus ihren Stöcken nach den Fenſtern ſchwärmten, der Pfarrer für ein roſiges Kind in der Wiege betete.

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