Jahrgang 
1868
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minder paradieſiſch als jener Aufenthaltsort, in dem der Dich⸗ ter die wunderbar liebliche Geſtalt der Tochter König Rene's

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einem wallachiſchen Bauernhauſe, welches an der linken Seite der Straße, einige Fuß unter dem Niveau derſelben am Ab⸗ hange ſtand, der ſich hier zu einem kleinen grünen Plateau abflachte. Es war das Bergwirthshaus Trutewaſilly, das erſte Gebäude, welches ich ſeit unſerm Nachtquatier im Pra hawathale geſehen hatte.

Ein halbes Dutzend wallachiſche Bauern, der Wirth, ſeine Frau und einige Mädchen in wallachiſcher Tracht, die Bewohner und Gäſte des Hauſes, ſtanden auf der Straße. Wir ſprangen aus dem Wagen. Fragen und Antworten in rumäniſcher Mundart, von denen ich kein Wort verſtand,

kreuzten ſich durcheinander.Daß wir alle zugleich feuerten, hat uns gerettet, rief mir der Conducteur in deutſcher Sprache zu.Ich ſah mehrere Kerle ſtürzen. Wir traten in das Wirthshaus, um zu frühſtücken und uns von dem Schreck zu erholen. Während dem gingen der Conducteur, der Gensdarm und einige Bauern die Straße hinab nach dem Platze, wo der Ueberfall ſtattgefunden hatte. Sie fanden nichts mehr vor, als einige Blutſpuren, welche ſich im Walde verloren. Näch ihrer Rückkehr ſetzten wir unſere Reiſe fort. Ohne weitern Unfall langten wir um 2 Uhr bei der Douane auf der wallachiſch ſiebenbürgiſchen Grenze an.

20 Pady und Baronin.

(Aus den Papieren eines

An der Wirthstafel des Hotel Kronprinz, in der roman⸗

tiſch gelegenen Gebirgsſtadt** in Tirol, nahm eine Dame

von blendender Schönheit meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch.

Unbekannt mit der anweſenden Geſellſchaft, wollte ich nicht fragen, um nicht indiseret zu erſcheinen.

Es wurde ſoeben die Suppe ſervirt, als die Dame in Begleitung eines Herrn, den ich für den Gemahl hielt, der aber, wie ich ſpäter erfuhr, ihr Bruder war, eintrat.

Der mir zur Rechten ſitzende Fremde hatte kaum einen, wie es den Anſchein hatte, von der Dame nicht bemerkten, Blick auf ſie geworfen, als er aufſtand und den Speiſeſaal verließ, um dahin nicht zurückzukehren. Der Kellner berich lete mir auf meine Frage, der Herr, ein Franzos, ſei plötz⸗

lich unwohl geworden und auf ſein Zimmer gegangen.

Nach aufgehobener Mittagstafel promenirte ich in dem

Parke am See vor der Stadt, noch immer auf das Leb⸗ hafteſte mit der lieblichen Frauenerſcheinung beſchäftigt.

In meinen Betrachtungen ſtörte mich ein Geräuſch, ich ſah auf, und war nicht wenig erſtaunt, auf einer Steinbank meinen plötzlich erkrankten Tiſchnachbar anzutreffen.

Die Frage nach ſeinem Befinden war natürlich; er dankte ſehr verbindlich und bat mich, wenn mich andere Verpflich tungen nicht bänden, ihm Geſellſchaft zu leiſten.

Ich bedauere, nahm ich das Wort,Ihren Unfall um ſo mehr, je größer der Genuß war, den die Schönheit der Dame gewährte. Sie können dieſelbe kaum bemerkt haben, da Ihr Unwohlſein beinahe zugleich mit dem Ein tritt der Frauengeſtalt in den Speiſeſaal ſich einſtellte

Sie ſprechen von der Baronin Marie**2

Wie, Sie kennen dieſe Dame?

Ohne meine Frage zu beantworten, fuhr er fort:

Verweilt ſie noch in dem Hotel?

Nein, unmittelbar nach der Aufhebung der Tafel fuhr ſie mit dem ſie begleitenden Herrn ab

Nach ihrer vier Meilen von hier liegenden Beſitzung.

Wie, auch ihren Aufenthalt kennen Sie?

Ihr Schloß, obſchon einſam, liegt doch nicht

wandeln läßt.

Wann beſuchten Sie dieſe Gegend?

Ich kenne das Schloß mit ſeiner nächſten Umgebung nur aus einem Gemälde.

Er ſchwieg und ſchien von einer Erinnerung mächtig er⸗ griffen zu ſein. Es unterliegt keinem Zweifel, dachte ich bei mir, der Fremde ſteht zu ihr in einer Beziehung, ja die Vermuthung, ihr Erſcheinen habe ihn von der Tafel entfernt, gewann, je länger ich mich damit beſchäftigte, deſto größere Wahrſchein⸗ lichkeit, und ſetzte meine Neugier auf eine ungewöhnliche Probe.

Ich ließ die Vermuthung, wenn ſchon entfernt, laut werden und er antwortete:

Sie irren in dieſer Annahme nicht, und da Sie die

Malers von Moritz Horn.) 6

ſchöne Tiſchgenoſſin ſo ungemein intereſſirt, erlaube ich mir Ihnen über ſie Einiges mitzutheilen.

Die Baronin ſtammt aus Paris und hat ſich von der Mode unangetaſtet ſeit zwei Jahren nach ihrem Schloſſe ge

Von der Mode? fragte ich erſtaunt.

Oder, wenn das beſſer, verſtändlicher klingen ſollte, Welt, Weltton.

Hören Sie weiter und ermüden Sie nicht, wenn ich meiner allerdings nur leicht und flüchtig ſtizzirten Erzählung eine Art Vorrede vorausſchicke.

Er reichte mir ſein brillantes Eigarrenetui..

Auch das Rauchen gehört zur Mode; ich bitte.

Wenn ein Gelehrter es unternähme, begann er, den kräuſelnden Raych ſeiner vorzüglichen Habana in das grüne Laub über ſich blaſend,eine Geſchichte der Gerichtshöfe zu ſchreiben, ſo würde man den Satz beſtätigt finden, daß die Völker ſolche unabläſſig errichtet und wieder zerſtört haben⸗ Dieſes Schickſal hat der Areopagus, ſowie das letzte Dorf ſchulzenamt, der Rath der Amphiktyonen wie das Inſtitut der Friedensrichter getheilt. Nur einen einzigen kann man davon ausnehmen, der, ſelbſt eine geſchloſſene Revolution, keiner ſolchen unterliegt.

Seine Entſcheidungen erkennt er ſelbſt nicht an, ſeine Befehle verdrängen einander, ſeine Richter dispenſirt er glück⸗ licher Weiſe von Würde, Aufklärung, Tugend. Die Jugend mit all ihrem Leichtſinn führt den Vorſitz, das reifere Alter nimmt die letzte Bank ein, der erfahrene Greis hat gar keine Stimme. Dieſer Gerichtshof heißt: die Mode.

Glücklich, wer ihm entflieht. Leider finden ſeine Geſetze, von Thoren erfunden, von Narren angenommen, ſehr oft die verdiente Zurückweiſung an den Thüren weiſer Häuſer nicht.

Bliebe die Mode im Kreiſe der Frivolen, dem ange⸗ wieſenen Departement, ſo würde ihr Anſehen nur lächerlich ſein. Allein ſie erfaßt Alles, macht Alles leichtſinnig, übt wider unſern Willen auf die intimſten Empfindungen, auf

unſere größten Intereſſen, Sitten, Künſte, WBiſſenſchaften,

ſelbſt auf Staats und Familienleben den größten Einfluß aus und legt den Grund zum Verfall ganzer Nationen.

Che ich Sie auf den Schauplatz der Erzählung, nach Paris, führe, muß ich Sie bitten mich in die Heimat unſers Helden, eines Malers, den ich Pierre Laroſſe nennen will, zu begleiten.

Hinaus in die Fluten des Atlantiſchen Ocean ragt ein Stück franzöſiſches Land, das noch immer in ſeinen Sitten und Gebräuchen, ſeinen Geſängen die Zeit bewahrt hat, da

es den Namen Amorica führte die Bretagne, welche der Dichter Brizeux terre de granit, recouverte de chénes nennt.

Eine eigenthümliche, poetiſche Stimmung erregen dieſe Gefilde, von grünem Ginſter bewachſen, dieſe vollblütigen rothen Haiden, die ſandigen Steppen, die mächtigen, ſonnen⸗