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Der Neoſcho, ein Nebenfluß des Arkanſas, nähert ſich dieſem in faſt ſüdlicher Richtung. Seine Quellen liegen in ge⸗ ringer Entfernung von dem Kanſas⸗Strome, und obwohl in ſeiner ganzen Länge ebenes Prairieland durchſchneidend, zeichnet ſein Thal ſich durch dichte Waldung aus, in welcher ſich faſt alle Laubhölzer des nördlichen Amerika in reichem Maaße vertreten finden.
Der Berathungshain oder Council⸗Grove, eine Thal⸗ erweiterung des Neoſcho, liegt kaum eine Tagereiſe weit von den Quellen dieſes Fluſſes und etwa fünf gute Tagereiſen ſüdweſtlich von Fort Leavenworth, einer jungen, überraſchend ſchnell aufblühenden Stadt, die ſich auf dem rechten Ufer des Miſſouri erhebt. Heute kann alſo Council⸗Grove als innerhalb der Grenzen der vorgeſchrittenen Civiliſation liegend bezeichnet werden, obwohl erſt eine kurze Reihe von Jahren daräber hingegangen iſt, daß die Häuptlinge und Abgeordneten der wilden Prairie⸗Indianer daſelbſt zeitweiſe zuſammentrafen, um vor bedächtig geſchürten Zauberfeuern über die Gerechtſame ihrer Nationen zu berathen.
Nähert man ſich, gleichviel, ob von Oſten oder Weſten, auf der alten Santa⸗Fe⸗Straße Council⸗Grove, ſo überraſcht es unendlich wohlthuend, wenn man, am Rande der Thal⸗
ſenkung des Neoſcho angekommen, plötzlich ſtatt der unabſeh⸗
baren baumloſen Ebene eine über alle Beſchreibung liebliche, abwechſelungsvolle Landſchaft vor ſich ſieht. Der dichte, lebensfriſche Wald mit ſeinen ſcharfbegrenzten wunderlichen Außenlinien entzieht zwar das Flüßchen ſelbſt den Blicken, doch wenn man niederſchaut auf die Krone der ſtattlichen Eichen und Hickories, der hundertjährigen Sykomoren und Cottonwoodbäume, die ſich mit ihren prachtvollen Farben⸗ abſtufungen wie zu einem einzigen Teppich zuſammendrängen, wenn man beobachtet, wie die Schatten kleiner Federwolken träge, aber doch belebend über die Waldfläche dahingleiten und das heitere Grün der Bäume auf Minuten verdunkeln, dann fühlt man ſich mächtig angezogen von ſo viel Lieblich⸗ keit, und ſelbſt dem raſtloſeſten Abenteurer drängt ſich der, wenn auch nur flüchtige Gedanke auf mit dem Rufe:„Hier will ich meine Hütte bauen!“ die Art in den nächſten Baum zu ſchlagen.
Weit abwärts und aufwärts vermögen die Blicke die Windungen des Neoſcho zu verfolgen, weit abwärts und auf⸗ wärts, bis dahin, wo bläulicher Duft die holperigen Niede⸗ rungen und raſenbedeckten Höhen ſchleierartig verhüllt.
Rauchſäulen entwinden ſich hin und wieder den ver⸗ pargenen Lichtungen; doch nicht mehr von rothhäutigen
gern werden die Feuer genährt, welche weithin ſichtbar
ie Anweſenheit von Menſchen verrathen, ſondern von weißen Ftreien Anſiedlern, die daſelbſt bereits ihre Heimat gründeten. Lugen doch aus den Winkeln des Waldrandes, wo ihnen Holz, Waſſer und baumloſes Wieſenland gleich nahe, graue Blockhäuſer idylliſch hervor, während auf den benachbarten grünen Abhängen ſcheckige Rinderheerden ſtatt der frühern langbärtigen Biſons weiden, und ſtatt der ſcheuen Muſtangs rräftige Arbeitspferde in dem hohen Graſe raſtend ihre Glieder dehnen. Wo die Santa⸗Fe⸗Straße den Neoſcho kreuzt, iſt eine größere Anſiedlung entſtanden, welche zur Erinnerung an die erſten freien Beſitzer der Grasſteppen den Namen„Council⸗ Grove führt. Mehrere Häuſerreihen, eingefriedigte Gärten und Maisfelder begrüßen daſelbſt freundlich das von dem ewigen Einerlei ermüdete Auge des ankehrenden Prairie⸗ wanderers. Auf der Straße ſpielen Kinder, bellen Hunde und krähen Hähne; laut erſchallt der regelmäßige Schlag des Hammers, der, geführt von kräftiger Fauſt, ſchwer auf das ſprühende Eiſen und den klingenden Amboß fällt, und wie um den Reiſenden doppelt eindringlich zum Verweilen einzu⸗ laden, ſpreizt ſich auf der am meiſten ins Auge fallenben Stelle ein mit prahlender Aufſchrift verſehenes Gaſthaus. Die in einem weſtlichen Gaſthauſe gebotenen Annehmlich⸗ keiten vermochten nicht, mich lange zu feſſeln; es bedurfte nur der Aufforderung, um mich zu entſchließen, eine Eeſellſchaft heiterer Farmerburſchen auf einem größeren Ausfluge ſtrom⸗
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aufwärts zu begleiten. Der Ausflug durfte ein größerer genannt werden, weniger mit Rückſicht auf die Entfernung, als auf die Zeitdauer, welche er beanſpruchte. Meine neuen Gefährten hatten ſich nämlich vereinigt, um einen weiter ober⸗ halb eingetroffenen Anſiedler baldmöglichſt unter Dach und Fach zu helfen, und ſich zu dieſem Zweck, außer mit den dort noch üblichen Waffen, Jeder mit einer Art, einer Decke und Lebens⸗ mitteln auf etwa acht Tage ausgerüſtet. Meine Vorbereitungen erforderten nur kurze Zeit, und kaum eine Stunde nach meiner erſten Bekanntſchaft mit den neuen Gefährten, befand ich mich abermals auf einer Wanderung, die mit Fug und
Recht die Frucht eines wunderlichen Zufalls genannt wer⸗
den durfte.
Ein Ritt von etwa zwei Stunden im Thale des Neoſcho brachte uns an Ort und Stelle. Vielleicht noch ebenſo lange hatte die Sonne zu ſcheinen, als wir auf einer lieblichen Lichtung, inmitten mehrerer Zelte und Laubhütten, zweier ſchwerer Wagen und aller zu einer einfachen Häuslichkeit noth⸗ wendigen Haus⸗ und Ackergeräthe von dem Beſitzer der um⸗ liegenden Ländereien herzlich willkommen geheißen wurden. Gleich nach dieſem, einer derben, wettergebräunten Farmer⸗ geſtalt, reichte uns deſſen Gattin, eine rüſtige Vierzigerin, die Hand grüßend entgegen, und dieſer wieder folgten in buter keihe acht oder neun junge Burſchen und Mädchen von zwanzig und einigen bis zu ſieben Jahren herunter, die durch⸗
aus keiner mündlichen oder ſchriftlichen Beglaubigung be⸗
durften, um auf den erſten Blick die ehrenwerthen Nachkommen ihrer beiden noch ehrenwertheren und in ihnen ſo reich ge⸗ ſegneten Aeltern zu erkennen.
Der Hauptzug, der uns aus allen dieſen guten freund⸗ lichen Geſichtern entgegenſtrahlte, war der einer glücklichen, zufriedenen Gemüthsſtimmung, ein Ausdruck, der ſo recht zum Herzen ſprechend bekundete, daß Furcht vor den Leiden und Nisgeſchicken des Lebens ihnen etwas Fremdes ſei, und
die Sorge um den kommenden Tag bei ihnen nicht einmal
das Gewicht eines Moskitos erreiche, deren eben mehr, als gerade unumgänglich nothwendig, den ſchattigen Wald belebten.
Mit Leuten, wie die genannten, iſt ſchnell und leicht Bekanntſchaft geſchloſſen. Ein Blick ins Auge, ein feſter Händedruck, und man bewegt ſich ſo frei und vertraut unter einander, als ob man ſeit Jahren in freundſchaftlichſtem Ver⸗ kehr gelebt hätte. Nach Stand oder Namen wurde nicht ge⸗ fragt; mein längeres Verweilen in ihrem Kreiſe ſchiegen die guten Leute erinbih zu betrachten, wogegen ich meine Arme zum Holzfällen und Zurichten der Blöcke zur Verfügung ſtellte, in welchen Arbeiten ich kein Neuling mehr war, nnd als dann endlich der Abend hereinbrach, da hatte ich ſchon Sitz und Stimme im Rathe erhalten, der ſich vor⸗ zugsweiſe damit beſchäftigte, auf welchem Punkte die neue Häuslichkeit wohl am geeigneteſten zu errichten ſei.
Wie ein roſenfarbiges duftiges Gewebe hing es vor den maleriſchen Baumgruppen, als die Sonne ſich dem weſtlichen Waldſtreifen näherte, um hinter demſelben in das ewige Gras⸗ meer hinab zu tauchen. Eine liebliche Landſchaft, deren Charakter eben vorzugsweiſe durch die wunderbar ſchöne Be⸗ leuchtung beſtimmt wurde, lag vor mir, eine Landſchaft, in der Ferne hauchähnlich verſchwimmend, wie ſie ein Claude de Lorrain vor Augen gehabt haben mag, als er ſich in der Ausübung ſeiner Kunſt für eine beſtimmte Richtung entſchied. Luſtig zirpend tummelten ſich bereits die Fledermäuſe im Abendſonnenſchein, während der Ziegenmelker die dämmerigen Waldſeiten und Lichtungen aufſuchte und mit ſcheinbar trägem Flügelſchlage, jedoch ſeltſam ſchnellen und unberechenbaren Bewegungen den tanzenden Inſekten nachſtellte. Süßer Friede und abendliche Ruhe lagerten auf der ganzen Umgebung; ſo⸗ weit die Blicke reichten, nicht einmal ein Farbenton, der das Auge unfreundlich berührt hätte, und als ob die Stimmung der Natur ſich den Menſchen mitgetheilt hätte, erſchienen auch dieſe, trotz einer vielfach durchbrechenden harmloſen Heiterkeit, ernſter, nachdenkender und feierlicher in ihrem Weſen, milder
in ihrem Urtheil über ihre Mitmenſchen und rückſichtsvoller
gegen deren Wünſche und Neigungen geworden zu n.
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