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Raſchel.
Von F. de Pobille.
räulein Rachel hat von der Natur die Beſtimmung erhalten, in den großen erſchüt⸗ tern den Dramen zu handeln und zu leben. Sie iſt, wie Jules Janin mit Recht ſagt, die Königin verſchwundener Reiche, das Organ der ſchönen Sprache und der harmoniſchen Worte; ſie iſt der goldne Mund, durch welche die in lange Trauerkleider gehüllten Muſen reden. Ihr Blick kann ſich nur mit Würde auf die durch die Erhabenheit der Kunſt ver⸗ ſchönerten Leidenſchaften, auf die durch die Majeſtät des Schmerzes vergrößerten Leiden richten! Ihrer Hand geziemt das Scepter, das Schwert oder die mit Gift gefüllte goldne Schale! Sie iſt die Tochter Agamemnon's, die Mündel des Kaiſers Auguſtus. Ihr ſteht das Recht zu, den Beginn und den Fall der römiſchen Größe zu ſchildern. Der geheiligte Schleier und das purpurne Gewand ſind ihrem Wuchſe, ihrem Antlitze und ihrem Gange angemeſſen! Ihr Fuß fühlt ſich behaglich in dem Cothurn und ihr Schritt hallt kräftig wirder in den corinthiſchen Säulengängen des Tempels der Minerva und des kaiſerlichen Palaſtes. Sie hat die Zeichen zu einer Auferſtehung gegeben, indem ſie alle vergeſſe— nen Meiſterwerke wieder in's Leben rief und von denſelben den Staub ſchüttelte, der ſie bedeckte. Ihrer mächtigen Stimme gehorchend, iſt die Poeſie des größten Jahrhunderts Frank⸗ reichs,*) die, in Ermangelung eines ihrer würdigen Vertreters, mit dem Leichentuche bebeckt war, wieder aus ihrem Todesſchlafe erſtanden. Frl. Rachel kam alſo nicht allein, um einer pretiſchen Reſtauration den Weg zu bahnen; ihr zur Seite ſtanden die glor⸗ reichſten Namen der alten Dichtkunſt, und da, ungeachtet der vielen grauſamen und trauri⸗ gen Begebenheiten, die das Schickſal ſeit ſechezig Jahren über die unglückliche fran⸗ zöſiſche Nation verhängt hat, derſelben wenig⸗ ſtens die Intelligenz geblieben iſt, ſo begriff
darf deſſen Grenzen nicht übertreten.
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ſie gleich beim Auftreten dieſer Tochter Cor⸗ neille's und Racine's, daß die Stunde für das Reich der Dichter auf's Neue ſchlagen ſollte. Voll Erkenntlichkeit hat ſie den durch ein Wunder zwiſchen den Ruinen des alten umgeſtürzten Tempels wiedergefundenen, klei⸗ nen König Joas*) gekrönt.
Dieſes neue Reich nun währt ſchon ſeit elf Jahren. Das alte Repertoir und die junge Rachel, das alte Trauerſpiel und die jugendliche Tragödin haben Paris und die Provinzen mit Bewunderung erfüllt. Selbſt dem kalten Britannien hat die größte Schü⸗ lerin Melpomenens Thränen entlockt, und Racine, der ſich zum erſten Male außer ſeinem Hofe und ſeinem Tempel befand, hat den erhabenen Shakeſpeare um nichts mehr zu beneiden gehabt.
Fräulein Rachel's Gebiet erſtreckt ſich nur f das Trauerſpiel, auf dasjenige nämlich, wie Corneille und Racine es erfanden. Sie Die Luſtſpiele und Dramas, in welchen ſie ſich verſucht, haben die Neugierde, die ſie einflößt, vermehren können, ihren Ruhm aber haben ſie nicht vergrößert. Sie kann den Olpmp nicht mit einem falſchen Parnaß vertauſchen, noch eine Sprache reden, für die ſie nicht geſchaffen wurde. Zwar iſt ſie einmal in der Dorine des Tartüfe*s) aufgetreten, zwar hat ſie die für Fräulein Mars beſtimmte Rolle der Mademoiſelle de Belle⸗Is le) übernommen und im letzten Acte einen Ein⸗ druck hervorgerufen, der alle Herzen erſchüt⸗ tert und allen Augen Thränen der Wehmuth erpreßt; allein ihr wirkliches Domän iſt und bleibt jener Olymp, wo Apoll und die vom Euripides und Sophocles vergötterten Muſen wohnen.
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* Das einzige Drama, in welchem die be— rühmte Tragödin mit Erfolg aufgetreten, iſt
*) Athalle von Raeine.
*) Das Jahrhundert Ludwigs RIV.
**) Moliere. ***) Aler. Dumat.
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