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iſt, die ſpurlos verweht, wenn bieſer Leib in Staub zerfällt, kein Menſchenleben, das nur durch den Zufall beſtimmt wirb!“ „Leihe mir Gehör, Geliebte! Du mißver⸗ ſtehſt mich ganz. Ich brauchte das Wort Zufall, aber einen Zufall, wie Du ihn denkſt, giebt es nicht. Wir nennen ja Alles Zufall, deſſen Grund unſer kurzſichtiges Auge zur, Zeit noch nicht einſieht, wir nennen Zufall was doch immer nur die von uns unver⸗ ſtandene Naturnothwendigkeit iſt, Alles, was nicht aus dem freien Entſchluſſe des Menſchen⸗ willens hervorgehen kann, kurz das räthſel⸗ hafte Walten des Weltgeiſtes, der da ſchafft und webt in Allem, was Leben hat. Iſt aber dieſer Weltgeiſt nicht auch mir Gott, bete ich dieſen Gott nicht ebenſowohl an, als Du den Deinigen? Ob ich mir ihn nun nicht per⸗ ſönlich denken kann, bleibt ſich das nicht gleich? Tod, Krankheit, ja ſelbſt meine Liebe nenne ich Zufall, weil keine dieſer Mächte von meinem freien Entſchluſſe abhängt, weil ſie über mich hereinbrechen als mächtige Gewalten, denen ich nicht widerſtreben kann; aber ſind jene ſchrecklicher oder iſt dieſe minder heilig und werthvoll, weil ſie alle innere Nothwendigkeiten ſind? Und unſere Liebe iſt keineswegs endlich, denn wir fühlen ſie wirklich, gleich wie wir unſere Gedanken wirklich denken— auch dieſe ſind ebenſowohl wie unſere Entſchlüſſe Gewal⸗ ten, Nothwendigkeiten und in gewiſſer Weiſe Zufälligkeiten— und was wir einmal dachten, fühlten, wollten d. h. was wir ſchafften und thaten, das iſt ewig das lebt und ſchafft fort bis an der Welt Ende.“
„Dein Glaube iſt mir zu hoch, Alfred, ich werde ihn niemals verſtehen.“
„Du wirſt ihn einſt verſtehen,“ entgeg⸗ nete dieſer mit einem zuverſichtlichen und lie⸗ bevollen Tone;„ich will Dich einführen in den Zaubergarten meiner Phantaſie und das Ge⸗ heimniß meiner Religion, das Dir noch ver⸗ ſchloſſen iſt, nicht aber, weil es Dir zu hoch, ſondern weil unſere Zeit Dir noch den alten Glauben anerzogen hat, weil die Welt den
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weigert und ſie durch einen althergebrachten Wahn beherrſchen zu können wähnt. Vertraue mir, wie Du Deinem Gotte, wie Deine Liebe meiner Liebe vertraut und Du wirſt mich ver⸗ ſtehen lernen. Das iſt ja eben die Göttlich⸗ keit der Liebe, daß ſie Mann und Weib zu Einer Seele, Einem Leibe ſchafft und ſie im wahren Glauben verklärt.“
„Du verlangſt viel, Du verlangſt vielleicht mehr, als ich geben kann; ſo heiß und rein meine Liebe iſt, fühle ich doch, daß ich ihr ſchwerlich meinen Gott zum Opfer bringen kann, und mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich es auch nicht einmal darf.“
„Der Fluch unſerer Zeit iſt furchtbar,“ ſagte Alfred,„doch wir werden ihn beſiegen, darauf baue ich. Ich will an Deinen Vater ſchreiben.“
„Nein nein! wenigſtens noch nicht!“ ſträubte ſich Helene.
„Und warum nicht, ehe es zu ſpät wird, ehe er Dich an den jungen Wüſtling verkauft?“
„Es darf nicht ſein, ich will ſelbſt mit ihm reden, ſo iſt es beſſer.“
„Wie Du wünſcheſt, Geliebte, aber bald, morgen, heute noch!“
„Sobald er kommt,“ ſagte ſie,„und jetzt laß uns hineingehen, ehe man uns uberraſcht!“
Als die Beiden ſich dem Hauſe näherten, ſahen ſie eben den jungen Grafen Blumen⸗ chal vom Wagen herabſteigen und hineintre⸗ ten. Alfred bemühte ſich, eine weniger leiden⸗ ſchaftliche Miene anzunehmen, und Helene ging auf ihr Zimmer.
Als Herr von Wilden dem Grafen den Freund ſeines Sohnes vorſtellte, ſoh Ebmund ihn mit einem ſtolzen und verächtlichen Blicke an und machte eine kalte Verbeugung.„Wo iſt Fräulein von Stahlheim?“ fragte er bald nachher,„ich wünſchte ihr meine Aufwartung zu machen.“
„Sie ging vorhin in den Garten,“ er⸗ wiederte Herr v. Wilden.„Suche Tante Helene auf und bitte ſie, herein zu kommen, Franz!“ ſagte er dann zu einem allerliebſten Knaben, der ſich damit beſchäftigte, ein Regi⸗
Frauen die Berechtigung zur Wiſſenſchaft ver⸗
ment Zinnſoldaten aufzuſtellen.
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