Jahrgang 
2 (1850)
Seite
1027-1028
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ihn, er war keines Wortes mächtig. Eine unbegreifliche Sehnſucht zog ihn zu ihr hin, und doch fühlte er ſich zu Muthe, als würde ſie ihm vielleicht in dieſer Minute den Tod geben. Nachdem er ihr ſo eine Zeitlang ſchweigend gegenüber geſtanden hatte und vergeblich nach Worten rang, ſeinen Gefühlen Ausdruck zu geben, ſagte ſie endlich mit weicher Stimme die wenigen Worte:Setzen Sie ſich! Und doch welcher Himmel lag in dieſen drei Worten! Jetzt erſt ſagte ihm ſein Herz, daß ſie ihn liebte!

Sie wollen uns ſchon wieder verlaſſen? fragte er verwirrt, nachdem er ſich zur Seite der bebenden Jungfrau niedergelaſſen hatte.

Mein Vater wünſcht es, entgegnete ſie mit ſo vieler Faſſung und Ruhe, als ihr möglich war,und ich muß ihm als gute Tochter gehorchen, ſo gerne ich hier noch länger ver⸗ weilte.

Erſt jetzt brach der Zauber, der Alfred gefangen hielt, und milder ſagte er;Sie blieben alſo doch nicht ungerne? Dürfen wir uns wirklich ſchmeicheln, daß dieſer einfache, freundliche Familienkreis ein Weſen zu feſſeln vermochte, das ſich im glänzenden Salonleben zu bewegen gewohnt iſt, auf deſſen herrliche Bahn Grafen und Fürſten die Blumen der Freude hinſtreuten und den Weihrauch der Verehrung in vollen Schalen ausgoſſen?

Glauben Sie mir, wandte Helene ein,

unſer vielbeneidetes Loos iſtoft ein ſehr trauri⸗ ges. Wir ſollen in königlichen Paläſten und erleuchteten Courſälen mit erzwungenem Lächeln auf den Lippen, mit erheucheltem Frohſinn in den Mienen ſcherzen, wo wir einſam auf unſerm Kämmerlein weinen möchten; wir ſollen tanzen, wo wir, müde und abgeſpannt, uns nach Ruhe ſehnen; wir müſſen, mit buntem Flitter⸗ ſtaate geputzt, halbe Nächte durchwachen, wo der Schlaf unſer Auge ſchließen und die Sor⸗ gen des Tages verbannen ſollte. Das iſt unſer glänzendes Loos, das der Vorzug, den wir vor dem armen Tagelöhner genießen, dem doch nach vollbkachtem Tagewerk ein ſanfter Schlummer die Glieder erquickt, während uns

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ein ewig einförmiges Leben und die tödlichſte Langeweile nicht ſelten zur unheilbarſten Bla⸗ ſirtheit hindrängt.

Sie mögen großentheils Recht haben, erwiederte Alfred;aber warum reißt Sie das unerbittliche Geſchick ſo ſchnell aus dieſem ſtillen Kreiſe fort, deſſen Seele Sie ſind? Warum will ein unſeliger Stern uns den guten Engel entführen, der unſre verirrten Herzen auf die rechte Bahn leitet und ſüße Wonne in die bangen Gemüther hinabſenkt? O Helene, werden Sie in den rauſchenden Zirkeln der Geſellſchaft jemals zurückdenken an den armen Jüngling, den Sie erſt den Werth des Lebens erkennen lehrten, dem Sie zuerſt die Hoffnung auf eine roſige Zukunft eröffneten?

Halten Sie ein! bat dieſe mit zittern⸗ dem Tone.

O nein! nur jetzt laſſen Sie mich reden! Es iſt ja vielleicht doch das letzte Mal, daß ich Ihrer Silberſtimme lauſchen, daß ich in Ihre glänzenden Augen hineinblicken darf, die die Nacht meines Daſeins erhellten und ſon⸗

niges Licht auf meinen dunklen Pfad hinab⸗

ſtrahlten! Ja, ſo hören Sie es, wenn Sie es noch nicht in meinen Blicken laſen; ich liebe Sie mit aller Gluth meiner Seele, ohne Sie wird mir mein Leben eine werthloſe Laſt ſein und keine Blume, keine Hoffnung wird fortan auf meinem öden Wege erblühen, in Finſterniß und Verzweiflung werde ich hineilen bis an das Ende meiner Tage, wenn Sie mich verſtoßen!

Verſchonen Sie mich mit dieſer leiden⸗ ſchaftlichen Rede, ich danke Ihnen für Ihre Liebe, aber beherſchen Sie ſie, denn ich darf Ihnen keine Hoffnung geben! Gehen Sie fort, ſo bald als möglich, und reißen Sie dieſe unſelige Liebe aus ihrem Herzen, durch die Sie uns Beide ins Verderben ſtürzen!

O, ich hätte mir das ſelbſt ſagen können! ſeufzte Alfred vernichtet.War es denn ein

ſſo furchtbares Verbrecheu für den armen Bür⸗ gerlichen, die Tochter eines Barons zu lieben? Kann das reine Feuer einer unwiderſtehlichen