Jahrgang 
2 (1850)
Seite
1025-1026
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Zuſtände. Lebensbild aus der Jetztzeit.

Fortſetzung.)

VII

Die Gartenbank.

Sm nächſten Morgen brachte der Poſt⸗ bote einen Brief an Fräulein Helene. Sie erbrach ihn haſtig und ihre Wangen er⸗ bleichten, als ſie ihn las. Der Brief war von ihrem Vater, der ihr vom Wildbad aus ſchrieb, er werde in einigen Tagen ſeine Tochter abholen und vielleicht den jungen Grafen Blumenthal mitbringen; doch ſei es wahrſcheinlich, daß dieſer ſchon früher ihr und Wildens einen Beſuch abſtatten werde, da er mit ſeinem Vater auf's Gut zurück⸗ gekehrt ſei und ſich außerordentlich ſehne, Fräulein von Stahlheim ſeine Aufwartung zu machen. Weit mehr jedoch, als tieſe Nachricht, erfüllten folgende Worte des Briefes

ſie mit Angſt und Beben: Ich erwarte von Dir, liebes

Kind, daß Graf Edmund bei Dir einen freundlichen Empfang finden wird, und daß Du Alles aufbieteſt, ihn an Dich zu feſſeln. Er iſt ein ſchöner und feiner Mann, von gutem Adel und großem Einfluß, und was noch mehr ſagen will, er beſitzt ein ſehr be⸗ deutendes Vermögen. Es bedarf nur Deines guten Willens, um Dich und Deinen Vater glücklich zu machen, ich zähle daher auf die Klugheit und die Folgſamkeit meiner lieben

Tochter. Dein cher père

Cuno, Baron v. Stahlheim. Helene theilte ihrem freundlichen Wirthe

die muthmaßliche Ankunft des jungen Grafen

Jahreszeiten II.(Nro. 33. Den 14. Aüguſt.)

Blumenthal mit und dieſe Botſchaft brachte einen durchaus unerfreulichen Eindruck auf Alle hervor. Beſonders Alfred zitterte vor dem Eintreffen ſeines Nebenbuhlers, empfing jedoch einige Beruhigung durch das Erbleichen ſeiner Geliebten, als ſie jenen Brief las. Er ſah ein, es bedürfe eines raſchen Ein⸗ verſtändniſſes mit dem Gegenſtande ſeiner Sehnſucht, ehe der Gefürchtete anlangte. Doher fand er leicht einen Vorwand, ſich un⸗ bemerkt aus dem Zimmer zu entfernen, als Helene daſſelbe auf einen Augenblick verließ. Seine Geliebte war in den Garten hinab⸗ geeilt, um in dem duftigen Hauche der Blüthenbäume und der linden Frühlingsluft Troſt für ihren Kummer zu ſuchen, und Alfred folgte ihr mit raſchen Schritten. Sie ließ ſich vor dem erwähnten Gartenhauſe auf eine Moosbank nieder und ſtützte das lockige Haupt auf ihr weißes, edelgeformtes Händchen. Sie ſah reizender aus denn je: die ätheriſche Geſtalt, bekleidet mit einem blaßrothen faltigen Ge⸗ wande, träumeriſch hingegoſſen auf das dunkle Moos, den Blick ernſt und zweifelnd zum blauen Himmel erhoben, als hoffte ſie aus den leiſe dahinziehenden Wolken das Zauberwort zu er⸗ lauſchen, das ihren Schmerz bannen ſollte. Alfred näherte ſich ihr zaghaft und vorſichtig. Plötzlich erblickte ſie ihn und ließ ihre blauen Augen fragend auf ihm ruhen. Banges Zittern ergriff ihn, ihm war, als hefte eine jener

fabelhaften Schlangen Indiens ihren Blick auf 65