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aufwand wahrſcheinlich die Wahrheit der gegebenen Verſicherung auf nachdrückliche Weiſe beſtätigen.
Eine kleine Abtheilung Bogenſchützen, mit dem Köcher und der Tartſche, die in den Tagen des 13. Jahrhunderts ſowohl in Frankreich, wie in Flandern, eine ſehr ge⸗ fürchtete Soldateska bildeten, miſchte ſich unter das bunte Gewühl, die Ordnung in demſelben zu erhalten, denn nur zu oft ging bei Volksfeſten dieſer Art die heitere Luſt in Zwiſt und blutige Fehde über.— Es war ein Vogelſchießen, wie es in Lüttich alljährlich im Frühling gehalten wurde, und da ein ſolches Feſt bei Vornehm und Gering in jener Zeit die größte Sympathie erweckte, und Alle in dieſem Vergnügen eine vollſtändige Befriedigung ihrer Anſprüche fanden, ſtrömten von nah und fern eine Menge Leute herbei, die das Verlangen erfüllte, an einer ſo er⸗ götzlichen und volksthümlichen Luſtbarkeit Theil zu nehmen.
Es mogte ungefähr um die zweite Stunde des Nachmittags ſein, als ſich auf dem Marktplatze plötzlich die dicht gedrängten Maſſen theilten, einem Zuge Raum zu geben, der von dem Hauſe des Fleiſchermeiſters Udelin ſeinen Weg durch die Straßen der Stadt nahm, und ſich jetzt zwiſchen Buden und Zelte eine Bahn zu brechen verſuchte. Käufer wie Verkäufer vergaßen auf einen Augenblick die wichtige Angelegenheit eines eben abzuſchließenden Handels, die Lyra der Troubadoure verſtummte, und in den künſtlichen Sprüngen der Seiltänzer und Gaukler trat unwillkürlich eine Pauſe ein, denn jedes Auge wendete ſich dem Schauſpiele zu, das ſich den Blicken der gaffenden und erſtaunten Menge auf wunderbare Weiſe darbot.
Ein Ritter, ungefähr zwei bis drei De⸗ zeniums zählend, hoch und ſchlank von Ge⸗ ſtalt, über deſſen ſchöne einnehmende Züge jedoch ein Anflug von Hohn und Leichtfertig⸗ keit ſchwebte, war der Führer des erwähnten Zuges, der aus einem glänzenden Geſfolge von Dienern und Knappen beſtand, die den
Reichthum, wie die Prunkſucht ihres Gebieters bekundeten. Gaſton von Damartin, ſo hieß der junge Ritter, trug eine geſchmiedete Rüſtung, die mit zierlichen Arabesken in Gold ausgelegt war(eine Kunſt, deren Vervoll⸗ kommnung man zuerſt in Damaskus erfand), darüber ein gefüttertes Wamms(Gambeſon genannt) von hochrother Seide, das von der Schulter bis zur Mitte des Schenkels hinab⸗ reichte, und nur einen kleinen Theil ſeines Panzerhemdes ſehn ließ. Sein Haupt be⸗ deckte ein grünes Sammetbarett mit weißen Straußfedern, die durch eine Agraffe von werthvollen Steinen zuſammengefaßt, ein Spiel der Lüfte waren. Nur mit Mühe zwang er das feurige Berberroß zum gleichmäßigen Schritt, das glänzend wie Schnee, außer an den weit geöffneten Nüſtern, den Sehnen der Feſſel und des Hufes, wo das Weiß in ein feines zartes Roth überging, unter ihm da⸗ hertanzte, und ſeiner Schönheit ſich bewußt ſchien.
„Der heilige Dyoniſius ſteh' uns bei!“ rief in dieſem Augenblick ein kleiner unter⸗ ſetzter Mann, als der langſam ſich daher⸗ bewegende Zug an ihn und ſeinen Gefährten vorüber ritt.„Sagt mir Gevatter um der St. Urſula willen, iſt es Blendwerk der Hölle, oder ſchauen meine Augen ſolch ſünd⸗ haftes Beginnen in Wirklichkeit und natura?“
„Leider, leider liebwertheſter Nachbar und Gevatter,“ erwiederte Andreas Marks der Rathsdiener,„hat dieſes Exempla sunt odiosa nur zu ſehr ſeine Richtigkeit, und iſt zugleich ſo unerhört, daß man in unſerm geſitteten und modernſten Jahrhundert ſolche frevelhafte Data aufzuweiſen hat. Doch ſo Gott will, wird es dem Ritter Damartin ſchlecht be⸗ kommen, daß er ſeinem Pferde die beſiegelte Berufung zu einem geiſtlichen Amte ſo ruch⸗ loſer Weiſe um den Hals hängt, und damit hohnlachend die Straßen Lüttichs durchzieht.“
„Mit Vergunſt meine Herren,“ miſchte ſich hier ein unfern ſtehender Tabulettkrämer in das Geſpräch,„mit Vergunſt, ober vielmehr mit Reſpect zu ſagen, mag es nun ſein, wie
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