Jahrgang 
1 (1850)
Seite
199-200
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199 S 200

Seinigen, nicht vermißte, lag Wilhelm, an ſchweren Wunden leidend, hart darnieder. Doch heftiger noch quälte ihn die Ungeduld, und halb geneſen folgte er den Freunden, die jubelnd Frankreichs Grenze überſchritten, laut donnernd vor Paris ſchon an die Thore klopf⸗ ten und in der eigenen Hauptſtadt dem ſtolzen Kaiſer jetzt Geſetze ſchrieben.

Dort war es, wo der Frankenkaiſer die deutſchen Jünglinge lieb gewann, wo dieſer den großen, hochherzigen Charakter eines Mannes kennen und würdigen lernte, dem erſt die Nachwelt Gerechtigkeit wiederfahren laſſen und unparteiiſch ein richtiges Urtheil über ihn erſcheinen wird.

Tief ſchmerzte ihn das Unglück dieſes ſel⸗ tenen Mannes, das in der That allein dem Vaterlande Ruhe brachte. Mit getheiltem Herzen ſtand er im Inni 1815 noch einmal dem großen Helden des neunzehnten Jahr⸗ hunderts gegenüber, und in der jauchzenden Freude des Sieges miſchte ſich leiſe die Thräne des Schmerzes um den nun ganz gefallenen, von ihm mit Bewunderung und Achtung er⸗ kannten Mann.

Die Kriegstrompete ſchwieg und frohe

Feſte reichten ſich einig, wechſelnd ſanft die

Hand und fanden im glänzenden Palaſt wie in der kleinſten Hütte nur dankerfüllte Herzen, die ſie beglückt, der Freude lange ſchon ent⸗ wöhnt, willkommen hießen und fröhlich dann umarmten. Der laute Jubel der Befreiung, die wie ein Wunder endlich hervorgetreten, verhallte allmählig und der ſegensreiche Friede wand ſich ſtill grünend mit warmer Liebe durch das ganze Land. Auch Wilhelm grüßte bald das ſchönſte Glück. Von zarter Liebe längſt geflochten, fand er nach ausgeſtandener blutiger Gefahr ein häuslich trautes Leben, wie es ſeiner Jugend goldne Träume kaum ihm vorgegaukelt.

Allein nur wenig Jahre ſtand die trüge⸗ riſche Dame, der man ſich nie mit Sicherheit vertrauen darf, die heute noch mit ſchmeicheln⸗ den, koſenden Worten uns ihre Freundſchaft reicht und morgen ſchon mit höhnendem Lä⸗

cheln uns einſam und verzweifelnd ſtehen läßt, Wilhelm D.... freundlich zur Seite. Ein Schuß auf dem Schlachtfelde vor Leipzig hatte ihn an einer gefährlichen Stelle tief verletzt, war damals ſchnell geheilt und blu⸗ tete unbeachtet fortwährend weiter und führte ihn plötzlich auf's Neue dem Rande des Grabes zu. Nur die geſchickteſte ärztliche Hülfe, die treueſte Sorgfalt ſeiner Gattin gaben ihn matt und ſchwach dem Leben noch einmal zurück. Ein milderes Clima, ein ſanf⸗ terer Himmelsſtrich ward jetzt als das ein⸗ zige Mittel zur völligen Geneſung, zur Fort⸗ dauer ſeines Lebens vorgeſchlagen, und be⸗ gleitet von ſeiner Gattin, ſeinen beiden Kin⸗ dern, reiſ'te er langſam, mit ſchwachem Muth, den heilbringenden warmen Quellen des Südens zu. Italiens lachende Fluren nahmen ſpäter die kleine Familie gaſtfrei auf und das erſte freundliche Städtchen Duonno d'Oſſale am Abhang des Simplon führte ſie heiter in das ſchöne Land der Künſte ein. Die ernſte deutſche Erde verſchwand vor Italiens rei⸗ zendem Blick und führte die Reiſenden mit hoffenden Herzen über die lieblich ſchöne Land⸗ ſtraße nach Baveno am Lago Maggiore. Doch der freundliche Sonnenſtrahl, der mild noch einmal die kleine Familie erwärmte, ſchwand ſchon mit dem nächſten jungen Tag

und dunkles Gewölk zeigte ſich nah am dro⸗ henden Horizont. Verſchwunden war Theone, ein folgſames, ſanftes, weiches Kind von bei⸗ nah 7 Jahren. Die Freude des Vaters, der Troſt der vft recht ſorgenvollen Mutter, die verträgliche, liebevolle Geſpielin des jüngern lebhaften Bruders. Verſchwunden auf eine unbegreifliche Weiſe war das Kind und jede Nachfrage, die ſtrengſte, genaueſte Aufſuchung vergebens, nicht die kleinſte Muthmaßung ward den troſtloſen Eltern, und jede öffentliche, vielfach wiederholte Aufforderung, reichlich verſprochene Belohnung für die kleinſte Spur, blieben ohne Erfolg. Ein plötzlicher Tod en⸗ dete unerwartet das ſeit mehren Jahren nicht ohne Schmerz gefriſtete Leben des Haupt⸗ manns D.... Faſſungs los, ohne Rath und

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