Jahrgang 
1867
Seite
760
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Auf dem Boulevard des Italiens promenirte ein elegant

gekleideter Herr. Wohl zehnmal in der Minute hat derſelbe nach ſeiner Uhr geſehen, bis endlich die Beſuchſtunde gekommen; dann begibt er ſich in die Paſſage de l'Opera, kauft dort ein toſenbvuquet und einen prächtigen Goldſchmuck und eilt end⸗ lich über die Boulevards zurück nach der Rue Grammont, wo ſich ihm ein eleganter Salon öffnet. Hier empfängt ihn eine reizende Damet ſie reicht ihm herzlich die Hand und empfängt mit glücklichem Lächeln die Blumen und den Schmuck. Zwei Minuten darauf ſchleicht ein Mann dieſelbe Treppe hinauf indem er jeden Augenblick ſtehen bleibt und forſcht, ob ihm von oben herab nicht Jemand begegne oder von unten her⸗ auffolge. Oben angelangt ſchließt er geräuſchlos eine Thür auf und gelangt, auf den Fußſpitzen weiter gehend, nach einem dunkeln Corridor. An einer zweiten Thür, deren oberer Theil in blindes Glas gefaßt iſt, ſucht er einen Durchblick und ſchaut hinein.

Der Glasthür gegenüber hatten Julia und Savari Platz genommen. Die Unterhaltung des Paares blieb zwar dem Lauſchenden unverſtändlich, aber er las in den Blicken Beider, daß ihn ſeine Ahnung nicht getäuſcht. Er ſah die Lippen Beider ſich berühren und wußte, daß Alles für ihn verloren ſei. Vibert hatte genug geſehen. Die Liebenden vernahmen nicht den dumpfen Schrei, der ſich der Bruſt des Gefolterten entrang, ſie hörten nicht das Zufallen der Thüre.

Verſtört, faſſungslos eilte der Polizei⸗Agent die Treppen hinab.

In der zweiten Hälfte des Februar 1848 kam der ſo ſehr beſprochene Proceß Langlade's vor die Geſchworenen des Seine⸗Departements.

Eine wahre Menſchenflut umlagerte den Gerichtshof.

Der Raum des Saales war faſt überfüllt. Auf einem Tiſche lag ein Meſſer und ein aufgeſchlagenes Notizbuch daſſelbe, in welches Maurice Vidal vergeblich mit ſeinem Blute den Namen ſeines Mörders zu verzeichnen verſucht hatte.

Langlade, von zwei Gensdarmen begleitet, trat ein und nahm theilnahmlos auf der Anklagebank Platz. Die üblichen Präliminarien, das Zeugenverhör, ſeine Anklage er ignorirte alles und verweigerte jede Antwort.

Erſt als der Bandit ſeine Geliebte, nachdem ſie mit dreiſtem Spott und unter Lächeln die ſchwerſten Veſchuldigungen gegen ihn erhoben hatte, an der Seite eines hageren Eng⸗ länders ſich niederlaſſen und mit dieſem tändeln ſah, ver⸗ finſterten ſich ſeine Mienen.

So vertheidigen Sie ſich doch! rief ihm entrüſtet der beigegebene Anwalt zuerklären Sie ſich nicht ſchuldig!

Alle Wetter! rief plötzlich Langlade laut,natürlich fühle ich mich nicht ſchuldig!

Sie fühlen ſich nicht ſchuldig? ſprach der Präſident, und haben doch in der Vorunterſuchung Ihre Schuld be⸗ kannt? Kann man denn zugleich glauben, daß man einen Mord begangen und nicht begangen hat?

Freilich kann man dies, rief noch lauter der Bandit, ich habe einen Menſchen getödtet, aber Ihren Moritz Vidal da, von dem Ihre Anklage handelt, habe ich nicht getödtet!

Wie heißt denn der Menſch, den Sie ermordet haben?

Ich weiß es nicht; aber er hieß anders!

Wer hat Sie das glauben machen?

Der Herr General Staatsanwalt dort! Derſelbe ſprach eine volle Stunde von einer Wunde des Opfers, von Blut, von einem Meſſer und Schlafcabinet ich habe meinen Mann mit dieſer Fauſt, ſehen Sie her, mit dieſer Fauſt zu Boden geſchmettert, und zwar unter einem Thorweg, und nicht in einem Schlafcabinet!

War es in der Rue de la Paix, begingen?

Ja wohl; die Nummer kenne ich nicht; es war etwa 10 Uhr Abends!

Und dieſes geſchah im October vergangenen Jahres? Gegen das Ende deſſelben!

wo Sie den Mord

jene Zeit einer meiner Freunde unter

Danit haben Sie Ihre Verdammung ausgeſprochen, erklärte der Präſident,kein Anderer als Moritz Wdal wurde dort um jene Zeit ermordet!

Langlade zuckte verächtlich die

Blick auf ſeine Geliebte.

Erlauben Sie mir eine Bemerkung! wandte in dieſem Augenblicke ein Mitglied der Geſchworenen ein,ich entſinne mich, Herr Präſident, daß in eben jener Straße und um eben einem Thorwege todt gefunden worden iſt. Derſelbe war, wie ich und viele ſeiner Freunde damals überzeugt waren, augenſcheinlich vom Schlage gerührt. Die linke Schläfe zeigte einen breiten ſchwarzen Fleck, was, wie wir annahmen, von dem Sturz auf das Steinpflaſter herrührte!

DerPräſident, der General⸗Staatsanwalt, die Geſchworenen, die Zeugen und das ganze Publikum geriethen in tiefes Erſtaunen. In fünf Minuten war die Sitzung aufgehoben und der Proceß abermals gehemmt. Für Julia, welche als Zeugin erſchienen war und die Erlaubniß erhalten hatte, ſich nach geſchehener Ausſage entfernen zu dürfen, war noch Langlade der Mörder ihres Gatten, und ſie war überglücklich, Savari nun voll⸗ ſtändig unſchuldig zu wiſſen.

Vibert ſelbſt, dem Savari ein ſiegreicher Rival geworden, hatte in deſſen Intereſſe gehandelt, indem er Julien die erſten Zeitungsnachrichten über den Langlade'ſchen Proceß überbrachte, als ſie von der Nichtſchuld ihres unglücklichen Anbeters ſich noch nicht genügend überzeugt hatte. Das Drama in der Rue de la Paix, wie es die Tagesblätter auffaßten, ließ ihr Savari als den unverdient Leidenden erſcheinen. Kein Wunder alſo, wenn ſie, jung, ſchön und gefühkvoll, ſeiner leidenſchaft⸗ lichen Liebe endlich nicht mehr zu widerſtehen vermochte!

Vibert, der mit eigenen Augen geſehen, wie weit das Verhältniß zwiſchen Julia und Savari gediehen war wußte, daß er nichts zu hoffen habe. Die Erklärung Langlade's gab dem Polizei⸗Agenten neues Leben: ſein Verdacht gegen Savari wurde jetzt aufs Neue rege. Vielleicht konnte ihm ein Zuſall den verhaßten Nebenbuhler als den wahren Mörder enthüllen; war jener dennoch ſchuldlos, ſo mußte ſeine amtliche Thätig⸗ keit in dieſer Sache ihm wenigſtens geſtatten, der jungen Witwe häufig zu nahen und den Zauber ihrer Perſönlichkeit zu empfinden. Eines Abends finden wir Julia und Savari wieder beiſammen, glücklich in dem Bewußtſein ihrer Liebe. Beide intereſſirten nicht im Mindeſten die politiſchen Ereigniſſe, die in eben dieſem Jahre, in eben dieſen Tagen das Geſchick Frankreichs entſchieden. Julia, der traurigen Vorgänge in Paris müde, wünſchte mit dem Geliebten in der Schweiz zu leben, und Savari hieß dieſen Plan begeiſtert willkommen. Er fühlte ſich ſo unausſprechlich glücklich, und blickte ſchweigend der Geliebten in die dunklen, eine ganze Welt von Liebreiz und Wonne verheißenden Augen.

Savari erzählte aus ſeinem Leben, er ſprach von dem Leichtſinn der Jugend und den Kämpfen im Mannesalter.

Unglücklich, höchſt unglücklich, fuhr er dann bewegt fort,macht mich für immer eine Stunde meines Lebens: ich werde ewig unter Der Laſt dieſes Geheimniſſes leiden, ich fühle mich ſchuldlos und muß mich doch verdammen doch laß es mich dir hier offenbaren, Geliebte. Du biſt edel und einſichtsvoll; höre mich an und vergib einem Mörder!

Julia fuhr empor. Draußen ließ ſich ein dumpfer Laut

Achſeln, und wandte den

vernehmen Beide hörten ihn nicht.

Savari fuhr fort:

Höre mich, Julia, und verzeihe mir! Ich ſchuldete einem Manne eine bedeutende Summe. Wir hatten oft zuſammen Geſchäfte gemacht, ich hoffte ihn daher zu bewegen, meinen Seiegen erſt in etwa drei Wochen genügen zu dürfen. Ich trank ein Glas Wein mehr wie gewöhnlich, um mir Muth einzuflößen, und begab mich zu meinem Geſchäftsfreunde. Er

empfing mich in ſeinem Schlafcabinet und ſeine Sprache war beleidigend..

6 Ich bat und flehte um Nachſicht. Ich bewies ihm,

daß

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ich, beſtände er auf ſofortige Zahlung, total ruinirt wäre er ſpottete meiner.

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