Jahrgang 
1867
Seite
746
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Anſchauungen entſprechen, oder Mützen.

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zerſtören, durch anmaßende Forderungen den reinen Genuß trüben!

Hier wurde unſer Kahn über einen Damm geſchoben, und gelangte in ein anderes Fahrwaſſer, welches uns unſerem Beſtimmungsorte Burg zuführen ſollte. Die Wieſen ver⸗ ſchwanden, wir ſahen Kornfelder, größere Landſtrecken mit Gemüſen bepflanzt, ſchöne einzeln ſtehenden Baumgruppen neben den Gehöften. Das Waſſer wurde ſchmaler, wir fuhren durch hochſtehende Brücken. Bald ſetzte uns unſer Fährmann an das Land und wir gelangten in einer Viertelſtunde nach Burg zu dem im Bloch'ſchen Reiſebuche als glänzendes Hotel geſchilderten Ponck'ſchen Gaſthofe. Obgleich wir aber die erſten dort ankommenden Fremden waren, ſo bedurfte es doch der Freundlichkeit eines daſelbſt ſchon wohnenden Herren, um uns mit Zimmer und Bett zu verſehen; eine größere mit uns gleichzeitig ankommende Geſellſchaft mußte mit Ausnahme dreier Damen auf Stroh ſchlafen.

Frühzeitig machten wir uns am andern Morgen auf, um den Kirchgang der Leute zu beobachten. Das Dorf Burg iſt in mancher Beziehung merkwürdig. Es beſteht näm⸗ lich aus drei, auf den Raum einer Quadratmeile vertheilten Ortſchaften: dem Dorfe Burg mit eng aneinander gebauten Häuſern, der Kauper⸗(Büdner⸗) Gemeinde und den Coloniſten. Im ganzen Orte befinden ſich 700 Häuſer mit 4000 Ein⸗ wohnern, drei Schulzen, fünf Schulen, eine Apotheke, zehn Kaufleute und viele Handwerker. Die zahlreichen Spree⸗ arme ſind überall mit den eigenthümlichen Spreewaldſtegen überbrückt.

Am erſten Pfingſtfeiertage gehen hauptſächlich die ver⸗ heirathen Frauen und Männer in die Kirche. Die Tracht der Männer weicht nicht ſehr von der gewöhnlichen Bauerntracht ab. Die Röcke ſind ſchwarz oder dunkelblau, viele tragen hohe Stiefel, Hüte, die freilich nicht ganz unſeren modernen Die Frauen ſind ebenfalls mit dunkeln Röcken und ſchwarzen Jacken bekleidet; ein großes, in Wolkenform umgelegtes Tuch als Kopfputz, weiße Strümpfe und Lackſchuhe vollenden den Sonntagsſtaat. In der Hand tragen ſie das Geſangbuch und unter demſelben das Taſchentuch. Zur Ausrüſtung gehört ferner noch ein großer baumwollener Regenſchirm mit Meſſingſpitze. Männer und Frauen wandeln getrennt zur Kirche und haben in derſelben auch geſonderte Plätze. Was aber am meiſten auffällt, iſt der Umſtand, daß ſämmtliche Frauen barfuß im Dorfe an⸗ langen, in einem Bündelchen Strümpfe und Schuh tragend; erſt an irgend einer geeigneten Stelle, an einer Hecke, neben einem Buſch, an einem kleinen Abhang ſetzen ſie ſich und be⸗ endigen ihre Toilette. Die Kirche iſt groß und dunkel; ſie war des Feſtes wegen erleuchtet, die Männer ſitzen auf dem Chor; die Frauen, gleich gekleidet, im Schiff der Kirche folgen der Predigt mit großer Andacht; die Feier hat etwas ſehr

Erhebendes; die großen weißen Kopftücher und die ſteifen Freſen verleihen den Frauen etwas Nonnenhaftes.

Wir verließen bald die Kirche, ſahen uns im Dorfe um und wandelten nach dem nahen Schloßberge, von welchem man eine weite Ausſicht genießt über die große Ebene.

Eine Stunde nach unſerer Rückkehr in den Gaſthof kamen

ſchaarenweis Beſucher an aus Berlin, meiſt vollſtändig durch⸗

näßt vom Regen, Herren und Damen in wunderlichen Auf⸗ zügen; vergeblich ſuchte mancher ein Plätzchen; Rufe nach Cognak und Wein erſchollen; die Damen, denen ein Stroh⸗ lager bevorſtand, beklagten ihr Schickſal, welches Ihnen ſchon in Lübbenau nichts Beſſeres gewährt hatte. Inzwiſchen hatte ſich das Gerücht verbreitet, ein alter Herr ſei ins Waſſer gefallen und wäre ganz durchnäßt hier angekommen. Wir boten unſere Zimmer an, als wirklich ein ſehr ehrwürdig aus⸗ ſehender Herr erſchien. Da gab es komiſche Situationen, etwa: Sie ſind ins Waſſer gefallen, das thut uns leid, bitte wollen Sie nicht eintreten?Ins Waſſer gefallen bin ich gerade nicht, aber ſehr durchnäßt. Der Eintritt erfolgt. Drinnen ein anderer:Wir haben ſchon von Ihrem Unglück gehört, ſie ſind ins Waſſer gefallen.Verzeihen Sie, ich bin nur vom Regen naß.Bitte treten Sie hier hinein Ein dritter im andern Zimmer:Das iſt der Herr, der ins Waſſer gefallen iſt?Verzeihen Sie, ich bin nur durchnäßt. Der Wirth, eintretend:Wo iſt der Herr, der ins Waſſer fiel? Der beſagte Herr glaubte nun wirklich, daß man ihn zum Beſten habe, ſo unſchuldig auch die Geſellſchaft war.

Am zweiten Feiertage beobachteten wir den Kirchgang der jungen Mädchen. Es gewährte einen ungemein lieblichen Anblick, die vielen bunten Geſtalten von allen Seiten über die Felder der Kirche zueilen zu ſchen. Auch ſie kamen bar⸗ fuß, und machten erſt im Dorf höchſt ungenirt Toilette. Farbe und Beſatz der Röcke ſind oft verſchieden, im Allgemeinen herrſcht jedoch der rothe Rock mit blauem Beſatze vor. Alle tragen ein Sammetmieder, ein weißes Jäckchen mit geſtickten lurzen Aermeln; ein farbiges wollenes Buſentuch. Alle haben ferner das große zuſammengefaltete Kopftuch, unter deſſen Hülle oft ein paar feurige Augen recht einnehmend hervorſchauen.

Am zweiten Feiertage kehrten wir auf unſerer Rückreiſe in Leipe ein und hatten die Ueberraſchung, nach einer im Spreewald herrſchenden Sitte, im Vorbeifahren von kleinen Mädchen mit Blumen beworfen zu werden. Es hat ſo etwas Angenehmes, auch einmal ſich gefeiert zu ſehen, da man doch als gewöhnliches Menſchenkind, ich meine uns, die wir nicht Schützen, Sänger, Turner u. ſ. w. ſind eigentlich dazu keine Berechtigung hat, daß wir die Werferinnen mit einigen kleinen Münzen entſchädigten und recht vergnügt die Rückfahrt nach Berlin antraten.

Beiſtehendes Bild, welches aus der Kirche heimkehrende Burger darſtellt, mag das oben Angeführte erläutern.

Ein geheimnißvolles Dramn.

Von A. Belot. (Fortſetzung.)

Nachdem man wieder über mehr gleichgültige Dinge ge⸗ ſprochen, nahm Vibert den Arm ſeines Gegners, ſchritt mit ihm, hin und her plaudernd, mehrere Male im Zimmer auf und ab und blieb zuletzt wieder an derſelben Stelle mit ihm ſtehen, wo auf dem Tiſch das verhängnißvolle Meſſer lag. Dann ſagte er:

Dieſes Meſſer alſo, das ich gekauft, ſollte, meinen Sie, mir zu gar nichts nutzen?

Ich glaube nicht; die Spitze iſt abgebrochen ſehen Sie ſelbſt nach! antwortete Savari, indem er ruhig wieder ſeinen Platz einnahm.

Leicht zu erklären, bemerkte Vibert,dieſe Spitze traf, ſie dem Opfer durch den Leib fuhr, offenbar eine Rippe!

Was? rief Savari entrüſtet,hätte man wirklich mit dieſem Meſſer Jemand niederzuſtechen verſucht?

Und der Stich war ſogar tödlich!

Wer ſagte Ihnen dies?

Mein Führer wer denn anderes? Wähnen Sie übrigens, daß ich Gegenſtände dieſer Art kaufe, ohne mich mit deren Urſprung und geſchichtlicher Bedeutung bekannt gemacht zu haben?? Dieſes Meſſer hat ſein hiſtoriſches Gewicht; es war Eigenthum eines jungen Mannes, welcher im October vorigen Jahres zu Paris und zwar in der Rue de la Paix Nr. 6 ermordet worden!

Savari fuhr zuſammen.

Dieſer junge Mann fuhr Vibert fort,hieß hören

Sie. jetzt entfinne ich mich ſeines Namens.. er hieß...