Jahrgang 
1867
Seite
703
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einem Unternehmen, deſſen Prosperirung, gelinde geſagt, zweifelhaft erſcheint, abhängig machen, weil es Ihnen augen blicklich beſſere Chancen bietet? Der Romancier, ein Mann von Herz und Gefühl erwiderte:Durch zehn Jahre habe ich in Ihrem Dienſte viele Tauſende Unglücklicher, die mir nie etwas zu Leide gethan, unbarmherzig umgebracht; ich will noch weitere zehn Jahre für Sie ſchreiben und an jedem Sonntag, wie auch an den zahlreichen(katholiſchen) Feiertagen eine noch nie dageweſene Mordgeſchichte mit gräßlichen Detailſchilderungen liefern, wenn Sie mir nach Ablauf meiner Dienſtzeit meinen halben Gehalt als Penſion, oder als Witwengehalt für meine Frau notariell zuſichern. Und ſein Wille wurde alſogleich erfüllt.

Das Unheimlichſte aller Tagesgeſpräche, die man ſich nur ſchüchtern ins Ohr zu flüſtern wagt, iſt der Bericht über die Aufnahme, welche die Nachricht von dem Tode des Kaiſers Maximilian bei ſeiner Mutter, der Frau Erzherzogin Sophie gefunden hat, der Kaiſer Franz Joſeph ſelbſt war es, welcher die Trauerbotſchaft überbrachte und ſich zu dieſem Behufe nach Salzburg verfügte. Die Frau Erzherzogin wollte und konnte nicht daran glauben, daß ein Habsburger hinge⸗ richtet worden ſei, in furchtbarer Aufregung hörte ſie nicht die zu ihr geſprochenen Worte, und nachdem ſie wiederholt worden waren, vermochte ſie die Bedeutung der inhalts⸗ ſchweren Sätze nicht zu faſſen. Ihr Geiſt ward umnachtet, ſie fiel in Ohnmacht. Als ſie wieder zu ſich gebracht wurde, war ihre erſte Frage, wo der Kaiſer Franz Joſeph ſei, ſie llammerte ſich an ihn und beſchwor ihn, nach Wien nicht mehr zurückzukehren. Tags darauf wurde der Kaiſer zum erſten mal in Wien in Civilkleidung geſehen. Die inländiſchen Blätter brachten nur einige ſchüchterne Andeutungen über den Gemüthszuſtand der Frau Erzherzogin, welche von derWiener Abendpoſt in einem ſehr milden Tone, der von dem ſonſt üblichen kategoriſchen Imperativ dieſes Blattes ſeltſam ab⸗ ſticht, dementirt wurden. Ferner hielten es die Leiter des

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Preßbureau für nothwendig, die Reſidenzblätter theils per⸗ ſönlich, theils durch vertrauliche Schreiben dringend zu er⸗ ſuchen, auf die weitere Mittheilung von Nachrichten über den Geſundheitszuſtand der Frau Erzherzogin zu verzichten. Bis jetzt wurde dieſe freundliche Ermahnung allſeitig befolgt. Unſer Abgeordnetenhaus wurde neulich von einem der erſten praktiſchen Aerzte Wiens mit jenen Herren verglichen, welche in ihren alten Tagen junge Frauen geheirathet haben. Vor der Welt ſind ſie mit Küſſen und andern Gunſtbe⸗ zeigungen erſtaunlich liberal, tragen ihre Frauen auf den Händen, und dennoch bleibk ihre Ehe eine unglückliche. Auch in unſerm Abgeordnetenhaus werden ſehr liberale, ſchwung volle Reden gehalten, und das Reſultat iſt ein politiſcher Wechſelbalg, den Niemand, als lediglich ſein Erzeuger ſchön findet. Unſer Abgeordnetenhaus hat über die Aufhebung der Todesſtrafe debattirt und beſchloſſen, daß rechtſchaffene Bürger keinesfalls mehr hinzurichten ſeien, und die Todes⸗ ſtrafe für dieſe Menſchenklaſſe abgeſchafft werde; dagegen ſeien

Räuber, Mörder, Attentäter und ähnliches Geſindel wie bis⸗

her dem Henker verfallen, und wird vielleicht demnächſt ein Concurs auf die Erfindung einer allen humanen Anforderungen am beſten entſprechenden Hinrichtungsmaſchine ausgeſchrieben werden. Wie konnten die Klerikalen, welche dem Menſchen als Weſen höherer Art den Rang über dem Thiere und nur eine Stufe unter der Bottheit anweiſen, dafür ſtimmen, daß das Ebenbild Gottes gleich dem Thiere geſchlachtet werde, daß, wenn die Seele entflohen, der Menſchenleib, den ſie ſo hoch achten, im ungeweihten Winkel des Friedhofs verſcharrt werde? Leugnet ihr die Abſtammung des Menſchen vom Affen, ſeid ihr von chriſtlicher Liebe durchdrungen, ſo ver⸗ greift euch nicht an euerm Nebenmenſchen, der, wie ihr ſelbſt ſaget, noch als Verbrecher euer Bruder bleibt. Wie konnten die Liberalen für ein Geſetz ſtimmen, das ihren eigenen Kopf bedroht, wenn der obere Wind ſich dreht?

Feunilleton.

Die Kunſt mit Wilden zu ſpeiſen.

Ich ruderte erzählt ein Reiſender den Waikatv, einen Fluß in Neuſeeland, hinauf nach einem Orte, welcher Meri Meri hieß. Der Fluß macht hier vielfache Krümmungen und ich fand, daß eine Strecke von etwa zwei Meilen Land ſehr oft fünf bis ſechs Mal von dem Fluſſe durchſchnitten ward.

Endlich kamen wir an eine weit in den Fluß hineinragende Land⸗ zunge, eine Art Halbinſel, und die Eingeborenen ſagten mir, wenn wir unſern Weg über dieſe nähmen, ſo könnten wir den Ort meiner Beſtimmung noch dieſe Nacht erreichen; wollten wir dagegen unſere Reiſe blos auf dem Waſſerwege fortſetzen und dem Fluß in allen ſeinen Krümmungen folgen, ſo würden wir dazu noch einen vollen Tag brauchen.

Demgemäß ſtieg ich ans Land und begann den Marſch über die Landzunge. Ich hatte ſchon ein langes und ermüdendes Tagewerk zu Fuße, zu Pferde und im Kahne gehabt. Es war kurz vor Sonnen⸗ untergang, als wir aufbrachen, zwei Eingeborne und ich, jeder mit einer Laſt von 50 60 Pfund auf dem Rücken.

Anfangs marſchirten wir in gewöhnlichem Schritte, allmählich aber mochten in meinen Begleitern Gedanken an Heimat, Weib und Willkommen erwachen und ſie die Müdigkeit vergeſſen laſſen. Ohne ſich daher an mich, dem ſolche Genüſſe nicht bevorſtanden, zu kehren, fielen ſie in eine Art Hundetrab, in welchem dieſe Leute ſich gewöhn⸗ lich fortzubewegen pflegen, und ich mußte mit, denn ich wagte nicht allein zurückzubleiben.

Es war beinahe Mitternacht, als wir das hell vom Mond be⸗ leuchtete Dorf, die Heimat meiner Gefährten, erreichten. Eine ganze Meute Hunde kam, uns mit ihrem Gebell bewillkommnend, uns ent⸗ gegengeſtürzt. Ich, der ich natürlich keine Luſt hatte, mich von den zudringlichen Beſtien in die Waden beißen zu laſſen, hielt mich klüg⸗ lich hinter den beiden Eingebornen und überließ es dieſen, den Gruß zu erwidern oder nicht.

Der Lärm lockte die Bewohner aus ihren Hütten und die beiden Weiber meiner Begleiter kamen herbeigerannt, um ſich mit ihren tätowirten Ehemännern die Naſen zu reiben, was die auf Neuſeeland übliche Begrüßungsweiſe iſt.

Ich hatte leider hier Niemanden, der ſich auf meine Ankunft gefreut hätte und mir entgegengeeilt wäre. Ich blieb daher ſtehen und ſah zu. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo erſpähte mich ein

unter dem Haufen befindliches altes Weib, und da ich fürchtete, ſie habe Luſt, mich den eben erwähnten Mangel vergeſſen zu machen, ſo zog ich mich noch weiter in den Hintergrund und ſetzte mich auf einen hier liegenden umgefallenen Baumſtamm.

Ich begann ſodann meine Pfeife zu ſtopfen und hoffte ſchon, mich eine Weile ungeſtört dem Genuſſe des Qualmens hingeben zu können, als die Alte mich unglücklicherweiſe abermals ergatterte, auf mich zu⸗ geſtürzt kam, mich beim Kopfe faßte, ihre Naſe an die meinige preßte und wiederholt auf⸗ und abwärts daran rieb, während ſie zu⸗ gleich ein klägliches Gewinſel hören ließ.

Ihr Athem erinnerte allerdings nicht an Arabiens Wohlgerüche, doch fügte ich mich in das, was einmal unvermeidlich war, und hoffte nur, daß die Haut meiner Naſe ganz bleiben möchte. Alles auf der Welt aber hat ſein Ende; dies war auch mit dieſer Begrüßung der Fall, und ich wendete meine Aufmerkſamkeit wieder meiner Tabacks⸗ pfeife zu.

Nach einiger Zeit erhob ich mich und näherte mich dem Feuer, an welchem unſer Abendbrot bereitet ward, und um welches herum drei andere ebenſo abſtoßend häßliche alte Weiber mit roth unter⸗ laufenen Augen und blauen aufgedunſenen Lippen hockten. Ich dachte unwillkürlich an die Hexen Macheth's, bezweifelte aber, daß dieſelben einen ſo abſtoßenden Anblick dargeboten, als dieſe widerwärtigen alten Neuſeeländerinnen.

Nicht ohne Furcht, daß mir von ihnen eine abermalige Bewill⸗

kommnung bevorſtünde, wollte ich mir Feuer für meine Pfeife aus⸗ bitten. Um eine glimmende Kohle unter dem Keſſel hervorzuholen,

verſuchte ich ebenſo niederzuhocken wie die alten Hexen, benahm mich aber dabei ſo ungeſchickt, daß ich mit dem einen Fuß ausglitt und rücklings niederpurzeite.

Die drei Neuſeeländerinnen waren Häuptlingsweiber und folglich zu fein gebildet, um über mich zu lachen. Sie gaben mir vielmehr ihr Bedauern zu erkennen und fragten mich, ob ich hungrig ſei.

Das bin ich allerdings ſagte ich mit Nachdruck, denn ich war es wirklich.

Na, ſagte die Eine,vielleicht iſt das Fleiſch bald weich.

Indem ſie dies ſagte, fuhr ſie mit zwei Fingern in den Keſſel, nahm ein Stück von dem darin kochenden Fleiſche heraus und biß verſuchsweiſe hinein.

Koa Nein, es iſt noch nicht weich! rie ſie und warf das Fleiſch vor meinen Augen wieder in den aiſte