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er ſich ohne Zweifel vormals in ein Bild nach ſeiner Lage„Leider bin ich nicht allein!“
hineingelebt; er hatte eine Maske über ſein Antlitz gezogen,„Ach?!“
und dieſen Zügen die nothwendige Stetigkeit aufgedrückt.„Ja, ich führe eine Dame mit mir, eine Landsmännin;
Sein Heil konnte ja von einer Geberde, einem Blick, oder ſie würde jedenfalls von dieſem kleinen Unterricht gern Vor⸗
einem plötzlichen Wechſel ſeiner Geſichtsfarbe abhängen! Bei theil ziehen, und wenn Sie damit einverſtanden ſind....?
Pelagie war er des Umſtandes, Geberden und Gefühle„Wo ſteckt denn die Dame?“
ſimuliren zu müſſen, überhoben; er wähnte deshalb, daß Nie⸗„Dort ſitzt ſie ganz verſteckt. Sie kennt hier Nieman⸗
mand ihn beobachte; alle Spieler hatten ihr Auge auf die den, ſpricht das Franzöſiſche nur dürftig und iſt äußerſt
Karten geheftet und dachten nicht an ihn. So nahmen denn furchtſam.
ſeine Züge ihren gewöhnlichen Zuſchnitt an, und Julia, welche Es war das erſte Mal, daß Savari's und Julia's Blicke
ſich ſehr dafür intereſſirte, dieſelben zu ſtudiren, machte wichtige ſich kreuzten.
Entdeckungen. Die Gattin Vidal' hielt muthig den erſten Zuſammen⸗ Was ſie hauptſächlich und über Alles ergriff, das war ſtoß aus; ſie verrieth ihre innere Aufregung nicht. Der Vorſicht
die tiefe Traurigkeit, welche auf dem Antlitz des Savari halber ſchritt übrigens Vibert friſch auf Julia zu und ſtellte
ruhte. Dieſer Menſch mußte einen tiefen Schmerz fühlen; ſie Savari vor.
er mußte die Beute einer tiefen Entmuthigung oder ſeiner„Ohne die Liebenswürdigkeit von Madame d'Ermont“, Gewiſſensbiſſe wegen einer wahren moraliſchen Tortur aus⸗ ſagte er zu dem Letzteren,„welche die Güte hatte, uns zu geſetzt ſein. dieſem ausgezeichneten Feſte einzuladen, hätten wir wahrlich
Seine Wangen waren abgemagert, ſein Antlitz war bleich nicht gewußt, was wir mit unſerer Abendzeit anfangen ſollten! geworden. Seine Lippen allein, die er im Sturm einer Ach, Paris iſt himmliſch! Aber es erſcheint wüſt, wenn, wie heftigen Unruhe oder infolge einer nervöſen Erſchütterung es uns geht, man Niemanden darin kennt. Verzeihen Sie“, unaufhörlich mit ſolcher Gewalt biß, daß ſie faſt bluteten, fuhr er, plötzlich ſich unterbrechend, fort,„verzeihen Sie mir hatten ihr blühendes Colorit aufbewahrt. dieſe echt italieniſche Geſchwätzigkeit; Sie haben hier jedenfalls
Wiewol man hätte annehmen dürfen, daß Savari ſich etwas Anderes zu thun, als mich anzuhören, und wenn Sie für die Partie, die ſpeben geſpielt wurde, intereſſire, nahm mich jetzt ein wenig unterrichten wollen, ſtehe ich ganz zu er doch nicht thätig an, derſelben theil. In der Rechten Ihrer Verfügung! hielt er eine Hand voll Goldſtücke; aber ſo oft er ſie ſetzen„Meine theuere Freundin“, fügte er, gegen Julia ge⸗ wollte, zog er die Hand wieder zurück. wendet, hinzu,„der Herr iſt gütig genug, uns das Spiel
„Was nützt es mir?“ ſchien ſein entmuthigter Blick zu begreiflich zu machen, jenes Baccara⸗Spiel, deſſen im ver⸗ ſagen;„was habe ich davon, ob ich gewinne oder verliere? gangenen Winter zu Neapel, wie Sie wiſſen, ſo oft Erwähnung Was wäre es für ein Vortheil für mich, wenn ich einige gethan worden! Es ſcheint, daß man darin tolle Summen Louis mehr beſäße?“ verſpielen kann. Um ſo beſſer— wir wollen's wagen!“
Plötzlich fühlt er ſich bei der Schulter berührt. Savari nahm auf dem Kanapee neben Julia Platz,
Es war Vibert, welcher ihn ebenſo aufmerkſam beob⸗ Vibert gegenüber, und es begann die verſprochene Erklärung. achtet hatte, wie Julia, und der allmählich herangeſchlichen war. Kaum war der Unterricht zu Ende, als man am Spiel⸗
„Verzeihen Sie, mein Herr“, ſagte der Polizeiagent mit tiſche die Stimme der Spanierin vernahm, welche rief: der bekannten italieniſchen Accentuirung,„alle hier anweſenden„Zehn Louis die Bank— hält ſie Niemand?“ Perſonen ſind mit dem Spiel beſchäftigt; Sie allein halten„Ich habe große Luſt, es zu verſuchen“, ſprach Vibert, ſich beiſeite! Würden Sie vielleicht ſo gefällig ſein und indem er ſich erhob. mir einen Dienſt erweiſen?“„Das rathe ich Ihnen nicht!“ bemerkte Savari.
„Was denn für einen Dienſt, mein Herr?“ antwortete„Weshalb denn nicht? Ich kenne jetzt das Spiel— ziemlich froſtig Savari, nachdem er den Fragenden ins Auge Dank Ihrer Bemühung...“ gefaßt.„Sie ſind noch nicht ſtark genug, um ſich mit der
„Ich bin ein Fremder, bin, wie Sie dies leicht an Perſon zu meſſen, welche augenblicklich die Karten in der meiner Ausſprache erkennen werden, ein Italiener und ſehr Hand hat.“ wenig bekannt mit der Partie, die ſoeben vor meinen Augen„Genug! Man weiß es nicht“, erwiderte Vibert, der
geſpielt wird. Gern wünſchte ich, daran theil zu nehmen, einer- den Moment gekommen ſah, wo er geſchickt Julia und Savari ſeits, um mich zu zerſtreuen, anderſeits, weil ich einen gewiſſen einander näher bringen konnte. Er trat an den Spieltiſch, Hang für das Kartenſpiel hege. Würden Sie mir die Liebe er⸗ wo man ihm Platz zu machen ſich beeilte, denn er hatte wohl⸗ weiſen, mir einen Moment zu opfern und mich in dieſes be⸗ weislich und nicht ohne Abſicht ſein Portefeuille aus der Taſche rühmte Spiel einzuweihen, von dem ich dort unten in Italien gezogen, welches mit Banknoten förmlich ausgeſtopft zu ſein bereits ſo viel gehört, das ich aber bis jetzt noch nicht ſchien. kenne?“ In der That aber hatte er dieſem Portefeuille mit einer „Dem ſteht nichts im Wege, wenn es Ihnen angenehm außerordentlichen Kunſt die betreffende Anziehungskraft ver⸗ iſt, mein Herr“, antwortete Savari, ohne von ſeiner Steif⸗ liehen: zwei oder drei Banknoten— die Frucht ſeiner Spar— heit abzulaſſen. Jſamkeit— hüllten eine Menge werthloſer Papiere ein und
„Ich danke beſtens! Ich dürfte alſo neben dieſen Damen bildeten auf dieſe Weiſe kleine Päckchen, auf welchen man Platz nehmen und einige Banknoten riskiren, ohne mich auf⸗ die unverſchämte Aufſchrift fand: fünftauſend, zehntauſend, fallend lächerlich zu machen?“ fünfzehntauſend Francs!
„Was das anbetrifft, mein Herr, ſo erlauben Sie mir, Dieſes Schauſpiel machte auf die Spieler, mehr noch auf Ihnen mitzutheilen, daß man vor dieſen Damen niemals ſich die Spielerinnen, einen gar gewaltigen Eindruck, ein Umſtand, lächerlich macht, wenn man einige Banknoten wagen will.“ den ſich Vibert zu Nutze machte, einige Louis zu wagen.
„Wahrlich, vielleicht lieben ſie dieſelben gar?“ ent⸗ Wenn er überhaupt ſpielte, geſchah dies lediglich in der gegnete Vibert lachend, indem er ſo ſehr näſelte, als es ihm Abſicht, um keinen Verdacht zu erregen und ſeine Rolle als nur immer möglich war. reicher Ausländer richtig zu Ende zu ſpielen. Im Uebrigen
„Sie beten ſie an!“ rief Savari. war ihm das Spiel ebenſo bekannt wie ſeinem Profeſ or
Er nahm vom Kamine ein Spiel Karten, das die Spieler Savari. Zwei Monate vorher, ehe das Verbrechen in der übrig gelaſſen, und kehrte zu Vibert zurück, welcher neben dem Rue de la Pair begangen worden, war er beauftragt ge⸗
Spieltiſche ſtand. weſen, in ein geheimes Spielhaus hinabzuſteigen, um die „Würden wir nicht beſſer daran thun, wenn wir uns Juſtiz über die Art des Spiels, das man dort ſpielte, zu be⸗ hierbei ſetzten?“ fragte der Polizeiagent. lehren. Vibert wagte einen Louisdor, und gab denſelben
„Ganz nach Belieben— hier ſind Seſſel!“ verloren, aber ſtatt deſſen gewann er einen zweiten, zehnten,
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