Jahrgang 
1867
Seite
666
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Mein Herr! Ich wieder hole Ihnen! Sie, Madame. Es iſt dies das einzige Mittel, zu unſerm Ziele zu gelangen. Savari kennt Sie nicht, hegt alſo keinen Verdacht gegen Sie. Sie kreuzen ſein Leben, erforſchen ſeine Vergangenheit, theilen ſeine Exiſtenz und werden ihn früher oder ſpäter entlarven. Einem ſolchen Gegner gegenüber, fuhr Vibert fort, indem er Julia, die ſich noch immer von ihrem Erſtaunen nicht erholen konnte, ſcharf fixirte,reichen die gewöhnlichen Mittel nicht aus. Ihn zu ergründen, bedarf es noch nie dageweſener, bizarrer Maß⸗ nahmen; ich ſuchte ſolche und glaube ſie gefunden zu haben. Sie werden die Delila dieſes neuen Simſon ſein, werden ihm die Haare abſchneiden und er ſelbſt wird ſich den Philiſtern überliefern. Aber dies Project iſt ja unerhört! rief Julia. Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei. Es iſt unausführbar! Sie irren! Wenn Sie mich unterſtützen, werde ich es ausführen. Ich bedürfte dazu eines übermenſchlichen Muthes. Sie werden ihn haben. Ich werde mich verrathen. Niemals. Nehmen Sie meinen Plan an, ſo werden Sie nur den einen Gedanken haben, dieſen Plan gelingen zu machen, Savari wird ſich verrathen und Ihr Gatte gerächt werden. Julia's Antlitz war todtenbleich geworden. regung und Beſtürzung Vibert ſtand auf, zur Thür. Madame, ſagte er,ich komme morgen um dieſelbe Stunde wieder; wenn Sie, wie ich hoffe, mir die Annahme meines Plans mittheilen, werde ich Ihnen denſelben ausführ⸗ licher auseinanderſetzen. Aber rief Julia und machte eine Bewegung, als wollte ſie den Beamten zurückhalten. Morgen, wiederholte dieſer, verbeugte verſchwunden.

Die Auf⸗ machte ihr jeden Laut unmöglich. nahm Hut und Stock und wendete ſich

ſich und war

Vibert hielt Wort und befand ſich am andern Morgen bei der jungen Witwe. Sie ſchien ſeine Ankunft bereits er⸗ wartet zu haben.

Ich habe viel nachgedacht, ſagte ſie,und weil es denn, wie Sie ſagen und ich auch glaube, kein anderes Mittel gibt, glaube ich, Ihren Plan annehmen zu müſſen.

Sehr wohl, Madame.

Vibert ging nun ſofort ans Werk und ſetzte Julia Alles auseinander, was ihr zu wiſſen nöthig war. Zwei Stunden ſpäter machte er ſich ſchon an die Ausführung.

Nachmittag zwei Uhr ſchellte ein Mann an der Thür von Pelagie d'Ermont. Wer dieſen Mann auch noch ſo genau betrachtet hätte, würde ſchwerlich in ihm den Polizeiſpion Vibert erkannt haben. Er war ein vollſtändig anderer Menſch geworden. Sein ganzes Aeußere hatte ein geckenhaftes, lächer⸗ liches Ausſehen, ſeine Kleidung war untclhaſt. aber auffällig, an ſeiner Bruſt und ſeinen Fingern glänzten Diamanten, mit einem Wort, er glich aufs täuſchendſte jenen Gimpeln, die die Pariſerinnen ſo gern rupfen.

Iſt Madame zu ſprechen? Kammermädchen.

Ich weiß nicht genau, antwortete daſſelbe.Wollen Sie mir Ihren Namen ſagen?

Mein Name iſt Ihrer Herrin unbekannt, verſetzte Vibert in mangelhaften Franzöſiſch mit unverkennbar italieniſchem Accent;ich habe Empfehlungen von einigen Freunden. Ich komme von Neapel und wenn Sie Ihrer Herrin meine Karte übergeben wollen

Das Mädchen nahm die ihr dargereichte Karte, nöthigte den Fremden in ein elegantes Vorzimmer und entfernte ſich.

Nach wenigen Minuten erſchien Madame d'Ermont, eine kleine, beleibte, behäbige Blondine mit feinen Zügen, die das unverkennbare Gepräge früherer Schönheit trugen. Ein großer

fragte Vibert das öffnende

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Ueberwurf von blauer Seide ließ die Fülle ihrer Formen ahnen.

Herr Graf, ſagte ſie,ich bin entzückt, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Sie ſind mir warm empfohlen worden durch.

Durch mehrere meiner Freunde, fiel Vibert ihr ins

Wort.Unter Andern vom Marquis Santa Viecchini.

Ach der theure Marquis! Wo iſt er? Ich habe ihn ſeit fünf bis ſechs Jahren nicht geſehen. Sie kommen von Neapel, nicht wahr?

Direct von Neapel, Madame.

Und Sie ſuchen mich ſofort auf, das iſt reizend von Ihnen.*

Man hat mir ſo viel Schönes von Ihnen geſagt, und ich wäre untröſtlich, wenn ich Sie nicht gefunden hätte, ich wäre ganz allein, ohne jeden Freund, ohne ſelbſt einen Be⸗ kannten in Paris geweſen.

Armer junger Mann. Betrachten Sie mein Haus als das Ihrige. Aber was beabſichtigen Sie hier in Paris?

Ich will mich ein wenig zerſtreuen; ich habe in der letzten Zeit viel Kummer erlitten, vor wenigen Monaten ſind meine nächſten Verwandten geſtorben.

Beabſichtigen Sie, in Paris Ihren dauernden Aufent⸗ halt zu nehmen? fragte Madame d'Ermont geſpannt.

Vielleicht, wenn es mir gefällt.

Sie werden aber wiſſen, daß, um ſich hier zu gefallen, man viel Geld haben muß.

O, das iſt meine geringſte Sorge.

Dieſe Antwort machte den Fremden augenſcheinlich be⸗ deutend intereſſanter in den Augen der Dame.

Nennen Sie mir Ihre Neigungen, ſagte ſie zutrau⸗ lich,damit ich den Empfehlungen unſerer Freunde Ehre machen und Ihnen den entſprechenden Rath ertheilen kann.

Mein Gott, Madame, ich liebe Alles, was gut und ſchön iſt. Ich liebe die Geſellſchaft ſchöner Frauen.

Das iſt begreiflich, wenn man Sie anſieht, entgegnete Pelagie, indem ſie die Augen niederſchlug und zu erröthen verſuchte.Seien Sie offen, fuhr ſie fort,Sie ſind noch nicht oft grauſamen Frauen begegnet.

Vibert mußte an ſich halten, um nicht laut aufzulachen. Er wollte Madame d'Ermont an Artigkeit nicht nachſtehen, küßte galant ihre feine, weiße Hand und ſagte in albernem,

eingebildetem Tone:

Die Erfolge bei den Italienerinnen wollen nichts ſagen, ich komme, mit den ſchönen Pariſerinnen eine Lanze zu brechen..

Der Fremde kam der ſchlauen Kupplerin auf halben Wege entgegen und nach wenigen Minuten hatte er von ihr erfahren, daß gerade an demſelben Abende bei ihr eine Thee⸗ geſellſchaft wäre, wo ihm Gelegenheit geboten würde, die Bekanntſchaft ſchöner Damen zu machen.

Ach, Madame, ſagte Vibert,ich bin nicht Herr meiner Zeit, denn ich bin nicht allein in Paris.

Ah, Sie ſind verheirathet?

Nein, glücklicherweiſe nicht, antwortete Vibert, Madame d'Ermont zärtlich anſehend.

Und was hindert Sie denn ſonſt, meine Einladung anzunehmen?

Ich habe von Neapel eine meiner Verwandten mitge⸗ bracht. Auch ſie kennt Niemand in Paris und ich kann ſie nicht den ganzen Abend im Hotel allein laſſen. Nennen Sie mich nicht ausverſchämt, Madame, fuhr Vibert leiſe flehend fort,wenn ich Sie auch bitte, Ihnen meine Verwandte vor⸗ ſtellen zu dürfen?

Madame d'Ermont ſtutzte. Sie hatte wohl ſchon keinen hohen Begriff von den geſellſchaftlichen Vorzügen ihres Gaſtes, aber die Idee, daß er bei ihr eine ſeiner Verwandten ein⸗ führen wollte, überſtieg doch Alles. Pelagie mußte auf den Gedanken kommen, ihm ſei ihre Stellung unbekannt und doch konnte Vibert keine andere Ausrede gebrauchen. Er durfte Julia nicht als ſeine Gattin vorſtellen, da ſonſt der ga Plan von vornherein unmöglich geweſen, und ſo w