Jahrgang 
1867
Seite
648
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herz und Schwur.

Tiroliſche Kloſtergeſchichte von J. Mn. (Schluß.)

Das Glöcklein des K Andächtiger oder Neugieriger in die Kirche zur Feier der Einkleidung einer jungen Nonne; die verſchiedenſten Gerüchte wurden laut, warum das ſchöne, einſt ſo lebensſriſche Mädchen

lloſters zu** rief eine Schaar

der Welt Lebewohl ſage. Unglückliche Liebe, meinten Einige, ſei die Urſache, Andere behaupteten, ſie ſei ein Opfer der Intriguen der Verwandten ihres Geliebten. Nur Wenige wußten die Wahrheit, und dieſe Wenigen waren zu ergriffen und beſtürzt, um ſich Mühe zu geben, die Vermuthungen, welche wohl auch zu ihren Ohren drangen, zu berichtigen.

Ruhig, aber bleich wie der Tod ſtand Adele vor dem Altare, mit leiſer, bebender Stimme ſprach ſie die üblichen Formeln und wankte dann durch das geöffnete Seitengitter in ein Nebengemach, wo ihre goldenen Locken unter der uner⸗ bittlichen Scheere fielen.

Es beſteht oder beſtand wenigſtens in dieſem Kloſter der Gebrauch, daß die neueingekleidete Nonne zwei Tage in einem kleinen Vorſaal an der Kloſterpforte ausgeſtellt wurde, wo ihre Verwandten und Bekannten ſie noch ſehen und von ihr Abſchied nehmen konnten. Auch Adele finden wir hier wieder. Der Ruf von der Schönheit und Jugend der neuen Nonne lockte eine Menge Neugieriger hierher, und Adele, oder Schweſter Roſa, wie ſie nun hieß, mußte oft die Augen ſenken vor unbeſcheidenen Blicken, während helle Röthe ihre reine Stirne und die bleichen Wangen bedeckte.

Es iſt der zweite Tag dieſer Ceremonie ermattet und abgeſpannt ſehnte ſich das arme Mädchen nach dem Ende dieſer langen Abſchiedsſcene von der Welt die Pforte ſtand etwas offen und herein drang noch ein Strahl der goldenen Abendſonne; Adele wandte den Blick dorthin und ver⸗ mochte ſich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Dort in die Ecke gedrückt lehnte ein junger Mann, die dunkeln Augen ſtarr auf ſie gerichtet, die ſchmalen Lippen zuſammengepreßt, die Arme verſchränkt und über die bleiche Wange rann eine ſchmerzentpreßte Thräne da war Adelens letzte Kraft gebrochen, umſonſt faßte ſie mit den Händen nach einer Stütze mit dem gellenden Ausruf:Ottmar, Ottmar, ver⸗ gib mir! ſank ſie leblos zuſammen.

Ottmar war nach der Rückkehr von ſeinem Feldzuge nach Wien gereiſt, um dort die Medicin zu abſolviren dort er⸗ fuhr er durch die Tante Adelens Schickſal, dort erhielt er ſelbſt den letzten Brief, das letzte Lebewohl des armen Kindes, in dem ſie ihn beſchwor, ihr nicht mehr zu ſchreiben, keinen Verſuch zu machen, ſie von der Erfüllung ihres Gelübdes abzuhalten, und ihr nicht dadurch das ohnehin große Opfer noch zu erſchweren.

Seine erſte Regung war, augenblicklich abzureiſen und durch die Gewalt der Liebe, durch die Macht ſeiner über⸗ zeugenden Rede das arme Opfer übelverſtandener Frömmig keit vor der Qual eines verfehlten Lebens zu retten. Aber, wenn er Adelens Brief wieder las, dann ſank ihm Muth und Hoffnung. Er ſchrieb nur an Tante Adelheid und be⸗ ſchwor ſie, für die Geliebte zu thun, was er nicht thun konnte aber die arme Frau hatte ſich bereits erſchöpft ſie wußte nichts mehr zu ſagen noch zu thun; ſie hoffte nur noch auf ein Wunder, nur das glaubte ſie, könne den feſten, unbeugſamen Entſchluß ihrer Nichte ändern!

Adele wurde von ihren Mitſchweſtern in eine Zelle ge⸗ tragen und auf das Bett gelegt, aber als ſie nach langer Zeit aus ihrer Betäubung erwachte, blickten ihre Augen ſtarr und irre umher, ihre Wangen färbten ſich mit der Röthe des Fiebers und ihre Lippen zuckten oft und ſchmerzlich.

Wo bin ich? fragte ſie leiſe und ängſtlich.

Nonne, die bei ihr war, wollte ſie beruhigen und bot ihr ein Glas mit kühlendem Tranke an. Sie nahm es

Die

Thränen, lispelte ſie ſchluchzend,Ottmar, Ottmar, o weine nicht, ich kann dich nicht weinen ſehen, deine Thränen fallen wie glühende Tropfen auf mein Herz. O wie das brennt, im Herzen und im Kopfe, o gebt mir Waſſer, aber nicht mehr die Thränen, Waſſer, Waſſer! Die Nonne flößte ihr einige Löffel voll ein. und die Kranke wurde auf einen Augenblick ruhiger.

Aber nur auf einen Augenblick dann fingen die Phantaſien von neuem an, und der Arzt erkläste, ſie habe das Nervenfieber in einem ſehr heftigen Grade und müſſe fleißig bewacht werden, er fürchte für ihr Leben. Adelens Zuſtand blieb indeſſen ein paar Wochen völlig gleich, Fieber⸗ phantaſien wechſelten mit einer Mattigkeit, die ihr faſt jede Bewegung unmöglich machte, ſie genoß faſt gar nichts und erkannte Niemanden, nicht einmal ihre Tante, die ſie fleißig beſuchte. Eben trat dieſe in Begleitung eines geſchickten Arztes ein und fand ihre Nichte im heftigſten Delirium.

O Erbarmen, Mutter flehte ſie,habe Erbarmen mit deinem einzigen Kinde, martere mich nicht ſo ſchrecklich, mit den eiſigen Händen, wühle nicht ſo in meinem Herzen, das du zerriſſen du wirſt ſie doch nicht herausreißen, die Liebe. auch ſein Bild, ſein liebes ſchönes Angeſicht, wirſt du nicht daraus entfernen können, er hat es eingebrannt mit ſeinen Thränen. O dieſe Thränen! und ſchluchzend grub ſie ihr Angeſicht in die Kiſſen. Dann lächelte ſie wieder ſelig, und ſagte leiſe:Siehſt du Ottmar, ich habe ſie bewahrt in meinem Herzen, die Liebe und dein Bild, ſie hat mir's nicht entreißen können; Tante Adelheid, die gute Tante hat ſie bei der Hand genommen und fortgeführt und hat ihr verboten, wiederzukommen und in meinem Herzen zu wühlen!

Warum ſingſt du vom Scheiden! rief ſie plötzlich wild und heftigwarum ſcheiden? Darfſt du mich verlaſſen, jetzt, wo man mich lebendig begraben will?

Und ſchaudernd ſchlug ſie die Hände vor das glühende Geſicht. Der Arzt, ein Hausfreund Adelheid's, trat näher an das Bett und faßte die trockene, heiße Hand der jungen Nonne. Lange Zeit beobachtete er ſie ſchweigend. Durch die gute Frau, die ſeit Adelens Erkrankung wieder zu hoffen wagte, von den Verhältniſſen genau unterrichtet, hatte er den Entſchluß gefaßt, das arme Mädchen zu retten. Er ſagte deshalb zu der wachenden Nonne:

Die Kranke bedarf vor Allem reiner Luft und einer Umgebung, die ihre Natur von Jugend an kennt; und in⸗ dem er der Tante mit den Augen winkte, ſetzte er hinzu: Dieſe düſtere Zelle, deren enge Gitter kaum nothdürftig der Luft den Zugang geſtatten, iſt der Geneſung des Fräuleins zuwider; das Beſte wäre, ſie würde zu Ihnen gebracht, gnädige Frau, Ihre liebevolle Pflege würde der Kranken, die nicht bloß körperlich, ſondern mehr noch im Gemüthe leidet, ohne Zweifel ſehr zuträglich ſein!

Die Nonne ſchaute den Arzt erſtaunt an. Tante Adel⸗ heid hätte ihn für dieſe Worte am liebſten umarmen mögen, ſie beeilte ſich zu ſagen:

Ich habe das längſt gewünſcht, wagte jedoch nicht zu hoffen, daß mir das von der Frau Oberin geſtattet würde.

Ich denke, erwiderte der Doctor,das Erſte und Nothwendigſte bleibt, daß der Kranken alles zu Theil werde, was der Arzt für die Geneſung nöthig findet; in dieſer dumpfen Zelle wird ſie ſich aber nie erholen können.

Tante Adelheid wendete ſich nach der Nonne um aber ſie ſah nur noch einen Zipfel des ſchwarzen Gewandes ſie hatte ſich ſchweigend entfernt.

Gleich darauf erſchien die Oberin.

Ich höre eben, ſagte ſie etwas ſcharf,daß der Herr Doctor für nöthig findet, Schweſter Roſa aus dem Kloſter zu entfernen ſollten Sie vielleicht glauben, daß es ihr

in die Hand, gab es aber entſetzt zurück.Das ſind Ottmars

hier an der nöthigen Pflege fehlt?