Jahrgang 
1867
Seite
584
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Auf dem Rückwege begegneten wir einem eigenthümlichen Fuhrwerk, einem Wüſtenwagen von ſechs Kamelen gezogen, den ſich der Präſident der Compagnie, Herr von Leſſeps, hat bauen laſſen und der mich lebhaft an die Märchen aus Tauſend und einer Nacht erinnerte. Der Wagen iſt ein vollſtändiges Gebäude, koloſſal ſchwer und groß, und dabei flog er an uns mit wahrhafter Windeseile vorüber, ſo daß er ſchon aus dem Geſichtskreis verſchwunden war, als wir uns noch nicht von dem Staunen über die Seltſamkeit des Anblickes erholt hatten. Am Sonntag den 26. Januar früh 8 Uhr gelang es uns endlich, uns von El Giſr loszureißen. Wir traten die Rückreiſe nach Suez an. Drei Kamele nahmen uns und unſere Sachen auf, Herr Voß und der Arzt der Station be⸗ gleiteten uns noch eine Strecke weit, dann ſchieden wir von den Männern, die wir hier mitten in der Wüſte, fern vom gemeinſamen Vaterlande, raſch kennen und lieben gelernt hatten. Uns führte raſch der Weg weiter in das endloſe Sandmeer hinein, wo nur hin und wieder ein kleines blätter⸗ loſes Geſträuch, ähnlich unſrem Lebensbaum, vor den Blicken auftaucht oder ein vom Winde zuſammengewehter Hügel die kahle troſtloſe Ebene unterbricht. Nach mehreren Stunden gewann die Gegend allmählich einen andern Charakter; an Stellen, die einſt vom Meere überflutet geweſen ſein müſſen, lagen unzählige kleine weiße Muſcheln, die in der Ferne wie Schnee glänzten; dann kamen lange Strecken ganz mit Steinen bedeckt, welche ausſahen, als ob ſie ſorgſam neben einander ge⸗

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legt worden wären.

So ging es theils langſam, theils in dem abſcheulichen Kameltrab, gegen den das Fahren auf einem märkiſchen Knüppeldamm eine wahre Erholung iſt, bei brennender Sonnen⸗ hitze unſrem in weiter Ferne ſichtbaren Ziele, dem Attacka⸗ Gebirge, zu: Nach neunſtündigem Ritt erreichten wir bei völliger Finſterniß eine früher von der Suez⸗Geſellſchaft inne gehabte, jetzt nur von drei Arabern bewohnte Station, über welche vor Anlage des Süßwaſſerkanals die Lebensmittel für die Arbeiter von Suez aus weiter ins Innere des Landes transportirt wurden.

Aufs Höchſte ermüdet, legten wir uns, nachdem wir uns noch einen Thee gebraut, in unſre Reiſedecken gehüllt, auf den Sandboden in einem der Häuſer, um eine Nacht zu verbringen, nach der wir uns, an allen Gliedern ſteif, am nächſten Morgen früh wieder auf die Kamele ſetzen mußten. Aber⸗ mals ein ſechsſtündiger Ritt, dann lag Suez vor uns. Bis zum Abgange des nächſten Eiſenbahnzuges war noch einige freie Zeit, die wir am beſten zur Beſichtigung des Hafens, des Strandes vom Rothen Meere und des unbedeutenden Städtchens zu verwenden glaubten.

um ½3 Uhr Nachmittags fuhren wir mit einem Zuge, den man bei der Köln⸗Mindener ſeiner Geſchwindigkeit wegen als Courierzug bezeichnet haben würde, nach Cairo, welches wir 8 Uhr Abends erreichten.

(Fortſetzung ſolgt)

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Ein einſames Grab.

Von Stanislaus Graf Grabowski.

Die Wogen der Nordſee brauſen und branden über das flache Sandgeſtade der ſogenannten Düne Port, einer lang⸗ geſtreckten kleinen Inſel im Oſten Helgolands, mit dem ſie vor mehr als hundert Jahren noch zuſammengehangen hat; jetzt trennt ſie ein tiefer Meeresarm von mehr als zweitauſend Schritten Breite.

Zur Winterzeit iſt die Düne, der eigentliche Badeplatz für die Curgäſte, verlaſſen; die paar Gebäude, die ſich auf ihr befinden, ſtehen dann unbewohnt, weil die Verbindung mit der Inſel oft auf Wochen, ſogar Monate durch Sturm und Treibeis unterbrochen iſt. Dort ſteht ein großer Schuppen, der den Seefahrern, welche an dieſer unwirthbaren Küſte nur zu oft ſtranden und ſich auf das feſte Land retten, was ihnen ſelten gelingt, zur Nothdurft ein Unterkommen bietet; darin ſind Feuerungsmaterial, wollene Decken und ſich lang erhaltende Lebensmittel aufbewahrt. Sonſt ſteht es weit umher wild und öde aus: lange, unregelmäßige Hügel von feinem weißen Sande, denen man durch Anpflanzung von Strandhafer und Kreuzſtern ſowie auf der einen Seite durch ein hölzernes Bollwerk Halt zu geben verſucht hat, eine Unzahl von Muſcheln, Seepflanzen und Feuerſteinen, die das Meer ausſpült, hier und da das halb im Sande vergrabene Wrack eines Schiffes, das iſt Alles ein Bild der Einſamkeit, das der tief mit Wolken verhangene dunkelgraue Himmel und der trübe Nebel, welcher die Ausſicht auf die Inſel und die See verſperrt, noch ſchauriger machen.

Bricht dann einmal die Sonne hervor und haben ſich die tobenden Stürme gelegt, dann kommen wol einzelne Boote von der Inſel herüber. Vielleicht iſt in der Nacht zuvor ein Schiff auf den Klippen zerſchellt, ſeine Nothſignale mit der Kanone ſind wohl zu den Ohren der erfahrenen Lootſen ge⸗ drungen, aber dieſe haben ſich beim beſten Willen nicht hin⸗ auswagen dürfen, und das Todesgeſchrei der Schiffbrüchigen iſt im Heulen des Windes und dem Gebrauſe der ſich ſchäumend überſtürzenden Wellen verhallt. dem Strande wohl noch die aus ihren Fugen gelöſten Planken, einzelne Stücke der Ladung, zuweilen auch menſchliche Leichen.

Die Helgoländer nehmen Erſtere, nach dem Strandrecht, als

Dann findet man hoch auf

willkommene Beute an ſich, bei den Letzteren beten ſie ein Vaterunſer und beerdigen ſie auf dem Seemanns⸗Kirchhofe, der in einem Thale zwiſchen den Dünen liegt, wo Wind und Flugſand keine Hügel dulden und kein Verwandter dem namenloſen Todten ein Kreuz pflanzt.

Aber ein Grabkreuz befindet ſich doch auf der Düne, und wer Helgoland in der Badezeit beſucht hat, dem iſt es gewiß aufgefallen. Es iſt ein einfaches hölzernes Kreuz mit abgerundeten Ecken, ſchwarz angeſtrichen, von einem niedrigen Staletenzaune umgeben; die Inſchrift lautet:

Hier ruhet sanft den 28. December 1862. Die Erde ist überall des Herrn!

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Wer iſt es, der hier auf der einſamen winzigen Inſel mitten in der Nordſee die ewige Ruhe gefunden hat? Daß das Grabkreuz nur die Anfangsbuchſtaben des Namens trägt, bezeugt ſchon, daß es wieder ein namenloſes Opfer, welches die wüthende See dem friſchen Leben und der grünen Erde entriſſen hat, iſt. Die Helgoländer geben darüber folgende Auskunft:

In den letzten Tagen des Decembers genannten Jahres wüthete ein ſtarker Nordweſtſturm; alle auf See befindlichen Schiffe ſuchten ſich ſo ferne als möglich von den gefährlichen Klippen der Inſel zu halten, nur ſelten ſah man am fernen Horizonte ein Segel auftauchen und bald wieder verſchwinden. Am Abende eines der Sturmtage kam aber eine holländiſche Galleaſſe, welche die Nothflagge gehißt hatte, der Düne ziem⸗ lich nahe; man begriff die Gefahr, in der ſie ſchwebte, aber Niemand konnte helfen; die Helgoländer, die immer zur Hülfe bereit ſind, mußten ſich, als die Nacht einbrach, begnügen, für das Schiff und ſeine Mannſchaſt zu beten. In der Nacht tobte der Sturm ärger als je. Am anderen Morgen ſah man nichts mehr von dem Holländer; ruhte er ſchon auf

dem Grunde des Meeres von der ſtürmiſchen Fahrt aus oder

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